Neue Pisa-Sonderauswertung : Tausende Berliner Schüler sind Mobbing-Opfer

In Berlin wurden in diesem Schuljahr 58 Fälle von Mobbing an Schülern gemeldet. Doch die tatsächliche Zahl dürfte weitaus höher liegen. Eltern fordern mehr Transparenz und Austausch.

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Keine Seltenheit: Gewalt auf dem Schulhof
Keine Seltenheit: Gewalt auf dem SchulhofFoto: Oliver Berg/dpa

Landeselternsprecher Norman Heise nennt es den „blinden Fleck“, und damit hat er wohl Recht: Das Problem „Mobbing“ an Berlins Schulen spielt sich weitgehend im Verborgenen ab. Dies belegen die aktuellen Zahlen der Berliner Bildungsverwaltung. Demnach wurden in diesem Schuljahr nur 58 Mobbing-Fälle gemeldet, obwohl Tausende Schüler von dem Phänomen betroffen sein müssten, wie die jüngste Pisa-Studie nahelegt.

Nicht um Leistung, sondern um das Wohlbefinden der Schüler geht es in der aktuellen Auswertung der OECD. Auch Berliner Schüler waren unter den 10.500 befragten deutschen Neuntklässlern. Wenn man davon ausgeht, dass auch in Berlin jeder sechste Neuntklässler von Mobbing betroffen ist und dass für die anderen Klassenstufen in der Oberschule ähnliche Zahlen gelten, müssten in Berlin Tausende, wenn nicht Zehntausende Schüler Opfer von Mobbing-Attacken sein. Grund genug für Landeselternsprecher Heise, hier nicht nur einen „blinden Fleck“ auszumachen, sondern auch mehr Offenheit im Umgang mit dem Problem zu fordern. „Die Schulen müssen den Austausch in den Gremien suchen“, steht für Heise fest. Eltern- und Schülervertretungen sollten sich zusammen mit der Schule „Klarheit verschaffen, was los ist“.

Auf Instagram werden die anonymen Botschaften gesammelt

Wie viel Ungutes im Verborgenen passiert, macht das neue Phänomen der sogenannten Beichtstühle deutlich. Wie berichtet, gibt es immer mehr Schulen, deren Schüler anonym auf dem Social-Media-Portal Instagram über Mitschüler und Lehrer lästern. Oftmals wissen weder Schulleiter noch Eltern davon. Aber selbst wenn sie Kenntnis erhalten, sind sie überfordert mit der Aufgabe, dagegen anzugehen. Heise empfiehlt daher, sich – etwa mit Hilfe der Gelder aus dem Bonusprogramm – Experten zu holen, die die Schule technisch und pädagogisch beraten können. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verweist zudem auf die vielfältigen Programme, bei denen sich Schulen Hilfe holen können, die mit Mobbing oder Cybermobbing - also Mobbing im Netz - zu tun haben. Zuletzt hat das Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum) eine Handreichung dazu erstellt.

Mutlu fordert Ressourcen für mehr Prävention

Der grüne Bundestagabgeordnete Özcan Mutlu sieht angesichts des Mobbing-Ausmaßes „großen Anlass zur Sorge“. Zwar sei erfreulich, dass die Neuntklässler überwiegend zufrieden mit ihrem Leben seien und sich gut in ihrer Schule integriert fühlten. Aber dass fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing werde, könne nicht hingenommen werden: „Schule muss ein Ort der Vielfalt, Akzeptanz und des Wohlfühlens sein“, fordert Mutlu. Körperliche oder seelische Misshandlung durch Mitschüler dürfe nicht zum Schulalltag gehören. Daher müsse das Lehrpersonal zur effizienten Mobbingprävention besonders geschult werden. Hierfür bedürfe es weiterer Ressourcen.

Bundesweit eine Million Mobbingopfer unter Schülern

Tatsächlich sind die Ressourcen knapp. So sucht FU-Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer gerade neue Sponsoren für sein Programm „Fairplayer“, bei dem deutschlandweit Schulen in ihrem Kampf gegen Mobbing unterstützt werden. Seit Jahren sponsert die Deutsche Bahn Stiftung die Initiative, aber die Nachfrage übersteigt die Mittel, sodass es inzwischen eine Warteliste bei Fairplayer gibt, berichtet Scheithauer. Angesichts von deutschlandweit rund einer Millionen von Mobbing betroffenen Schülern sei es notwendig, „dass Schulen das zum Thema machen“ - auch in Grundschulen.

Eltern sprechen mit ihren Kindern wenig über Schule

Landeselternsprecher Heise wies am Mittwoch aber auch auf weitere – und widersprüchliche – Ergebnisse der OECD- Studie hin. So gäben 91 Prozent der Eltern an, täglich mit ihren Kindern zu sprechen. Allerdings sprächen nur rund 30 Prozent täglich oder fast täglich mit ihren Kindern über Schule – der vorletzte Platz im OECD-Ranking . Ebenso widersprüchlich sind die Befunde zum Kontakt mit den Lehrern: Zwar nehmen über 90 Prozent an Elternabenden teil, aber nur knapp 30 Prozent suchen den individuellen Austausch mit den Lehrkräften, zitiert Heise die Studie. Sein Fazit lautet: „Eltern sollten noch häufiger mit ihren Kinder über Schule sprechen und auch Kontakt zur Schule außerhalb von Elternabenden halten“.

Einen Aspekt vermisst Heise allerdings in der Studie: Die OECD fragt nicht nach der Zufriedenheit der Schüler mit den Räumlichkeiten, obwohl der Klassenraum doch gemeinhin als der „dritte Pädagoge“ bezeichnet wird. Angesichts der Berliner Erfahrungen mit Dreck und Sanierungsstau fände es Heise aufschlussreich, auch diesen Aspekts von Schule zu beleuchten. Ob die OECD das vorhat, war am Mittwoch nicht zu erfahren.

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