Allein die Sicherheitskosten lagen in London bei 1,3 Milliarden Euro

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Olympische Spiele in Berlin : London als abschreckendes Vorbild
Cordelia Polinna

Die Konzentration der Wettkampfstätten in einem Olympischen Park ist aus Sicht des Veranstalters auch aus Sicherheitsgründen sinnvoll. Natürlich muss der Schutz der Olympischen Wettkämpfe höchste Priorität haben, was bei dezentralen Spielen bedeuten würde, große Teile Berlins zu einer Hochsicherheitszone zu machen. Für die Spiele in London war sowohl die Angst vor terroristischen Anschlägen als auch vor Unruhen – die London Riots im August 2011 hatten die Stadt völlig unvorbereitet getroffen – groß.

Der Olympische Park selbst wurde durch einen 5,000-Volt-Elektrozaun mit NATO-Draht gesichert. Beim Betreten des Geländes wurden die Besucher biometrischen Kontrollen unterzogen. Auch der weitere Sicherheitsaufwand in der Stadt war immens: Insgesamt waren ca. 50.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, ein Flugzeugträger war in der Mündung der Themse stationiert und Flugabwehrraketen wurden auf den Dächern von Gebäuden im Umfeld des Olympischen Parks installiert. Drohnen kreisten über den Stadien und Eurofighter waren in Alarmbereitschaft.

Bereits vor den Spielen trug London den unrühmlichen Titel als "Hauptstadt der Kameraüberwachung". Überwachungskameras sind in der Innenstadt fast flächendeckend installiert, ausgefeilte Techniken zur Erkennung von Nummernschildern und Gesichtern wurden zu den Spielen auf den neuesten Stadt gebracht. Auch in Berlin ist zu erwarten, dass mit den Olympischen Spielen eine umfassende Überwachung öffentlicher Räume eingeführt wird, mit technischen Möglichkeiten, die sich in den nächsten Jahren noch rasant weiterentwickeln werden – denkt man etwa an die Verknüpfung der Daten der Überwachungskameras mit denen unzählige Smartphones.

Äußerst fraglich ist, ob solch kostspielige Technologie nach den Spielen wieder verschwindet. Die Sicherheitskosten der Spiele in London wurden auf 1.3 Milliarden Euro geschätzt. Müssten die über die gesamte Stadt verteilten Wettkampfstätten in Berlin nach ähnlichen Standards gesichert werden, würden die dadurch entstehenden Kosten das dezentrale Konzept erneut in Frage stellen.

Viele Neubauten wirken heute noch wie Fremdkörper

Allen Bemühungen zum Trotz, dass sich Olympia in London durch eine hohe städtebauliche Qualität auszeichnen würde, wirken der Olympische Park und viele Neubauten in der Umgebung auch heute noch wie Fremdkörper. Die Kür zum Austragungsort resultierte in einer Flut von Bauanträgen in den angrenzenden Bezirken. Damit waren die lokalen Planungsämter völlig überfordert, die Projekte wurden "durchgewunken". Resultat ist eine Ballung von wenig qualitätvollen Spekulationsobjekten – die – wie der Architekturkritiker Oliver Wainwright schreibt – heute wie Mahnmale der Olympischen Geldgier die angrenzenden Sozialwohnsiedlungen überragen. Auch auf solche Szenarien müsste die Berliner Verwaltung bei einer Bewerbung vorbereitet sein.

Die Integration des Parks in sein Umfeld ist ebenfalls fraglich. Flankiert und durchzogen wird der Park von großen Straßen – diese waren zum reibungslosen Transport von Gästen, Waren und bei Notfällen während der Spiele erforderlich, bilden heute jedoch Barrieren und degradieren Fußgänger zu Statisten. Das Einkaufszentrum Westfield stellt eine große Barriere zwischen dem Park und dem Verkehrsknotenpunkt Stratford dar. Es wurde so konzipiert, dass 70 Prozent der Besucher der Wettkämpfe vor dem Betreten des Olympiageländes zunächst durch die Mega-Mall mit Kasino, Kinocenter sowie fast 400 Geschäften und Restaurants geschleust wurden.

Auch wie der Park selbst sich präsentiert, ist ernüchternd: Trotz der umfangreichen Umbaumaßnahmen nach dem Ende der Spiele erscheinen große Bereiche noch immer überdimensioniert, was auf die gigantischen Erschließungszonen zurückzuführen ist, die notwendig waren, um mit dem Massenandrang während der Spiele umgehen zu können. Die im Park verbleibenden Sportstätten sind für sich genommen durchaus schöne Gebäudeskulpturen, doch vor allem die Erdgeschosszonen – wo die Gebäude auf die Parkbesucher treffen – sind geprägt von gesichtslosen Ladezonen, Parkplätzen und Flächen für schnelle Evakuierungen im Notfall. Auch angesichts dieser Flächen ist fraglich, ob das auf Umnutzung bestehender Sporteinrichtungen basierende Konzept Berlins machbar ist - führt man sich etwa die Situation in den dicht bebauten Stadtquartieren im Umfeld der Max-Schmeling-Halle vor Augen.

Es fällt schwer sich vorzustellen, dass aus dem Londoner Park in naher Zukunft ein attraktiver Stadtpark werden kann, der das Herz eines vielfältigen und belebten Quartiers bildet. Die wenigen Projekte, die im Umfeld des Londoner Parks realisiert wurden, um Benachteiligungen auszugleichen und städtebauliche Verknüpfungen herzustellen, wirken hier wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Das städtebauliche Erbe der Londoner Spiele zeigt, dass es trotz hoher Ansprüche kaum gelingt, Einrichtungen und Infrastrukturen für ein Großevent so zu planen, dass sie nach dem Event adaptiert und flexibel weiterentwickelt werden können. Neben vielen anderen ein weiterer Grund, den betörenden Versprechen alternativer Olympische Spiele in Berlin zu misstrauen.

Cordelia Polinna ist Partnerin des Planungsbüros Polinna Hauck Landscape + Urbanism und Mitbegründerin der Initiative "Think Berl!n". Von Oktober 2011 bis September 2013 war sie Gastprofessorin für Planungs- und Architektursoziologie an der TU Berlin, von 2012-2014 Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für die BerlinStrategie | Stadtentwicklungskonzept Berlin 2030. Ihr Beitrag erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Debatte zu Olympischen Spielen in Berlin.

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