Ordnung schaffen im Kinderzimmer : Wer räumt jetzt hier auf?

Legosteine hier, Puzzleteile dort: Viele Eltern verzweifeln, wenn sie das Zimmer ihrer Kinder betreten. Wie man dem Chaos ein Ende setzt.

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Ätsch. Aufräumen muss man Kindern rechtzeitig beibringen.
Ätsch. Aufräumen muss man Kindern rechtzeitig beibringen.Foto: istock/figure8photos

Manchmal steht Rebecca Lina Wilson im Kinderzimmer ihrer neunjährigen Tochter Laéna und könnte einfach nur resignieren, „so ein Saustall!“. Der Frust hält aber nie lange an: „Ich weiß ja, von wem sie das hat, von mir!“, sagt die Bloggerin, die auf Elfenkindberlin.de über ihr Familienleben schreibt und Mode für Kinder entwirft. Auch sie sammelt und hortet in ihrem Atelier viel zu viele Dinge. Eigentlich hat sie zu ihrer Tochter ein sehr harmonisches Verhältnis. Nur beim Aufräumen gibt es oft Knatsch.

Bei der Bloggerin ist Aufräumen gerade ein großes Thema, die vierköpfige Familie zieht von einer Wohnung in Berlin Mitte in ein eigenes Haus. Seit Wochen sortiert sie, packt ein und wieder aus. Kurz bevor auch das Kinderzimmer von Laéna in Kisten verschwindet, kann man sich ihren Saustall, der übrigens nett anzusehen ist, im Fernsehen anschauen. Laéna hatte kürzlich Besuch von einer Ordnungsmentorin, die gleich ein Filmteam vom Kinderkanal Kika mitbrachte – für die Sendung „Erde an Zukunft“. Da wird jedes Stofftier in die Hand genommen und geprüft, kann das raus?

Am Ende stehen in Laénas sehr ordentlichem Zimmer zwei große Kistenstapel, einer kann bleiben, einer muss weg. Jetzt hängt eine Liste zum Abhaken an der Wand. „Fünf Minuten regelmäßig aufräumen reicht“, sagt die Ordnungsmentorin.

Das Beispiel zeigt, Aufräumen muss man Kindern beibringen. „Je kleiner die Kinder sind, desto spielerischer und konkreter sollte es sein. Die Puppe in die Wiege legen, Puzzleteile zusammensuchen, dieses Sortieren und Ordnen von Dingen machen Kinder ja gern“, sagt Vera Jansen-Cornette, ihre Berufsbezeichnung lautet schlicht „Aufräumerin“.

Schon als Kind fand sie Aufräumen toll. Deshalb nennt sie sich fröhlich selbst „Kinderzimmerfee“, ein freundliches Wort, bedenkt man wie dringend ihre Hilfe benötigt wird, wenn sie eine Familie besucht.

Eltern müssen selbst ein Vorbild sein

Das Allerwichtigste: Wer aufgeräumte Kinderzimmer will, muss ein Vorbild sein. Und das ist beim Alltag der meisten Familien alles andere als leicht. Gerade in der Großstadt trifft Vera Jansen-Cornette oft auf Familien, die mit ihrem Alltag schlicht überfordert sind. Da hilft nur dranbleiben. Immer wieder erlebt sie, dass Kinder einen eigenen Sinn für Ordnung haben. Da kommt die Badehose zum Ball, weil man beides im vergangenen Jahr an der Nordsee dabei hatte. Vera Jansen-Cornette arbeitet gern mit Farben: Sie klebt bunte Punkte an die Spielsachen und auch an die dazugehörigen Kisten, so lernen Kinder, was wohin gehört.

Rituale helfen. Aber wenn ein Kinderzimmer regelmäßig von Spielzeug geflutet wird, der Weg zum Bett freigeschlagen werden muss, und der Küchentisch für die Hausarbeiten herhalten muss, weil auf dem Schreibtisch noch nicht fertiggebaute Legokunstwerke zwischenlagern, wird es Zeit die Taktik zu ändern.

Die klingt einfach: „Weniger Spielzeug! Wir haben alle von allem viel zu viel“, sagt Jansen-Cornette. Auch wenn die Aufräumerin ihre Daseinsberechtigung zum guten Teil diesem Zuviel zu verdanken hat, sieht sie das Ergebnis kritisch. Konsum ist zu einem Lebensinhalt geworden: „Man muss ja nicht gleich auf der Geburtsanzeige vermerken, bitte sehen Sie von Geschenken für das Kind bis auf Weiteres ab.“ Aber manchmal fände sie Ansagen dieser Art sinnvoll: „Viele Kinderzimmer sehen aus wie kurz vor der Inventur bei ,Toys r us’.“

Ungefragt Spielzeug wegwerfen, geht nicht

Trotzdem hält Vera Jansen-Cornette nichts von hemmungslosen Ausmistaktionen. „Was leben wir dem Kind vor, wenn wir mit der Mülltüte ins Zimmer kommen und Dinge einfach wegwerfen?“ Besser sei es, Spielzeug erst einmal wegzuräumen. Nur wenn die Kinder mehrmals danach fragen, sollte man es wieder hervorholen. „Aber das passiert fast nie.“

Erstaunlich oft fehlen in Kinderzimmern die richtigen Möbel, um Ordnung zu schaffen. Manchmal liegen in den Zimmern ihrer kleinen Klienten nur Matratzen. „Aber ein Kinderzimmer ist ja nicht nur zum Toben da“, sagt Jansen-Cornette. Regale für Bücher, ein Schreibtisch für die Hausarbeiten und Kisten für Spielzeug und Krimskrams gehören unbedingt zur Einrichtung dazu.

Und noch etwas ist Vera Jansen-Cornette sehr wichtig. Eltern sollten ihre Kinder nicht fürs Aufräumen belohnen, sondern beschreibend loben. Zum Beispiel: „Gut, dass der Drache jetzt wieder bei den anderen Stofftieren in der Kiste ist.“ Und wer seinem Kind das Aufräumen beibringt, tut nicht nur sich selbst einen Gefallen, sondern auch den Kindern. Wer nie gelernt hat, Ordnung zu halten, schiebt auch als Erwachsener Dinge vor sich her und bekommt nichts fertig. Dafür gibt es sogar einen Begriff: Prokrastination. „Wer aufräumt, bestimmt sein Leben selbst“, sagt Jansen-Cornette.

Auch zu Matthias Müller-Guth kommen immer wieder Familien in die Erziehungsberatungsstelle des SOS-Familienzentrums in Hellersdorf, wenn das Chaos im Kinderzimmer zu groß wird. Zuerst einmal fragt der Psychologe, wo der Stress herkommt. Wichtig ist ihm, dass sich die Eltern nicht an den Kindern abarbeiten: „Kinder haben das Bedürfnis nach eigenen Schätzen und ihr Chaos hat eine Struktur, die Erwachsene oft einfach nicht verstehen.“

Manchmal hilft es schon, den Kindern zu erklären, dass es wehtut, wenn man auf Legosteine tritt. Seine Werte sollte man klar vermitteln, wenn es zum Beispiel ums Horten von billigem Plastikspielzeug geht. „Es hilft zu begründen, warum man dagegen ist, zum Beispiel weil es die Meere vermüllt.“ Aber auch Matthias Müller-Guth nimmt zuallererst die Eltern in die Pflicht, „entscheidend ist, wie ich selber damit umgehe.“

Schon mit einem drei Jahre alten Kind können Eltern das Aufräumen üben. Wer erst damit anfängt, wenn es mit 13 oder 14 Jahren die Pubertät erreicht, hat schon verloren. Dann kann man eigentlich nur noch auf Durchzug schalten, die Pizzakartons auf dem Bett ignorieren und dafür sorgen, dass die wichtigsten Hygieneregeln eingehalten werden. Aber, da sind sich Aufräumerin und Psychologe einig, der Spuk ist nach ein paar Jahren wieder vorbei und dann kann es richtig losgehen, das aufgeräumte Leben.

Infos zu Vera Jansen-Cornette: die-aufräumerin.berlin, zu Rebecca Lina Wilson: elfenkindberlin.de. Der Beitrag über ihre Tochter ist noch bis Freitag online zu sehen: kika.de/erde-an-zukunft

Infos zur Beratungsstelle des SOS-Familienzentrums: sos-kinderdorf.de/familienzentrum-berlin

Aufräumregeln:

1. Die Eltern müssen ein Vorbild sein.

Wer will, dass Kinder Ordnung halten, muss auch seine Sachen wegräumen und sich an Regeln halten.

2. Nie ohne die Kinder aufräumen.

Auch wenn im Zimmer Chaos herrscht, nicht die Nerven verlieren.

3. Rituale ums Aufräumen schaffen.

Jeden Tag reichen fünf Minuten zu einer festen Zeit. Nicht den großen Wurf planen, lieber nur eine Kiste aufräumen.

4. Keine Belohnung fürs Aufräumen.

Besser loben und erwähnen, was gelungen ist.

5. Dinge brauchen einen festen Platz.

Spielzeug passend zueinander sortieren und für alles einen bestimmten Ort im Kinderzimmer bestimmen.

6. Nicht alles überall liegen lassen.

Die gemeinsamen Räume sollten nicht zugemüllt werden.

Dieser Text erschien auf der Familienseite im Tagesspiegel. Mehr zum Thema Familie finden Sie hier.

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