Notunterkünfte in Berlin : Streit über Flüchtlinge in Turnhallen

In Berlin wird weiter heftig um die Unterbringung von Flüchtlingen gestritten. Ehrenamtliche Trainer und Politiker aus den Bezirken sind sauer. Doch es gibt auch Solidarität.

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Sport? Fällt erstmal aus. In vielen Turnhallen werden vorübergehend Flüchtlinge untergebracht. Doch in Bezirken sind die Unterschiede groß.
Sport? Fällt erstmal aus. In vielen Turnhallen werden vorübergehend Flüchtlinge untergebracht. Doch in Bezirken sind die...Thilo Rückeis

In Berlin spitzt sich der Streit um Asylbewerberunterkünfte zu, Anwohner und Bezirke gegen Senat und Flüchtlingsinitiativen. Ob Lichtenberg, Neukölln oder Zehlendorf – Sportler, Nachbarn und Lokalpolitiker wehren sich dagegen, dass Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht werden. In der Nacht zum Donnerstag wurde bei einer Demo gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft in Hellersdorf ein Polizist geschlagen.

Judoverein verliert Turnhalle und fürchtet um Existenz

Den Tagesspiegel erreichten am Donnerstag wieder Briefe, E-Mails und Anrufe. Im Tenor ähneln sich die Beschwerden: Der Senat habe spät über die Belegung einer Halle oder eines Hauses informiert, Amateursportler und Anwohner könnten die Räume nicht mehr nutzen. Vor allem aus dem Lichtenberger Norden, der Sozialdaten zufolge eher als schwieriger Kiez gilt, kommt Kritik. Wie berichtet, ist dort in Wartenberg eine Turnhalle beschlagnahmt worden, weil zahlreiche Flüchtlingsfamilien sonst obdachlos wären. Der örtliche Judoverein schreibt: „Unser Verein ist recht klein und familiär, wir trainieren vor allem Kinder aus der Gegend.“ Die Mitglieder kämen auch aus Einwandererfamilien. „Wir sehen uns als sozialer und integrativer Verein und arbeiten alle ehrenamtlich“ – nun fürchte man um die Existenz.

Kritik am Senat aus der SPD in Neukölln

Die Verwaltung von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) teilte mit, man versuche die Flüchtlinge schnell in anderen Räumen unterzubringen, Turnhallen seien ausschließlich vorübergehend als Notunterkünfte gedacht. Auch in Neukölln, ebenfalls als sozial schwierig eingestuft, mehren sich Rufe nach einem Belegungsstopp, mindestens aber einer anderen Unterbringung. Und das nicht nur aus der CDU, Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) hatte gesagt: Man wolle nicht, dass Flüchtlinge „auf engstem Raum ohne jede Privatsphäre hausen müssen“. Das Bezirksamt hat deshalb leere Unterrichtsräume nahe der Hermann-Sander-Schule am Mariendorfer Weg angeboten, die in diesen Tagen von Flüchtlingen bezogen werden.

Zehlendorfer Bürgermeister stimmt in Kritik ein

In Zehlendorf wiederum hatte Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) in der Bezirksverordnetenversammlung am Mittwoch die „räumlichen Zustände“ in zwei umfunktionierten Turnhallen in Dahlem und Lichterfelde beklagt. Kopp habe eigener Auskunft zufolge Sozialsenator Czaja gebeten, die Notunterkünfte nicht länger aufrechtzuerhalten. Doch die Statements aus Zehlendorf – und darauf weisen nicht nur Mitarbeiter des zuständigen Landesamtes für Gesundheit und Soziales oder Flüchtlingshelfer hin – müssten anders bewertet werden als etwa die Kritik ehrenamtlicher Sporttrainer aus Wartenberg. Wer Asylbewerbern wohnliche Häuser wünscht, hätte seit Beginn der Massenflucht aus dem Nahen Osten 2012 viel Zeit gehabt, frühere Schulen und Kasernen herzurichten: Und gerade in Steglitz-Zehlendorf habe es lange kaum Unterkünfte gegeben. Die dortige Bauaufsicht, vermuteten einige, soll Areale für ungeeignet erklärt haben. Nach wie vor sind im Südwesten weniger Flüchtlinge untergebracht als in vielen anderen Stadtteilen. Czaja hatte sich auch parteiintern um eine gerechtere Verteilung der Asylbewerber bemüht.

1. FC Union gibt Solidaritätsspiel für Flüchtlinge

Am Donnerstag schlug die Opposition im Abgeordnetenhaus vor, Flüchtlinge vorübergehend in den Häusern der Beermannstraße in Treptow unterzubringen. Weil die A 100 gebaut werden soll, stehen dort 90 Wohnungen leer. Bausenator Andreas Geisel (SPD) habe dem aber nicht zugestimmt, teilte die Linke mit. Aus Solidarität mit Flüchtlingen treten am Sonntag der 1. FC Union und Landesligist SC Union 06 gegeneinander an. Die Mannschaften spielen bei freiem Eintritt im Poststadion in Moabit, wo sich zwei Traglufthallen für Flüchtlinge befinden. Der Senator wird dabei sein, Czaja ist Union-Fan. Schon am Freitag soll es ein Solidaritätskonzert für Flüchtlinge in der Heilig-Kreuz-Kirche in Kreuzberg geben.

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