Straßenzeitungen funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe

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Obdachlosenzeitungen in Berlin : Schon wieder so einer
Alicia Rust

Dass die Straßenzeitungen längst nicht mehr nur von Obdach- und Arbeitslosen verkauft werden, ist in der Szene kein Geheimnis. Längst hat sich das Geschäft auch zum Einkommensmodell für Einwanderer aus Osteuropa und für ärmere Rentner entwickelt. Bei der Ausgabe von Straßenzeitungen wird nicht zwischen Verkäufern unterschieden. „Am Ende des Monats, wenn das Geld knapp wird, ist der Andrang von Menschen, die Straßenzeitungen verkaufen wollen, besonders groß“, bestätigt Samir Bouallagui. Der 33-Jährige ist Leiter der Notübernachtungstelle im Prenzlauer Berg. Gerade hilft Bouallagui an der Ausgabestelle des Straßenfegers hinterm Bahnhof Zoo aus, wo Markus W. jeden Morgen seine neuen Ausgaben abholt. Ein kleiner Wohnwagen in der Jebenstraße dient ihm als mobiles Büro. Der Sozialarbeiter und gelernte Bürokaufmann Samir Bouallagui über den wachsenden Konkurrenzkampf auf der Straße: „Die Zahl der Niedrigverdiener nimmt zu, die Zahl der Einwanderer ebenso“, sagt er, der seit 2007 Obdachlosen hilft.

Dass die Rumänen für alles verantwortlich gemacht werden sollen, will Andreas Düllick, Chefredakteur des Berliner Straßenfegers, der 14-täglich im Wechsel mit der Motz erscheint und immerhin monatlich noch bis zu 40 000 Zeitungen verkauft, nicht stehen lassen. Natürlich gebe es unter den rund 1600 eingetragenen Verkäufern des Straßenfegers, die eine sogenannte Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben haben, auch Rumänen und viele andere Osteuropäer. Beim Straßenfeger wie auch beim Straßenmagazin Motz dürfe schließlich jeder verkaufen, der bereit ist, sich an die Regeln zu halten. Und die wären? „Nicht betteln, nicht im berauschten Zustand verkaufen, die Zeitungen müssen sauber sein ...“, zählt Düllick auf. Wer sich nicht daran hält, werde vom Verkauf ausgeschlossen. Auch die beklagte soziale Kälte gegenüber den Verkäufern möchte Düllick differenziert betrachten. „Das Klima in der Stadt hat sich einfach verändert“, gibt der Journalist zu bedenken. Die Zahl der in Armut lebenden Menschen nehme zu. „Viele Leute leben selber zunehmend in prekären Verhältnissen. Die sind gestresst und weisen deshalb auch andere ab.“ Gerade deswegen verschließe man sich Menschen aus Osteuropa nicht, „denn die benötigen auch Hilfe“. Das Gerücht von Banden, die durch Berlin ziehen, hält Düllick für überzogen. Oft handele es sich um Großfamilien, die ihre Arbeit untereinander aufteilen, wobei der Chefredakteur klar eine Grenze zieht: „Kinderarbeit geht gar nicht, dagegen muss man etwas unternehmen, das darf man nicht tolerieren.“ Doch wie? Wer die Straßenzeitungen an den Ausgabestellen gekauft hat, kann sie an andere zum Weiterverkauf abgeben.

Straßenzeitungen funktionieren nach einem einfachen Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe. Beim Straßenfeger seit 15 Jahren. Bei der motz seit 18 Jahren. Doch wie lange werden die Verkäufer ihrer Arbeit im öffentlichen Raum ungehindert nachgehen können? Während einerseits die Armut steigt, wächst andernorts der Wohlstand, die Zahl der privaten Wachdienste nimmt stetig zu. Selbst Parkplätze und Bürgersteige werden zuweilen zu verbotenen Zonen für jene, die Straßenzeitungen verkaufen wollen. Für solche, die betteln, ohnehin. „Wir wehren uns gegen die Vertreibung bedürftiger Menschen“, sagt Chefredakteur Düllick, der den Verkauf von Straßenzeitungen auch als Demonstration versteht. Seht her, wir sind da! Auch arme Menschen haben ein Recht auf ihren Platz mitten in der Gesellschaft.

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