Nahverkehr : Berlins Schnellbahn wird Schleichbahn

Die modernsten Züge der S-Bahn dürfen jetzt nur noch Tempo 80 fahren. Der Grund ist ein nach wie vor nicht aufgeklärter Auffahrunfall am Bahnhof Südkreuz. Da die Takte sehr eng sind, befürchten Experten nun Verspätungen im Streckennetz.

Klaus Kurpjuweit
S-Bahn Berlin
Nur selten überholen Berliner S-Bahnen einen ICE. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Nach dem Streik bei der BVG stehen von heute an die Fahrgäste auf vielen Stecken der S-Bahn vor einer weiteren Belastungsprobe. In den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die S-Bahn zur Schleichbahn wird, wie es Experten vor allem bei Regen befürchten. Der größte Teil der Züge darf jetzt nur noch auf maximal 80 km/h beschleunigen. Verspätungen werden vor allem auf den Nord-Süd-Strecken sowie Richtung Potsdam erwartet. Ein S-Bahnsprecher wies diese Befürchtungen gestern zurück.

Die zulässige Höchstgeschwindigkeit der modernsten Züge (Baureihe 481) war bereits im vergangenen Jahr von 100 km/h auf 90 km/h reduziert worden. Grund ist ein Auffahrunfall am Bahnhof Südkreuz im November 2006, dessen Ursachen bis heute nicht eindeutig geklärt sind. Dort konnte der Triebwagenführer den Zug auf nassen und schmierigen Gleisen nicht rechtzeitig bremsen und prallte deshalb gegen ein Messfahrzeug.

Weil die S-Bahn möglichst wenig Züge einsetzen will, um Kosten zu sparen, ist der Fahrplan so gestrickt, dass die zulässige Höchstgeschwindigkeit oft ausgefahren werden muss. Auf den meisten Strecken bleibt nur ein Puffer von wenigen Minuten, um Verspätungen auszugleichen.

Problematisch sind vor allen die eingleisigen Streckenabschnitte im Umland Richtung Hennigsdorf, Oranienburg und Bernau im Norden sowie Blankenfelde, Teltow und Potsdam im Süden. Verspätet sich die S-Bahn, gehen beim Umsteigen häufig Anschlüsse verloren, was zu längeren Wartezeiten führt. In Hennigsdorf bleibt den von der Regionalbahn kommenden Fahrgästen ohnehin nur wenig Zeit zum Umsteigen in die S-Bahn. Lässt sich hier der Fahrplan nicht halten, müssen sie knapp 20 Minuten auf den nächsten Zug warten.

Ausgerechnet auf den problematischen Nord-Süd-Strecken setzt die S-Bahn nur die Baureihe mit der Tempobegrenzung ein. Züge der Baureihe 480, die einst im Auftrag der BVG entwickelt worden waren, fahren nicht mehr durch den Tunnel. Dass diese Regel getroffen worden ist, nachdem zwei dieser Fahrzeuge auf dieser Strecke, unter anderem im Anhalter Bahnhof, ausgebrannt waren, habe nichts mit den Bränden zu tun, hatte die S-Bahn nach der Umstationierung dieser Züge versichert. Aber auch jetzt ist nicht daran gedacht, diese Bahnen wieder durch den Tunnel fahren zu lassen.

Bei Regen wird die Verspätungsgefahr noch größer. Weil die Triebwagenführer bei nassen Schienen frühzeitiger bremsen müssen, um in Bahnhöfen an den vorgeschriebenen Stellen halten zu können, müssen sie anschließend die dadurch eingebüßte Zeit mit einer höheren Geschwindigkeit ausgleichen.

Voll beschleunigen dürfen die Züge der Reihe 481 erst wieder nach einem geplanten Umbau. Modifiziert werde das Anti-Blockier-System, sagte ein Sprecher. Einen Termin für den Abschluss der Arbeiten gibt es noch nicht.

Auch in anderen Bundesländern gibt es bei neuen S-Bahnen nach Bremsproblemen Tempobegrenzungen. In München musste deshalb der Fahrplan eingeschränkt werden. In Berlin will die S-Bahn zunächst abwarten. Sollte es regelmäßige Verspätungen gebe, werde der Fahrplan „angepasst“, sagte der Sprecher.

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