Berlin : Ostalgie in Amerika

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Malte Lehming über Zeitloses

im fortschrittlichsten Land der Welt

Damals, das war vor drei Jahren, schien die Zeit plötzlich stehen geblieben zu sein. Ich befand mich auf einer Reise in Syrien, hatte Heimweh und fragte in einem Hotel in Damaskus nach der Vorwahlnummer für Deutschland. „Welche Stadt?", wollte der Mann an der Rezeption wissen. „Berlin", sagte ich. Der Mann blätterte in einem staubigen Buch, und dann gab er mir die alte Vorwahlnummer von OstBerlin.

Ich freute mich. Denn das passte irgendwie. In einem zeitlosen Land wie Syrien, wo sich die Zahl der Internet-Anschlüsse, Rolltreppen und Bankautomaten an zwei Händen abzählen lässt, müssen ausländische Vorwahlnummern in alten, vergilbten Büchern aufbewahrt werden.

Beim zweiten Mal, das war vor einem Jahr, fand ich die Sache bedenklicher. Ich nahm, sehr neugierig, an einer Führung durch das Hauptquartier des FBI in Washington teil. Die Amerikaner sind ein hochtechnisiertes Volk, sie sind auf den Mond geflogen und haben so hyperzielgenaue Waffen entwickelt, dass sie einem damit aus tausend Kilometer Entfernung die Wurst vom Brot wegschießen können, ohne dass dem Brot dabei etwas passiert.

Die Tour durch das FBI-Gebäude führt an einer großen Weltkarte vorbei. Darauf sind alle auswärtigen Büros der amerikanischen Bundespolizei markiert. Inzwischen hat das FBI sogar Zweigstellen in Rumänien, Aserbaidschan und Lettland. Allerdings ist die Karte ziemlich alt. Viele neue Länder, insbesondere auf dem Balkan, mussten mit der Hand nachgetragen werden. Dafür ist ein Land noch drauf – die DDR.

Während des Kosovo-Krieges haben die Amerikaner mal aus Versehen die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert, weil der Geheimdienst CIA den Militärs eine alte Karte gegeben hatte. Hoffentlich – so dachte ich nach der Tour bei FBI – sind nicht in irgendeiner amerikanischen Atomrakete die Daten von Kiel statt von Kiew einprogrammiert.

Zum dritten Mal stand die Mauer noch vor drei Wochen, ebenfalls in Washington. Meine Frau hatte gerade ein Kind geboren, und ich beantragte beim Department of Vital Records eine Geburtsurkunde. Das lässt sich bequem übers Internet erledigen. Einige Tage später rief eine Mitarbeiterin der Behörde an. Der Antrag ist unvollständig, erklärte sie mir, weil wir, die Eltern, lediglich angegeben haben, dass wir aus Deutschland stammen, nicht aber präzise, ob aus West- oder Ost-Deutschland.

Gerade wollte ich amüsiert zu einer kleinen historischen Nachhilfestunde ansetzen, als die Frau mich unterbrach: „Denken Sie ja nicht, dass ich blöde bin. Ich weiß, dass es nur noch ein Deutschland gibt. Aber unsere Formulare stammen aus den siebziger Jahren. Ich muss ankreuzen, ob Sie aus West- oder Ost-Deutschland stammen.“ Und so kam es, dass die Herkunft der Eltern auf der offiziellen Geburtsurkunde unserer Tochter Laila, ausgestellt im Dezember 2002, unterschrieben vom Oberregistrar der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika, mit „Germany West“ angegeben ist.

Manchmal bleibt die Zeit an Orten stehen, an denen es niemand vermutet.

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