Öffentlicher Verkehr in Berlin : Das S steht für Störung

Bei der S-Bahn gibt’s wieder viele Ausfälle und Verspätungen. Die Ursachen? Sind vielfältig. Der Verkehrsverbund äußert seinen Unmut.

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Es geht noch schlimmer. Wenn weniger Züge fahren, ist der Andrang besonders groß.
Es geht noch schlimmer. Wenn weniger Züge fahren, ist der Andrang besonders groß.Foto: AFP/Johannes Eisele

Die S-Bahn sah sich schon auf dem sicheren Gleis aus der größten Krise ihrer Geschichte fahren – jetzt aber häufen sich wieder Zugausfälle und Verspätungen. Die Chefin des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg, Susanne Henckel, ist „besorgt“ über die Entwicklung in den vergangenen Wochen. Und selbst S-Bahn-Chef Peter Buchner gibt zu, mit dem Erreichten nicht zufrieden zu sein. „Es ist der Wurm drin“, sagte er vor Kurzem. Raus kommt der Wurm wohl so schnell nicht.

Anders als in der 2009 begonnenen Krise sind die Ursachen dieses Mal vielfältiger. Damals gab es erst mit den Rädern und dann mit den Bremsen Probleme. Später kamen Anfälligkeiten bei Schnee und Eis dazu. Durch Umbauten in großem Stil gelang es der S-Bahn, die dicksten Brocken bei den Serienpannen zu minimieren.

Dafür gibt es jetzt ein Potpourri von Störungen, die Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt in seinem Checkpoint zusammengestellt hat. Am Dienstag machte es sich die S-Bahn einfacher: „Wegen Störung kann 10-Min.-Takt nur Teltow Stadt–Südkreuz angeboten werden, bitte Fahrplanauskunft nutzen“, teilte sie am Vormittag lapidar mit.

Senat streicht bei Zuschüssen

Nach dem mit dem Land abgeschlossenen Verkehrsvertrag sollen 96 Prozent der Fahrten pünktlich sein. Diesen Wert habe die S-Bahn in diesem Jahr noch nie geschafft, klagt der VBB. Im dritten Quartal – neuere Zahlen gibt es noch nicht – lag die Pünktlichkeitsrate laut Quartalsbericht der S-Bahn bei 94,81 Prozent, knapp ein Prozentpunkt besser als im zweiten Quartal. Im August lag man aber schon bei 95,77 Prozent, im September bei 95,27 Prozent. Danach sei es nach den bisher vorliegenden Zahlen wieder stetig abwärts gegangen, heißt es beim Verkehrsverbund, dem die S-Bahn die Werte melden muss.

Erreicht die S-Bahn die vorgegebenen 96 Prozent nicht, streicht der Senat bei den Zuschüssen. In die Rechnung fließen allerdings auch planmäßig ausfallende Fahrten wie die Verstärker auf der S 5 als unpünktlich ein. Dadurch verschlechtert sich die Quote um 0,3 Prozent.

Immerhin war die Zahl der Zugausfälle durch Defekte an den Fahrzeugen zumindest vorübergehend zurückgegangen: von 4 Prozent im Juli über 3 Prozent im August auf 2,6 Prozent im September. Damit reduzierte sich der Anteil der „störungsbedingten Zugausfälle“ gegenüber dem dritten Quartal 2015 durchschnittlich von 4,2 Prozent auf 2,2 Prozent. Ähnlich sah es laut Quartalsbericht bei den durch Defekte verursachten Verspätungen aus.

Historische Fotos vom Bahnhof Spandau
Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.Weitere Bilder anzeigen
1 von 54Foto: Historische Sammlung der Deutschen Bahn AG/Sigmar Weber
31.05.2017 08:29Das Bild zeigt den Bahnhof Spandau, 1990 (heute S-Bhf: Stresow). Wir gucken gen Westen und stehen auf der heutigen ICE-Trasse.

„Wir müssen mit einer schwierigen Technik bei den Fahrzeugen leben“, sagte S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Vor allem die alten Generationen aus den 1980er Jahren machten weiter Kummer. Sie sollten im nächsten Jahr ausgemustert werden. Weil sich der Senat bei der Ausschreibung für den Betrieb auf dem Ring aber bekanntlich gewaltig verspätet hatte, müssen die störanfälligen Bahnen weiter durchhalten. Sie werden nun nochmals aufwendig instandgesetzt. Neue Fahrzeuge, die zuverlässiger sein sollen, fahren frühestens 2021.

Vier Minuten Verspätung sind unpünktlich

Defekte an der Infrastruktur – Weichen, Signale, Bahnübergänge oder Stromversorgung – wirkten sich in der Regel mit 1,2 Prozentpunkten auf die Pünktlichkeit aus, heißt es im Bericht weiter. Zuständig für die Infrastruktur ist der Bereich Netz der Deutschen Bahn. Aber auch „Eingriffe von Dritten“ führen zu Ausfällen und Verspätungen. Dazu zählen Polizei- und Notarzteinsätze.

Eine Fahrt gilt als unpünktlich, wenn sie mehr als 3.59 Minuten vom Fahrplan abweicht. Wird dadurch ein Anschluss nicht geschafft, bei dem ein Bus nur alle 20 Minuten fährt, führe diese kurze Zeit zu einer langen Warterei, moniert Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb.

Besonders problematisch sind Verspätungen und Ausfälle auf dem Ring. Weil Abstellanlagen fehlen, wird der Verkehr häufig durch defekte Züge blockiert. Erleichtert würde der Betrieb, wenn es am Bahnhof Westend am zweiten Bahnsteig ein Gleis gäbe. Seit Jahren gibt es den Wunsch – aber kein Geld dafür. Wenigstens ein Dach hat der Bahnsteig aber.

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