Neue Brücke in Treptow : Der 420-Meter-Sprung über die Spree

Der Bau hat längst begonnen, ganze ohne symbolischen Spatenstich und Politikerreden. Die neue Brücke in Treptow wird mal die zweitlängste Spreequerung der Stadt sein. Und weitere Projekte sind schon in Planung.

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Eleganter Schwung. Vor einigen Wochen begann der Bau der neuen Spreebrücke in Treptow. 2016 sollen hier die ersten Autos fahren.
Eleganter Schwung. Vor einigen Wochen begann der Bau der neuen Spreebrücke in Treptow. 2016 sollen hier die ersten Autos fahren.Simulation: Ingenieurbüro Grassl

Berlin, die Stadt der 1000 Brücken, macht sich nicht viel aus ihren Überführungen. Die Brückenbauabteilung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ist chronisch unterbesetzt, dringende Sanierungen bleiben aus, baufällige Brücken werden gesperrt oder bekommen ein Tempolimit verpasst.

Brücken machen Ärger; vielleicht liegt es daran, dass der Neubau einer eleganten Spreebrücke in Treptow ohne öffentlich inszenierten Spatenstich einfach so begonnen hat. Dabei setzt die Brücke mit sechs Meter hohen Lichtstelen an den Köpfen und einer Gesamtlänge von 420 Metern einen städtebaulichen Akzent – in einer eher unwirtlichen Gegend an der Mündung des Britzer Zweigkanals in die Spree, dem sogenannten Zickenwinkel. Wie es dort aussieht, kann man derzeit auf einem Youtube-Video besichtigen.

Mit 420 Metern wird das neue Bauwerk nach der Rudolf-Wissell-Brücke im Zuge der Stadtautobahn (932 Meter) die zweitlängste Spreequerung sein. Das liegt daran, dass neben der Spree auch das westliche Ufergebiet überspannt wird. Das spart erhebliche Entsorgungskosten, denn gleich neben der neuen Brücke erhebt sich ein markanter Kegel, eine elf Meter hohe Giftpyramide mit Rückständen des ehemaligen VEB Kali-Chemie.

Die Brücke soll rund 50 Millionen Euro kosten und Ende 2016 fertig sein. Bislang wurden die Fundamente der Widerlager betoniert und Spundwände in die Spree gerammt. Entworfen hat die Brücke das Ingenieurbüro Grassl, das auch die Erweiterung der Stadtautobahn nach Treptow betreut.

Die noch namenlose Querung gehört zum Straßenprojekt Südostverbindung zwischen Rummelsburger Straße und Autobahn 113 am Teltowkanal. Damit sollen die stauträchtigen Ost-West-Verbindungen in Treptow entlastet werden.

An den Brückenköpfen sollen sechs Meter hohe Lichtstelen den Beginn der Überfahrung markieren.
An den Brückenköpfen sollen sechs Meter hohe Lichtstelen den Beginn der Überfahrung markieren.Foto: Ingenieurbüro Grassl

Brückenschläge über die Spree sind im Ostteil der Stadt nicht allzu zahlreich. Die Waisenbrücke in Mitte zwischen Wallstraße und Littenstraße wurde nach Kriegsschäden nicht wieder aufgebaut. Das gleiche Schicksal erlitt die Brommybrücke zwischen der Kreuzberger Brommystraße und der Friedrichshainer Mühlenstraße. An die Brücke erinnert noch ein ruinöser Pfeiler in der Spree. Der Wiederaufbau ist geplant, aber nur noch als Rad- und Fußgängersteg.

Zur neuen Spreebrücke in Treptow existiert kein zerstörtes Vorbild, hier gab es noch nie eine Querung. In der Nähe verbindet die Spreefähre F 17 Plänterwald mit Oberschöneweide.

Die nächstgelegenen Brücken sind allerdings historische Bauten: Stubenrauchbrücke und Treskowbrücke. Sie verbinden das ehemalige AEG-Industrierevier mit der Stadt westlich der Spree. Weil diese alten Brücken dem wachsenden Verkehr nicht mehr standhalten, ist eine weitere Brücke geplant, die Wilhelminenhofbrücke nach Adlershof. Hier ist noch kein Baubeginn absehbar.

Von 1990 bis 2009 wurden einer Senatsstatistik zufolge 172 Brückenbauwerke für rund eine Milliarde Euro saniert, ersetzt oder komplett neu gebaut. Trotz dieser Anstrengung wird der Sanierungsstau bei den Brücken eher länger als kürzer.

Die Längste. Sie überspannt den S-Bahnring, die Charlottenburger Schleuse und Kleingärten. Die Rudolf-Wissell-Brücke ist mit gut 930 Metern die längste Spreebrücke der Stadt.
Die Längste. Sie überspannt den S-Bahnring, die Charlottenburger Schleuse und Kleingärten. Die Rudolf-Wissell-Brücke ist mit gut...Foto: dpa

Rund 50 Brücken gelten derzeit als sanierungsbedürftig, für sieben gilt nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung dringender Handlungsbedarf. Dazu gehörten die Potsdamer Brücke über dem Landwehrkanal in Tiergarten, die Lindenhofbrücke in Pankow sowie die Tegeler Hafenbrücke. Auch die lange Rudolf-Wissell-Brücke gehört zu den Sanierungskandidaten.

Die überraschende Teilsperrung der Freybrücke über die Havel im Januar hatte die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert. Ohne funktionierende Brücken bricht der Verkehr in der Stadt zusammen. Mehr Geld für Infrastruktur fordern alle drei Kandidaten für die Nachfolge des Regierenden Bürgermeisters.

Sanierungsstau der öffentlichen Infrastruktur in Berlin
Eine komplette energetische Sanierung aller Schulen würde nach Berechnung der Finanzverwaltung des Senats vier Milliarden Euro kosten. Dazu gehören der Wärmeschutz nach der gültigen Energiesparverordnung, die Modernisierung der Heizungsanlagen, neue Beleuchtungs- und Belüftungssysteme und der Einsatz regenerativer Energien. Der Vollständigkeit halber: Um alle übrigen Bezirksgebäude auf den neuesten Stand der Energietechnik zu bringen, würden weitere zwei Milliarden Euro benötigt. Für die Schul- und Sportstättensanierung stehen jährlich aber nur 64 Millionen Euro im Landeshaushalt zur Verfügung. Etwas weniger aussichtslos erscheint die Lage, wenn man nur die dringend notwendigen Sanierungs- und Umbaumaßnahmen betrachtet. Dann kostet die Beseitigung des Investitionsstaus an den Schulen nach Schätzung der betroffenen Bezirke „nur“ eine Milliarde Euro. Dabei geht es nicht nur um Energieeinsparungen, sondern auch um die Ausbesserung von Fassaden, Fenstern, Klassenräumen, Toiletten und Duschen.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Doris Spiekermann-Klaas
01.08.2013 15:56Eine komplette energetische Sanierung aller Schulen würde nach Berechnung der Finanzverwaltung des Senats vier Milliarden Euro...

Einen würdigen Namen für die neue Spreebrücke in Treptow gäbe es schon: Hatun-Sürücü-Brücke. Nach dem Opfer eines Ehrenmordes sollte eigentlich die neue Bücke aufs Tempelhofer Feld benannt werden, hatte die BVV Tempelhof-Schöneberg beschlossen. Doch das Bauwerk war mit dem erfolgreichen Volksentscheid gegen die Baupläne auf dem Feld obsolet geworden.

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