Neue Ausstellung im C/O Berlin : Brandenburgs Jugend in Bildern

Unter dem sozialen Wandel in Brandenburgs Städten wie Lübbenau leiden besonders die Jugendlichen. Der Nachwuchskünstler und Fotograf Daniel Seiffert hat sie mit der Kamera begleitet. Entstanden sind Momentaufnahmen einer Jugend, die nicht so verloren ist, wie es scheint.

von
Ausstellung "Kraftwerk Jugend" in der Galerie C/O. Die Jugendweihe ist nicht immer ein Quell der Freude, wie dieses Foto zeigt.Alle Bilder anzeigen
Foto: Daniel Seiffert
08.08.2012 16:33Ausstellung "Kraftwerk Jugend" in der Galerie C/O. Die Jugendweihe ist nicht immer ein Quell der Freude, wie dieses Foto zeigt.

Es müsste einer der schönsten Tage ihres Lebens sein. Sie müsste lachen vor Freude, vielleicht wild gestikulieren, irgendwie ausflippen. Doch ihr Blick ist gesenkt, das Gesicht regungslos. Das Mädchen an dem festlichen gedeckten Tisch wirkt in sich gekehrt und einsam inmitten der Menschen, die im Hintergrund zu sehen sind. Wie eine aus der Zeit gefallene Prinzessin, die nicht weiß, ob sie sich auf die Zukunft freuen oder sich vor ihr fürchten soll. Und das am Tag ihrer Jugendweihe, die doch den Beginn einer neuen Lebensphase markieren soll. Das Ende der Kindheit, den Anfang der Jugend. Den allmählichen Übergang zum Erwachsenwerden.

Im Bild festgehalten wurde das Mädchen von Daniel Seiffert. Knapp anderthalb Jahre, von Mai 2010 bis Ende 2011, begleitete der Berliner Fotograf Jugendliche aus dem südbrandenburgischen Lübbenau. Er hing mit ihnen an der Skateboard-Rampe ab, fuhr mit ihnen an den Baggersee, zog mit ihnen um die Plattenbauten. Und mit einigen feierte er sogar Jugendweihe. Immer dabei: seine Kamera. Die entstandenen Aufnahmen waren Seifferts Abschlussarbeit an der renommierten Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Weißensee. 76 Bilder hat der Nachwuchskünstler vor kurzem als Buch veröffentlicht, es trägt den Titel „Kraftwerk Jugend“. Eine Auswahl von 25 Motiven ist derzeit in der „Talents“-Reihe der Fotogalerie C/O Berlin in Mitte zu sehen.

Warum es ihn ausgerechnet nach Lübbenau verschlagen hat? Daniel Seiffert, 32, kariertes Hemd, knielange Hose, verwegener Blick unter verwuschelten Haaren, sitzt in einem Restaurant an der Oranienburger Straße und erzählt die Geschichte. Seine WG-Mitbewohnerin, eine Italienerin, wollte ihre soziologische Abschlussarbeit über schrumpfende Städte schreiben und bat ihn wegen Sprachschwierigkeiten um Hilfe. Nach einiger Recherche kamen sie auf Lübbenau. Die Stadt im Landkreis Oberspreewald-Lausitz kämpft seit der Wende gegen den demografischen Wandel. Mit ihrem Braunkohlekraftwerk, das 1959 ans Netz ging, den programmatischen Namen „Jugend“ trug und die Hauptstadt mit Strom versorgte, war sie der Motor einer ganzen Region. 1994 wurde der Betrieb jedoch eingestellt. Mehrere tausend Arbeitsplätze fielen weg, für viele Menschen gab es plötzlich keinen Grund mehr zu bleiben – das Durchschnittsalter der Bewohner stieg von 28 Jahren auf Mitte 40.

Aufgrund dieser Fakten fragte sich Seiffert: Wie fühlt es sich an, jung zu sein in einer Stadt, in der alle nur über das Altern reden? Auf der Suche nach Antworten kam er mit einheimischen Jungs und Mädchen ins Gespräch. Um deren anfänglicher Skepsis zu begegnen, bot er ihnen einen Foto-Workshop an. Mit Einwegkameras sollten sie ihre Stadt fotografieren. Über die Bilder entwickelte sich ein Dialog, und Seiffert gewann das Vertrauen der Jugendlichen. Sie erzählten ihm von ihrem Leben, ihrem Alltag. Und ließen ihn mit seiner Kamera daran teilhaben.

Entstanden sind Momentaufnahmen einer Jugend, die sich ihrer vermeintlichen Verlorenheit stellt. Bonjour Tristesse? Keineswegs. Die porträtierten Jungs und Mädchen wirken mal verunsichert, dann wieder stark und zuversichtlich. „Ich hatte das Gefühl, dass sich die Jugendlichen aufgrund ihrer Situation viel mehr mit existenziellen Fragen beschäftigen als anderswo“, sagt Seiffert. Bleiben oder gehen – vor dieser Entscheidung steht in Lübbenau jeder irgendwann. „Zwar liegt in meinen Bildern eine Grundmelancholie, aber Melancholie ist ein Zustand, der auch progressiv sein und Kräfte freisetzen kann.“

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben