• Neue Solidaritätsaktionen gestartet - wenn die Videothek nicht vor Jahresende wiedereröffnen kann, ist das das Auis

Berlin : Neue Solidaritätsaktionen gestartet - wenn die Videothek nicht vor Jahresende wiedereröffnen kann, ist das das Auis

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Mit einer einstweiligen Verfügung wollen die Anwälte der stadtbekannten Videothek "Videodrom" die baldige Wiedereröffnung erreichen. Der Laden an der Mittenwalder Straße in Kreuzberg ist seit zwei Wochen geschlossen. Die Hoffnung auf eine Entscheidung in dieser Woche machte das Verwaltungsgericht gestern aber zunichte: "Der Eilantrag ist noch lange nicht entscheidungsreif", sagte ein Sprecher. Man brauche noch Akten aus dem Wirtschaftsamt. Videodrom-Mitinhaberin Ines Ruf betonte, das Geschäft mit 13 Mitarbeitern sei akut bedroht: "Wenn wir bis zum Jahresende nicht wieder aufmachen können, ist das unser Aus."

Die Videothek und Wohnungen der Betreiber waren, wie berichtet, am 23. November durchsucht worden. Zuvor hatte ein Rechtsanwalt aus einem westlichen Bundesland Anzeige gestellt. Es ging um den Verdacht, dass gewaltverherrlichende Filme im Sortiment seien, die bundesweit beschlagnahmt oder als jugendgefährdend eingestuft wurden. Im Auftrag der Staatsanwaltschaft nahm die Polizei rund 1000 Filme aus den Regalen und dem Lager mit, außerdem elf Computer und Akten inklusive der Kundenkartei mit 20 000 Namen.

Videodrom gilt als führendes Verleih- und Versandgeschäft für Horrorstreifen, Zeichentrick, schwul-lesbische Produktionen und Filmkunst in fremdsprachigen Originalfassungen. Ob darunter unzulässige Filme waren, bleibt weiter unklar: Die Justiz wollte auch gestern nichts zum Ermittlungsstand und der Dauer des Verfahrens sagen. "Das wäre nicht seriös", so Sprecherin Michaela Blume. Sie betonte aber, dass die Staatsanwaltschaft "mit der Schließung nichts zu tun" habe. Dies sei allein Sache des Wirtschaftsamts Kreuzberg. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne), der die Behörde seit kurzem kommissarisch leitet, war nicht erreichbar.

Die Solidaritätsaktionen weiten sich derweil aus. Filmemacher wie Detlev Buck, Jörg Buttgereit und Tom Tykwer, Schauspieler wie Sophie Rois, Jürgen Vogel und Franka Potente und viele andere Künstler protestierten schon gegen die Schließung. Von morgen an zeigen elf Off-Kinos einige Filme, die im Videodrom beschlagnahmt wurden, obwohl sie nicht indiziert sind - so etwa "Wild at Heart" von David Lynch und "100 Jahre Adolf Hitler" von Christoph Schlingensief. Mehrere Musik-Clubs planen für die kommende Woche Benefiz-Konzerte und -Partys. Am 17. Dezember um 19.30 Uhr gibt es eine Podiumsdiskussion in der Akademie der Künste.

Die Razzia war kein Einzelfall, sondern allein bei Videodrom die vierte Aktion der Staatsanwaltschaft seit der Eröffnung vor zehn Jahren. "Bisher wurden die Ermittlungen immer eingestellt", berichtet Ines Ruf. In Berührung mit der Staatsmacht kam auch schon die Videothek "Incredibly Strange Video" in Schöneberg, die ein weitgehend ähnliches Sortiment anbietet. Vor rund einem Jahr gab es eine Durchsuchung, bei der 50 Filme sichergestellt wurden. Laut Andrian Widmann, einem der Betreiber, war dies "in 49 Fällen unrechtmäßig". Ein Horror-Film sei zuvor allerdings bundesweit beschlagnahmt worden, gab er zu.

Nahe dem Videodrom liegt der Comicladen "Grober Unfug" an der Zossener Straße, der bereits 1995 ins Visier der Fahnder geriet. Eine Staatsanwältin ließ mehr oder weniger erotische Comics im Wert von rund 2000 Mark beschlagnahmen. Die einzigen nicht jugendfreien Werke stammten laut Mitarbeitern aber nicht aus den Regalen, sondern dem Lager, und wurden nur auf Nachfrage an Erwachsene verkauft. Dennoch bekam man kein einziges Heft zurück.Was halten Sie von der Schließung der Videothek? Diskutieren Sie mit im Internet unter www.meinberlin.de/forum

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