Berlin : Partyleben in Schloss Lanke

Ein Verein macht das Brandenburger Herrenhaus zum Berliner Szenetreff

Judith Jenner

Lanke - „Gertrud Seele Haus“ steht über dem verwitterten Eingang. Aus Rissen in der Mauer rieselt der Putz. An den Abflussrohren kleben Spinnweben. Ein bisschen wie eine Filmkulisse für Thomas Manns „Zauberberg“ wirkt Schloss Lanke an einem stillen Nachmittag.

Auf der Veranda steht in weißem Jackett Mathias Gordon. Er ist mit seinem Verein „Temporär e.V.“ in diesem Sommer der Schlossherr auf Lanke nördlich von Bernau zwischen Biesenthal und Wandlitz. Mit einem Team von 20 Künstlern, DJs, Partyveranstaltern und Köchen aus Berlin macht er bis Ende September jedes Wochenende Kulturprogramm im und um das Schloss. Der Eigentümer, das Land Berlin, hat den jungen Mietern das zuletzt als Krankenhaus genutzte Schloss, die Nebengebäude und den Garten zur Zwischennutzung überlassen. Seit zehn Jahren steht das Haus leer.

„Es ist viel entspannter hier draußen als bei einem Festival“, sagt Mathias Gordon, „und man ist unter netten Menschen.“ Viele bringen ihre Kinder mit, die im kleinen Gemüsegarten sehen, wie Gurken wachsen. Der Hellsee ist nur einen kurzen Fußmarsch entfernt. 400 bis 500 Besucher kamen schon am ersten Wochenende. Von der Terrasse führt eine Rampe in den großen Garten, über die früher die Patienten geschoben wurden. Peter Joseph Lenné hat ihn einst entworfen, als Graf Friedrich Wilhelm von Redern das Schloss 1858 im Stil der französischen Renaissance errichten ließ.

Jetzt stehen auf dem Rasen Plantschbecken, Liegestühle, eine Hollywoodschaukel, Sofas aus Gras und eine Bühne. Darauf sollen in diesem Sommer Bands wie Jeans Team, die Krassnajas und DJ Eric D. Clark auftreten. Szenestar Nina Queer hat sich für den 2. Juli angekündigt und freut sich schon „wie ein Schlosshündchen“. Das Kutscherhaus mit seinem runden Saal wird im Juli Schauplatz eines Computer-Konzerts: Jeremy Clark baut 40 Ataris auf, die jeweils ein „Instrument“ spielen und so per Knopfdruck ein elektronisches Symphonieorchester anstimmen.

Im Erdgeschoss des Schlosses hat der Betreiberverein mit Durchbrüchen aus kleinen Krankenhauszimmern einen großen Esssaal und eine Bar geschaffen. An einer langen Tafel serviert Szene-Koch Caesar Esgargot an dem Wochenenden unter anderem Schnecken aus dem Schlossgarten. Mathias Gordon plant außerdem ein „Chefkochbooking“ mit Szene-Gastronomen aus Mitte und Prenzlauer Berg. „Das White Trash, die Crew vom Showroom No. 6, die Weinerei und Gordon W. haben sich angekündigt“, sagt Mathias Gordon, den seine Freunde Gogo nennen. „Endlich eine Alternative zur Soljanka im Dorfgasthof“, grinst er.

Der 35-jährige Frankfurter lebt seit 1989 in Berlin. Er hat einen Plattenladen in der Rosa-Luxemburg-Straße, schmiss Partys im Penthouse in der Rungestraße und managt ein Catering-Unternehmen. Von dem leeren Schloss hatten ihm Freunde erzählt. „Das Haus ist gut in Schuss. Wir mussten lediglich einen frechen Marder vertreiben.“

Jörg Bodemann und Rüdiger Stern haben auf eine Waldlichtung kleine Hütten gezimmert, „Licht- und Wohnobjekte“ mit Platz für zwei Personen, wie Mathias Gordon erklärt. Für zehn Euro die Nacht kann man sich hier einquartieren und mit Laptop und Wireless Lan mitten im Wald sogar E-Mails abrufen.

Wenn sich kein Investor findet, will Mathias Gordon auch im nächsten Sommer das Schloss mieten. Aber die Verwaltungsgesellschaft WoBeGe ist optimistisch, Schloss Lanke bald zu verkaufen. „Der Preis liegt bei 550000 Euro“, sagt Vertriebsmanager Ulfried Weitling. „Es gibt mehrere Interessenten.“

Einer ist Wolfgang Schernetzki aus Hermsdorf. Er will ein deutsch-polnisches Tagungs- und Kongresszentrum mit wöchentlichen Biomarkt in Schloss Lanke einrichten. Sieben Millionen Euro sind seiner Ansicht nach für die Restauration des denkmalgeschützten Gebäudes notwendig.

Doch bis dieser oder ein anderer Plan Realität wird, können sich die Berliner auf dem 25000-Quadratmeter-Grundstück kulturell austoben. Es sieht nicht so aus, als gingen Mathias Gordon und seinen Freunden die Ideen aus.

Schloss Lanke ist in der Regel freitags ab 18 Uhr und am Wochenende ganztägig geöffnet.

Am morgigen Sonnabend gibt es ab 19 Uhr Live-Konzerte von PR Kantate und Alcalica. Anschließend legen DJ Doc Grolman & DJ Claus auf, an den Videoknöpfen begleitet vom VJ Team Tritamin. Um 23 Uhr wird Freilichtkino im Wald gezeigt: „The Blair Witch Project“.

Am Sonntag gibt es um 16 Uhr Kammermusik im Schlossgarten mit Werken von Mozart, Mendelssohn und Puccini. Ab 19 Uhr legen Hardman und DJ Anna auf.

Informationen:

www.schlosslanke.de

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