Berlin : Öl ins Feuer

Spannungen zwischen Israel und Türkei heizen auch in Berlin eine judenfeindliche Stimmung an

Ferda Ataman

Kürzlich in der U2: Vier verschleierte Frauen unterhalten sich angeregt. Sie plaudern über dies und das, über Probleme mit dem Kindergarten etwa. Dann kommen sie auf „das Massaker“, das „die Juden“ letzte Woche an ihren Landsleuten begangen hätten. Eine Frau gerät in Rage: Ihre palästinensischen Glaubensbrüder müssten im Müll nach Brot wühlen, um zu überleben, sagt sie. „Die Juden“ aber beschössen derweil türkische Helfer. Und die Deutschen? Die stünden immer noch auf der Seite Israels. Sie halte den Vorfall vor Gaza für eine Prüfung. „Wir brauchen eine Lösung für das Problem mit den Juden“, sagt sie und streichelt ihrem Sohn den Kopf. „Ich sage euch, der Tag wird kommen, an dem kein Jude sich mehr verstecken kann.“ Die umherstehenden Fahrgäste reagieren nicht. Sie verstehen nicht, was die Frau auf Türkisch sagt, deren Begleiterinnen nicken. Zwei von ihnen tragen ein rotes Kopftuch mit weißen Sichelmonden und Sternen, das aussieht, als seien winzige türkische Nationalfahnen zusammengenäht.

Seit Israels Marine vor über einer Woche sechs Schiffe der Gaza-„Solidaritätsflotte“ im Mittelmeer angegriffen und neun türkische Aktivisten erschossen hat, warnen Experten vor einer Antisemitismuswelle in der Türkei. Doch nicht nur dort besteht die Gefahr, dass durch die aktuelle Diskussion Judenfeindlichkeit geschürt wird: Was in den vergangenen Tagen über Satellitenfernsehen in Berliner Wohnzimmern und per Druckwaren an Zeitungsständen ankam, würde viele – wäre es auf Deutsch – zumindest irritieren. Vor allem in national-islamischen Medien wird Stimmung gegen Israel gemacht. So zitiert die Zeitung „Sabah“ wütende Deutschtürken, von denen eine Frau etwa sagt: „Israels weltverachtende Einstellung wird eines Tages verrecken.“ Überall ist vom „Israel-Massaker“ die Rede, das Fernsehen zeigt bis zuletzt Bilder von blutüberströmten Opfern.

Das bleibt nicht ohne Folgen: Bei Demonstrationen von Berliner Türken und Palästinafreunden werden seit Tagen antiisraelische und judenfeindliche Parolen gerufen. „Antisemitismus unter Türken ist kein neues Phänomen“, sagt Bilkay Öney, SPD-Politikerin und Mitbegründerin des türkisch-jüdischen runden Tischs beim American Jewish Committee. Was Öney besonders erschreckt: „Inzwischen sind judenfeindliche Äußerungen auch in intellektuellen Kreisen salonfähig.“ Politische Vorfälle wie dieser wirkten wie ein Katalysator für Judenhass, sagt Öney. Für ihre proisraelische Haltung etwa werde sie derzeit aus ihrem türkischen Umfeld verbal attackiert.

Levi Salomon, Vorsitzender des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, kann ein Lied davon singen: „Jedes Mal, wenn Konflikte im Nahen Osten eskalieren, bekommen wir das hier in Berlin zu spüren“, sagt er. Salomon ist schockiert über den derzeit offen hochkochenden Judenhass. Er zeigt Internetseiten, auf denen sich seit wenigen Tagen eindeutig geäußerte Mordfantasien vervielfacht haben. Sie stammen von rechtsextremen Deutschen ebenso wie von Einwanderern. Vor allem beunruhigt Salomon, dass es aus seiner Wahrnehmung „nicht Einzelne sind, sondern größere Gruppen innerhalb der Gesellschaft, die so denken und sich entsprechend äußern“.

Auch Aycan Demirel von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus beobachtet die Diskussion in der Türkei mit Unbehagen. „Die emotional aufgeladene Berichterstattung bleibt vermutlich nicht wirkungslos auf die türkische Bevölkerung hier“, sagt Demirel, der seit 2009 im Expertengremium der Bundesregierung zur Bekämpfung von Antisemitismus sitzt. Er warnt jedoch vor pauschalen Urteilen: Wie weit Judenfeindlichkeit in der muslimischen Bevölkerung in Deutschland verbreitet ist, sei bislang nicht wissenschaftlich untersucht. Und mit dem Antisemitismus steige auch die Zahl der Türken und Araber, die sich dagegen engagierten.Ferda Ataman

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