Berlin : Nicht nur zumVergnügen

Eine Unterhaltungsarena, die auch politische Kampfstätte war: Vor 30 Jahren wurde der Sportpalast abgerissen

Bernd Matthies

Das Gebäude war kontaminiert, von Goebbels und seiner Kriegshetzerei verschmutzt bis in alle Ewigkeit, und deshalb sahen nicht wenige Berliner gern, dass es abgerissen wurde. Viel mehr aber trauerten einfach um ein Stück Stadt: Vor genau 30 Jahren, am 13.November 1973, krempelten die Arbeiter die Ärmel auf an der Ecke Potsdamer/Pallasstraße, die eiserne Birne krachte in die Fassade, und der Sportpalast fiel. Einen richtigen Ersatz gibt es bis heute nicht.

Der Mythos Sportpalast war der Mythos einer Vergnügungsstätte für das ganze Volk. Irgendwo zwischen Heuboden und Arena fand jeder seinen Platz, mittellose Unbekannte und begüterte Stars. Deutlich wurde das vor allem in der größten Zeit des Palastes in den Zwanziger Jahren. Das erste Jahrzehnt nämlich lief schief: Schon drei Monate nach der Eröffnung 1910 war die Firma pleite; dann versuchte man es als „Hippodrom-Palast“, als „Volkspalast Odeon“. Später kam der Krieg, es wurden im Oval Waffen gelagert und Kleider gesammelt, schließlich zog ein Kino ein, bis man sich 1921 an die ursprüngliche Zweckbestimmung, den Sport, erinnerte. Bei Boxkämpfen, Eishockeyturnieren und vor allem Sechstagerennen entstand jene Atmosphäre, die den Ruhm des Hauses begründete. Kapellmeister „Otto-Otto“ Kermbach annektierte den Walzer „Wiener Praterleben“ zum Sportpalast-Walzer, und der Kriegsinvalide Reinhold Habisch, genannt „Krücke“, pfiff dazu vom Heuboden herab zwischen den Fingern.

Parallel wurde der Sportpalast zur politischen Kampfstätte. Ernst Thälmann trat 1925 zum Gedenken für den kurz zuvor gestorbenen Lenin auf, zahllose hitzige Wahlkampfschlachten wurden geschlagen, 1928 hielt Hitler hier seine erste Rede in Berlin. 1938 formulierte Hitler von hier aus sein Ultimatum an die Tschechen, und Goebbels stellte am 18.Februar 1943 die schicksalhafte Frage: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Nach dem totalen Krieg blieb die Ruine liegen, bis der Eishockeyspieler und Bankier Heinz Henschel 1951 sie notdürftig herrichten und unter freiem Himmel eine Eisrevue auftreten ließ. Doch die Gesellschaft ging wieder einmal bankrott, und erst 1953 spendierte der Senat eine Bürgschaft für den Wiederaufbau. Der Eröffnung im April 1953, diesmal mit Dach, folgte eine erfolgreiche Phase mit Eislauf, Bockbierfesten, Basketballspielen und Konzerten. 1958 wagte sich auch die SPD zu einer Kundgebung wieder in das politisch vergiftete Gebäude, nur einige Monate, bevor die Fans des Rock’n’-Rollers Bill Haley die Einrichtung kurz und klein schlugen.

50 Verletzte, 80000 Mark Sachschaden – ein Misston auf dem Weg des Sportpalastes zur wichtigsten Rockarena der Stadt neben der Deutschlandhalle. Jimi Hendrix beglückte die Fans 1969 unter dem Motto „Up against the Wall“, es traten James Brown auf und Deep Purple. Die Polizei hatte sich in der Spätzeit des Palastes vor der Tür und auf der Potsdamer Straße immer wieder mit Jugendlichen herumzuschlagen, die im Einklang mit dem Zeitgeist freien Eintritt forderten. 1970, die Fassade war gerade teuer aufgefrischt worden, verkündete Sportpalast-Chef Georg Kraeft, man habe seit 1953 4100 Veranstaltungen für rund 18 Millionen Gäste organisiert – nicht genug in der Konkurrenz mit der subventionierten Deutschlandhalle. Der Senat verkaufte das wirtschaftlich eher lästige Konkurrenzgebäude nach Kraefts Tod, die Klingbeil-Gruppe erwarb es für acht Millionen Mark und plante den späteren „Sozialpalast“. Am 15.März 1973 spielte Benny Goodman mit seinem Orchester, zwei Wochen später kamen 1800 geladene Gäste zur Abriss-Party. Das Ende war besiegelt: Acht Monate später wurde es vollzogen.

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