Olympia in Berlin : Berlin bräuchte ein Wunder

Im März will der Deutsche Olympische Sportbund entscheiden, mit welcher Stadt er in die offizielle Olympia-Bewerbung beim IOC geht. Aber erst im September sollen die Berliner abstimmen, ob sie die Spiele wollen. Die Hauptstadt bräuchte ein Wunder - oder aber immense Leidenschaft. Ein Kommentar.

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Die Kampagne beginnt spät - im Rennen mit Hamburg um die Olympiabewerbung muss Berlin noch kräftig zulegen.
Die Kampagne beginnt spät - im Rennen mit Hamburg um die Olympiabewerbung muss Berlin noch kräftig zulegen.Foto: dpa

Berlin will die Jugend der Welt zu sich rufen – aber darf die Jugend Berlins auch darüber abstimmen? An diesem Punkt stand die Stadtpolitik gestern, koalitionär konträr, hinter den Expertisen der jeweiligen Rechtsexperten verschanzt. Heute ist der Senat einen Schritt weiter, es gelten die Regeln der Parlamentswahl: nur für Erwachsene – keine Kinder, keine Heranwachsenden, keine Ausländer, aber, das ließ sich dann doch nicht verhindern, Olympiagegner dürfen dabei sein. Doch ist der Senat den Spielen damit auch nur einen Schritt näher gekommen?

Schauen wir uns die Zeitlupe an: Der kleine Regelstreit um das am Dienstag vom Senat vorgelegte, aber vom Abgeordnetenhaus auch noch zu beschließende und zudem verfassungsrechtlich umstrittene „Gesetz über eine Befragung zur Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele“ offenbart das ganze Dilemma der Teilnahme Berlins an diesem Vorkampf. Denn ob es hier überhaupt im September zu einer solchen Abstimmung kommt, ist, Stand heute, recht fraglich. Der Deutsche Olympische Sportbund entscheidet nämlich bereits im März, mit welcher Stadt er in die offizielle Bewerbung beim IOC gehen will – aufgrund von Meinungsumfragen, also: aufgrund der „Stimmung“. Damit geht der DOSB ein hohes Risiko ein. Eine Stadt, die – auserwählt – Monate später sagt „Wollen wir nicht!“, blamiert und diskreditiert die deutschen Sportfunktionäre international bis auf die dann gebrochenen Knochen.

Es ist Skepsis spürbar gegenüber Berlin, im Sport, aber auch in der Bundespolitik, sie wird in scheinbar neutrale Fragen verpackt: Ist das Konzept besser? Sind die Akteure leidenschaftlicher? Ist die Ausrichtung verlässlicher? Gibt es eine packendere Idee? Ist die Zustimmung im September sicherer? In keinem dieser Punkte liegt Berlin vorne, nur in einem anderen: der Selbstwahrnehmung, an Berlin könne ohnehin keiner vorbei.

Die Stimmung in Hamburg ist bestens, die Kampagne läuft seit Wochen, die Zahl der Befürworter liegt, der letzten Umfrage zufolge, bei über 60 Prozent. In Berlin soll Stimmung erst noch entstehen, am Freitag beginnt die Kampagne. Aber im Hintergrund läuft schon die Schuldscheinvergabe. Im Senat und in der Koalition hadern sie mit der „Stadtgesellschaft“, die in Berlin, ganz anders als in der Hansestadt Hamburg, ohnehin recht gefäßlos herumschwappt – zu träge, verunsichert, leidenschaftsarm. Aber ist die Senatspolitik da so anders? Olympia wird, auch das Stand heute, in erster Linie verwaltet – wie soll das Zuversicht geben, bei allen so offensichtlichen Mängeln, von der Grundversorgung bis zu den Großprojekten, wie Leidenschaft wecken? Ohne die aber wird es nicht gehen, für Argumente allein ist es zu spät.

Berlin braucht, um Hamburg einzuholen, Ende Februar klar über 50 Prozent Zustimmung bei der Umfrage des DOSB und darf nicht weiter zurückliegen als die statistische Schwankungsbreite. Sportlich gesehen heißt das: Berlin bräuchte ein Wunder, zwei Tore in der Nachspielzeit, bräuchte Kinder, Jugendliche, Ausländer und nicht nur Erwachsene mit Prädikat wahlberechtigt, müsste für die nächsten Wochen den Stau verdrängen und den Ersatzverkehr, die Staatsoper, den BER, die Schulen, das Grau, müsste sich an sich selbst berauschen und an der Herausforderung, vereint im festen Willen, es erst Hamburg und dann der ganzen Welt zu zeigen. Kann Berlin das? Kaum zu glauben. Aber wenn Berlin das kann, dann kann Berlin auch Olympia.

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