Nahverkehr : Stolperfalle S-Bahn

Spalten und Stufen gefährden Fahrgäste. Nun soll deutlicher gewarnt werden – die Probleme aber bleiben

Klaus Kurpjuweit
S-Bahn Berlin
Unfallgefahr: Zu hohe Stufen und zu breite Spalten auf Berliner S-Bahnhöfen. -Foto: dpa

BerlinPlötzlich war das dreijährige Kind weg – verschwunden im Spalt zwischen der S-Bahn und dem Bahnsteig im Anhalter Bahnhof. Zwei schnell reagierende Fahrgäste zogen das Mädchen wieder nach oben. Passiert war ihm nichts. Ein Rettungswagen, wie es der Triebfahrzeugführer angeboten hatte, musste nicht gerufen werden. Auch nicht für die schockierte Mutter, der das Mädchen beim Einsteigen einfach auf der Hand geglitten war. Der sechsjährige Sohn, den sie an der anderen Hand gehalten hatte, schaffte den Schritt.

Das Gleis Richtung Oranienburg liegt im Anhalter Bahnhof in einer Kurve. Deshalb gibt es an einigen Türen einen großen Spalt zwischen dem Fahrzeug und dem Bahnsteig. Groß genug, um ein kleines Kind, das beim Einsteigen einen falschen Schritt macht, aufzunehmen. Warnschilder gibt es nur an Pfeilern – im Rücken der Fahrgäste.

Mehr Sicherheitshinweise – getan wird nichts

Jetzt will die S-Bahn die Hinweise verbessern, um deutlicher auf die Gefährdung hinzuweisen. Die BVG hat solche Warnungen jetzt zum Beispiel auf dem Bahnhof Alexanderplatz am Bahnsteig der U 2 (Pankow-Ruhleben) auf dem Fußboden direkt an der Bahnsteigkante angebracht. Der konstruktiv bedingte Abstand zwischen Zug und Bahnsteigkante lasse sich nicht verringern oder gar vermeiden, teilte ein S-Bahn-Sprecher mit. Man könne die Fahrgäste deshalb nur bitten, bei starken Krümmungen der Bahnsteigkante beim Ein- und Aussteigen besonders aufmerksam zu sein.

Wie breit ein solcher Spalt sein darf, ist nach Angaben des aufsichtsführenden Eisenbahn-Bundesamtes in Bonn gesetzlich nicht geregelt. Aufgrund einer Vielzahl von Unfällen beim Ein- und Aussteigen bundesweit will das Amt aber jetzt sicherstellen, dass Fahrgäste nicht gefährdet werden. So sollen auch die Vorschriften für das „technikbasierte Abfertigungsverfahren“, das auch die S-Bahn netzweit einsetzen will, verschärft werden. Notfalls will das Amt auch vorschreiben, Zugbegleiter einzusetzen. Wie viele der 166 Bahnhöfe der S-Bahn das Spaltproblem haben, war nicht zu erfahren.

Uneinheitliche Bahnsteighöhen erhöhen die Gefahr

Viele Stationen der S-Bahn sind ohnehin Stolperfallen. Die Höhen der Bahnsteige und der Fußböden in den Zügen sind oft verschieden und bilden dann eine Stufe. Immer wieder stürzen deshalb Fahrgäste beim Ein- oder Aussteigen. Weil die Fußböden der alten Fahrzeuge höher waren als die genormten Bahnsteige, hatte die Reichsbahn der DDR sich vom Verkehrsministerium genehmigen lassen, die Bahnsteighöhe von den üblichen 96 Zentimetern auf 1,03 Meter zu steigern. Die Fußböden der Züge waren 1,1 Meter hoch angebracht. Auch die BVG, die 1984 den Betrieb der S-Bahn im Westteil der Stadt übernommen hatte, hielt sich an diese Vorgaben und bestellte ihre neuen Fahrzeuge mit der alten Fußbodenhöhe.

Nach der Einheit ordnete das Bundesverkehrsministerium 1994 aber an, dass es auch in Berlin nur Bahnsteige mit 96 Zentimeter Höhe geben darf, was nun wieder für alle Bahnhofsneu- und -umbauten galt. Das modernste Fahrzeug hat deshalb auch eine Fußbodenhöhe von 96 Zentimetern. So gibt es im S-Bahn-Netz außer den konstruktiv bedingten breiten Spalten auch administrativ angeordnete unterschiedlich hohe Bahnsteige und verschiedene Höhen bei den Fußböden der Züge, die zu Stolperfallen führen können, wenn beides nicht zusammenpasst.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.03.2009)

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