Update

NSU-Terror : Polizei untersucht Spur zu Berliner Rockern

Ein DNA-Fund könnte Verbindung zwischen Berliner Rockern und dem NSU belegen. Darüber unterrichte Innensenator Henkel den Innenausschuss. Wegen einer zweiten Spur in die Region gibt es Streit zwischen Berlin und Brandenburg.

von , , , und
Erneut sind die deutschen Behörden am Mittwoch gegen eine Rockergruppe vorgegangen. Anlass der Razzien ist die Vollstreckung von Verbotsverfügungen gegen die Rockerclubs Gremium und Hells Angels. Auch in Berlin und Brandenburg wurden Wohnungen durchsucht.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dpa
03.07.2013 11:26Erneut sind die deutschen Behörden am Mittwoch gegen eine Rockergruppe vorgegangen. Anlass der Razzien ist die Vollstreckung von...

Die Polizei befasst sich derzeit mit zwei DNA-Proben, eine davon könnte eine Verbindung zwischen der Zwickauer Neonazi-Terrorzelle NSU und dem Berliner Rockermilieu belegen. Das erfuhr der Tagesspiegel aus Sicherheitskreisen. Es geht um Spuren, die am Tatort einer Rocker-Schießerei in Wedding und im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen das Neonazi-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe gefunden worden waren.

Nach Tagesspiegel-Informationen gehen die Ermittler aber nur von einer „geringen Restwahrscheinlichkeit“ der Übereinstimmung aus. Der Fund sei ein so genannter „Spur-Spur-Treffer“. Das heißt, es liegen zwei Proben mit Übereinstimmungen vor, die sich derzeit aber keiner Person zuordnen lassen.Die Bundesanwaltschaft sieht in den DNA-Spuren keinen Beweis für eine Verbindung zwischen der NSU und Berlins Rockerszene. „Die wenigen Übereinstimmungen sind nicht als Beleg dafür geeignet, dass die Spuren von ein und derselben Person stammen“, sagte der Sprecher des Generalbundesanwalts, Marcus Köhler, in Karlsruhe der Agentur dapd. Nach den Ermittlungen hätten sich „keine Anhaltspunkte für strafrechtlich relevante Verbindungen“ zwischen NSU-Mitgliedern und dem Rocker-Milieu ergeben.

Bildergalerie: Der NSU und Berlin 

Die Spur der Neonazi-Mörder
November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht sich die Bundesrepublik erstmals seit der Wiedervereinigung mit rechtsextremem Terror in größerem Ausmaß konfrontiert. Schnell ist die Rede vom Jenaer Neonazi-Trio um Beate Z. (36), Uwe B. (34) und Uwe M. (38). Ihre Spur lässt sich bis in die 90er Jahre zurückverfolgen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: dapd
20.03.2013 13:59November 2011: Nach Ermittlungen um einen missglückten Banküberfall in Arnstadt und ein explodiertes Wohnhaus in Zwickau sieht...

Spezialisten der Kriminaltechnik arbeiten derzeit daran, die vage Übereinstimmung mittels hochkomplizierter Verfahren zu überprüfen, um zu erfahren, ob die Spuren doch noch einer Person zuzuordnen sind. Aber auch wenn BKA und Kriminaltechniker des Berliner LKA einen direkten Zusammenhang zwischen der NSU-Mordserie und den Schüssen im Rockermilieu ausschließen, prüfen die Ermittler dennoch mögliche Hypothesen. Und dabei geht es eher um die Grauzone zwischen Rockern und Neonazis.

Dass auf einer damals in Wedding mutmaßlich von den Hells Angels auf die Bandidos abgefeuerten Patronenhülse eine DNA-Spur mit NSU-Bezügen gefunden wurde, könnte nach Ansicht der Ermittler mit den Verbindungen zwischen den Hells Angels und der rechten Szene zusammenhängen. Die Ermittler selbst sind da aber sehr vorsichtig. Möglicherweise gibt es einzelne Mitglieder, die früher als aktive Neonazis Kontakte zur NSU hatten und sich später den Hells Angels angeschlossen haben. Oder es ging um rein Geschäftliches, Waffenhandel nämlich.

Bildergalerie: Die Opfer des NSU

Ermordet aus reinem Hass - Die Opfer des NSU
Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern, Südhessen, war das erste Opfer der rassistisch motivierten Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). An jenem Tag fiel ein Mitarbeiter aus, der normalerweise seinen Blumenstand an einer Ausfallstraße nahe Nürnberg betreute. Şimşek fährt selbst nach Nürnberg und wird dort von den Tätern angeschossen. Es dauert noch zwei Tage, bis er in einem Krankenhaus am 11.September 2000 im Alter von 38 Jahren den Schusswunden erliegt. Der Fall wird von der Bundesregierung erst 2012 als rassistisch motivierte Straftat anerkannt. Zu Beginn wurde auch gegen die Frau und Verwandte des Mannes ermittelt. Die Polizei verdächtigte den Getöteten des Drogenhandels.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
04.07.2012 15:04Enver Şimşek, wird am 9.September 2000 von acht Schüssen getroffen. Der Besitzer eines Blumengroßhandels in Schlüchtern,...

Verbindungen des Umfelds des NSU ins Rockermilieu gibt es aber durchaus. Vor allem die rechtsradikale Skinhead-Truppe „Blood and Honour“ ist sowohl im Rechtsradikalen- als auch im Rockermilieu verankert. Verflechtungen des Zwickauer Terrorzelle selbst mit der Rockerszene sind allerdings bislang nicht belegt. Auch wenn Beate Zschäpe wie berichtet 2011 im Erfurter Landgericht bei einem Rockerprozess gesichtet worden sein soll.

NSU-Verbindung nach Berlin
Frank Henkel begründet sein Schweigen zum Fall Thomas S. damit, dass er die laufenden Ermittlungen gegen den früheren V-Mann und mutmaßlichen NSU-Helfer nicht gefährden wollte. Am Dienstag soll die Akte aber endlich an den Untersuchungsausschuss übermittelt werden.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dapd
17.09.2012 22:21Frank Henkel begründet sein Schweigen zum Fall Thomas S. damit, dass er die laufenden Ermittlungen gegen den früheren V-Mann und...

In einer nichtöffentlichen Sitzung des Innenausschusses hatte Innensenator Frank Henkel am Dienstag von der DNA-Übereinstimmung berichtet, sie aber nicht bewertet oder eingeordnet. Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Robbin Juhnke, bestätigte, dass im Innenausschuss über mögliche Zusammenhänge zwischen Berliner Rockern und dem NSU debattiert wurde. Davon hätten der Senator und die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers „in einem nicht vertraulichen Teil“ der Sondersitzung des Ausschusses gesprochen. Der Fraktionschef der Piraten, Christopher Lauer, und der innenpolitische Sprecher der SPD, Thomas Kleineidam, betonten dagegen, dass der gesamte NSU-Rocker-Komplex im Innenausschuss vertraulich behandelt worden sei.

Bildergalerie: Die Spur der Neonazi-Mörder

Pirat Lauer sagte, er wundere sich schon, dass sich manche Abgeordnete nicht an die Vertraulichkeit hielten. „Dann muss man sich als Ausschuss auch nicht wundern, dass man manche Unterlagen nicht bekommt“, sagte Lauer dem Tagesspiegel. Denn oft würden Erkenntnisse zurückgehalten, genau mit dem Verweis darauf, dass die Vertraulichkeit nicht eingehalten werde.

Nach Tagesspiegel-Informationen gibt es noch eine NSU-Verbindung nach Berlin. Henkel hatte am Dienstag im Innenausschuss von einem weiteren Treffer beim Abgleich von Spuren in der DNA-Datenbank des BKA berichtet. So soll an einer Socke im NSU-Wohnmobil die gleiche DNA gefunden worden sein wie in einem in Berlin gestohlenen Wagen. Nach Angaben aus Berliner Sicherheitskreisen war das Auto 2002 gestohlen worden, Brandenburger Polizisten fanden es verlassen im Umland. Alle Erkenntnisse waren Berlins Behörden übergeben worden. Wie sich erst nach Auffliegen der NSU-Mordserie herausstellte, stimmen die im Wagen gefundenen DNA-Spuren mit jenen im NSU-Wohnmobil überein. Die erfolglosen Ermittlungen gegen Unbekannt seien seinerzeit aber bereits eingestellt, die Akten vernichtet worden. Ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft sagte, „wir prüfen den Fall“. Der Sprecher des Senators erklärte, er kommentiere Inhalte der vertraulichen Sitzung des Innenausschusses nicht.

18 Kommentare

Neuester Kommentar