Nahverkehr in Berlin : BVG setzt auf Oldtimer

Auf der U 55 fahren bald nur noch Züge aus den 1950er-Jahren. Die BVG steckte hierfür 1,9 Millionen Euro in die alten Wagen.

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Traum in Grün-Braun: Jahrzehntelang prägten die Wagen der Baureihe D den Verkehr im Untergrund.
Traum in Grün-Braun: Jahrzehntelang prägten die Wagen der Baureihe D den Verkehr im Untergrund.Foto: Klaus Kurpjuweit

Auch Ältere können prima aussehen. Sogar bei der U-Bahn. Die BVG hat jetzt einen Oldie, der längst zum Museumsbestand gehörte, aufmöbeln lassen – und er sieht fast so aus wie sein Urahn bei der Auslieferung Ende der 1950er Jahre. Zwei weitere Veteranen folgen noch. Im nächsten Frühjahr sollen die ältesten Züge dann auf der modernsten Strecke im Netz fahren: Auf der erst 2009 eröffneten U 55 zwischen Brandenburger Tor und Hauptbahnhof. 1,9 Millionen Euro hat sich die BVG die Fahrt zurück in die Vergangenheit kosten lassen.

Sie will damit aber nicht Nostalgiker erfreuen, sondern reagiert nur auf den Fahrzeugmangel bei der U-Bahn. Durch das Auferstehen der alten Züge kann die BVG modernere Fahrzeuge von der U 55 abziehen und damit den Betrieb auf der nachfragestarken U 6 (Alt-Tegel–Alt-Mariendorf) durch den Einsatz eines zusätzlichen Zuges verstärken.

Die Alt-Fahrzeuge halten den Einsatz auf der U 55 aus, ist der Abteilungsleiter U-Bahn-Fahrzeuge, Martin Süß, überzeugt. Auf der nur 1,8 Kilometer langen Stummellinie, die derzeit bis zum Alexanderplatz verlängert und dann U 5 heißen wird, legten die drei dort vorhandenen Zwei-Wagen-Züge, Doppeltriebwagen genannt, zusammen jährlich rund 120 000 Kilometer zurück; etwa so viel, wie ein einzelner Doppeltriebwagen im übrigen Netz schafft. Die täglich etwa 6500 Fahrgäste strapazierten die Züge auch nicht so sehr wie auf den anderen Linien, sagte Süß am Mittwoch, als die BVG den ersten reaktivierten Doppeltriebwagen vorstellte. Die Vorführfahrt absolvierte er jedenfalls ohne sichtbare Probleme.

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Die Züge aus den 1950'er-Jahren erledigen noch heute ihre Aufgaben

Die für die West-BVG in den 1950er Jahren entwickelten Züge waren die ersten Neubauten nach dem Krieg. Ohne großen technischen Schnickschnack gebaut, erledigen sie noch heute ihre Aufgaben, auch wenn sie schon weit mehr als 50 Jahre hinter sich haben. Zwei der Doppeltriebwagen waren auch nach ihrer Ausmusterung, 2004 war Schluss für die sogenannte Baureihe D ("Dora"), als Museumsfahrzeug unterwegs; der dritte war ein Materiallager. Er war auch im schlechtesten Zustand. In Form gebracht haben sie die Fahrzeugwerke Miraustraße in Hennigsdorf.

Dabei wurden die Züge den heutigen Sicherheitsanforderungen angepasst. Neu sind unter anderem Kameras in den Zügen, mit Sprechstellen kombinierte Notgriffe sowie Tasten statt Griffen zum Öffnen der Türen. Beim Schließen gibt es zudem einen Warnton und eine blinkende Leuchte, was die Ahnen ursprünglich nicht besaßen. Im Innern haben sie die grünen Polster aus der Vergangenheit behalten, allerdings neu bezogen. Das Material gebe es noch heute einfach zu kaufen, sagte Süß. An die Vergangenheit erinnern auch noch alte Werbeplakate.

Außen sollen die Züge noch etwas ganz Besonderes werden. Sie erhalten noch spezielle Folien mit Motiven, die sich auf den Einsatz zwischen Hauptbahnhof, Bundestag und Brandenburger Tor beziehen. Mehr wollte Süß am Mittwoch noch nicht verraten. Spannung muss sein. Bevor die Züge zur U 55 kommen, testet die BVG die "neuen" Oldtimer noch im Alltagsbetrieb auf anderen Linien.

Auch Züge aus DDR-Zeiten sollen wieder fahren

Sie will, wie berichtet, auch noch einen weiteren Veteranen fahren lassen. Während der Internationalen Gartenschau IGA vom 13. April bis 15. Oktober 2017 setzt sie auf der U 5 zwischen Alexanderplatz und Hönow, auf der auch der IGA-Bahnhof Kienberg–Gärten der Welt liegt, der heute noch Neue Grottkauer Straße heißt, für Sonderfahrten einen Oldtimer aus DDR-Zeiten ein: Ein Fahrzeug der Baureihe EIII, dessen Technik zum Teil aus den 1920er Jahren stammt.

Weil Züge fehlten, hatten die Ost-Berliner Verkehrsbetriebe ehemalige S-Bahn- Fahrzeuge zu U-Bahnen umbauen lassen. Auch sie sind längst aus dem Betrieb verschwunden und kehren nun nochmals kurz zurück.

Die Oldies für die U 55 sind auch wieder fürs Museum bestimmt, wenn die U 5 nach derzeitigem Stand 2020 durchgehend von Hönow bis zum Hauptbahnhof fahren wird. Mal sehen, ob die "Doras" auch in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang so lange durchhalten. Dorthin hat die BVG über Zwischenhändler früher einige dieser Züge verkauft.

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