Pankow : Mit Postkarten gegen die Gentrifizierung

Pankow gilt nicht gerade als aufmüpfig beim Thema soziale Verdrängung. Doch jetzt mobilisieren Frauen gegen hohe Mieten. Und Rentner werden zu Besetzern.

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Engagiert. Eva Gerlach (l.) und Astrid Landero vom Frauenzentrum „Paula Panke“ haben Postkarten drucken lassen, mit denen die Pankower gegen hohe Mieten in ihrem Bezirk protestieren können. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Engagiert. Eva Gerlach (l.) und Astrid Landero vom Frauenzentrum „Paula Panke“ haben Postkarten drucken lassen, mit denen die...

5000 Postkarten haben Eva Gerlach und Astrid Landero aus Protest drucken lassen. Sie wollen nicht mehr zusehen, wie die Mietpreise in Pankow steigen. Deswegen fordern sie die Pankower auf, ihre Karten zu unterschreiben und ans Bezirksamt zu schicken. Von dort erwarten die beiden Protest-Initiatorinnen vom Frauenzentrum „Paula Panke“ Antworten zur Mietsituation.

Für die Karten haben Gerlach und Landero einen weißen Briefkasten am Zaun vor ihrem Büro aufgehängt und daneben eine transparente Box mit den Postkarten angebracht. „Grün aber urban“ und das für 1420 Euro Kaltmiete ist eine Wohnungsanzeige, die auf die Karten gedruckt ist. Die Annonce steht exemplarisch dafür, dass die Preise in Pankow im vorigen Jahr um mehr als vier Prozent gestiegen sind. Laut Mieterverein liegen erfahrungsgemäß die Neuvertragsmieten 20 bis 30 Prozent über den ortsüblichen Mieten. Das wirkt preistreibend. Und so haben Gerlach, die die Postkartenaktion betreut, und Landero, die das Frauenzentrum leitet, schon viele aus Pankow wegziehen sehen. Stattdessen kamen in den vergangenen Jahren viele, denen zum Beispiel Prenzlauer Berg zu teuer geworden ist. Oder die Pankow als grüne, citynahe Alternative entdeckt haben.

Rebellische Töne wie in Kreuzberg sind hier aber nicht zu hören. „Lärmdemo – eine große Manifestation unseres Kampfmutes“ postuliert die Mietergemeinschaft am dortigen Kottbusser Tor. Auch sie kämpft gegen verteuerte Wohnungen. Gerlach und Landero werben für ihre Aktion mit dem Slogan „Wohnen bleiben im Kiez“. Sie spielen damit auf die Situation der Mieter an. „Viele schämen sich darüber zu sprechen, dass sie ihre Miete nicht zahlen können“, sagt Gerlach, die seit zwölf Jahren für das Frauenzentrum arbeitet. Hierher kommen Pankowerinnen, die mit unterschiedlichen Lebenssituationen ringen. Es sind Alleinerziehende, die versuchen, sich mit einem Job über Wasser zu halten. Mittfünfzigerinnen, die wegen einer Krankheit mit Hartz IV auskommen, Rentnerinnen, die von 600 bis 700 Euro im Monat leben. Sie alle blicken mit Sorge auf die hohen Mieten in Pankow.

Gegen das Motto „arm, aber sexy“ hat Gerlach nichts. Es steht für den besonderen Charme der Stadt, doch bei der Miete hört für sie der Spaß auf. „Man kann aufhören, ins Theater zu gehen, man kann bei der Kleidung und auch beim Essen sparen“, sagt Eva Gerlach. „Aber die Miete muss einfach bezahlt werden.“ Dass ihre „Mädels“, wie sie ihre Frauen liebevoll nennt, in eine günstigere Gegend ziehen, ist für Gerlach keine Lösung. Die meisten Betroffenen leben seit Jahrzehnten in Pankow. Sie haben hier ihr gewohntes Umfeld. Und auch sozial Benachteiligte hätten ein Recht, ihre Netzwerke behalten zu dürfen.

Seit etwa einem Jahr engagiert sich „Paula Panke“ gegen die hohen Mieten. Gerlach und Landero versuchen, das Thema auf die Prioritätenliste der Politik zu bringen – im leisen Pankower Stil. Sie organisierten bereits Diskussionsveranstaltungen, damit Betroffene sich austauschen können. Als im April dann Jens-Holger Kirchner kam, der grüne Stadtrat für Stadtentwicklung, musste die Veranstaltung in einen größeren Raum verlegt werden. So stark war der Andrang. Die Bewohner erhoffen sich Antworten. Bislang ohne Erfolg. Dass jetzt Pankower Rentner ihren Seniorentreff besetzt halten, begeistert Eva Gerlach. Die Villa in der Stillen Straße 10 soll, wie berichtet, verkauft werden. Das wollen die Besetzer verhindern. „Es sind diesmal die Alten und nicht die Jungen, die ein neues Zeitalter des Protestes in Pankow einleiten“, sagt sie. Gerlach hofft, dass Pankow aus seinem Schlummer aufwacht – und Kreuzberger Kampfesgeist den Protest bestimmt.

Postkarten können an vier Orten in Pankow unterschrieben werden: Frauenzentrum Paula Panke, Schulstraße 25, Evangelische Gemeinde, Breite Straße 38, Rathaus Pankow, Büro der Gleichstellungsbeauftragten, Raum 147, Breite Straße 24a, Buchladen Saavedra, Breite Straße 2

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