Pfandsammeln in Berlin : „Von dieser Person hätte ich das nicht gedacht“

Interview mit dem Soziologen Sebastian J. Moser über das Pfandsammeln - zwischen Drecksarbeit und Beschäftigungstherapie.

Dominik Drutschmann
Der Soziologe Sebastian J. Moser. Foto: Mara Klein
Der Soziologe Sebastian J. Moser.Foto: Mara Klein

Sebastian J. Moser, 33, ist Soziologe, derzeit am Centre Max Weber der Université Lyon 2. Im März erschien „Pfandsammler – Entdeckungen einer urbanen Sozialfigur“. Mit ihm sprach Dominik Drutschmann.

Herr Moser, die Protagonisten in Ihrem Buch „Pfandsammler – Erkundungen einer urbanen Sozialfigur“, in dem Sie die Gespräche mit 14 Sammlern auswerten, sprechen Sie immer wieder die Fußball-WM 2006 an. Welchen Einfluss hatte das Turnier auf das Phänomen des Pfandsammelns in Deutschland?

Das Ereignis war ganz entscheidend, auch ich habe vorher Leute, die in Mülleimern herumkramen, selten gesehen. Ein Pfandsammler, den ich getroffen habe, hat das ganz gut analysiert: Die Masse an Pfandflaschen hat die Leute begreifen lassen, dass damit Geld zu machen ist. Da haben sehr viele Menschen angefangen, Flaschen zu sammeln. Viele von ihnen haben nach der WM aber auf bittere Weise merken müssen, dass die Einnahmen radikal zurückgingen.

Lohnt sich Pfandsammeln heute ökonomisch?

Erst bei einer hochgradigen Organisation der Tätigkeit. Das heißt, wenn man systematisch etwa große Festivals ansteuert, zwei, drei Tage vor Ort bleibt und wirklich den ganzen Tag unterwegs ist. Dann kann man vielleicht auf hundert Euro am Wochenende kommen. Aber immerhin haben die Pfandsammler dann auch drei Tage gearbeitet, auf einen Stundenlohn heruntergerechnet, ist das beinahe nicht der Rede wert – gerade vor dem Hintergrund der Debatte um einen Mindestlohn. Ich glaube also, dass es sich ökonomisch kaum lohnt. Es ist aber lohnenswert für die Menschen, aus anderen Gründen.

Welche sind das?

Einerseits ist da der Mechanismus des Sammelns, der vielen auch zum Selbstzweck wird. Daneben kann es helfen, den Tag zu strukturieren. Es lohnt sich, weil es die Leute nötigt, aus der eigenen Wohnung herauszukommen. Häufig handelt es sich bei Flaschensammlern um Menschen, die sich in einer isolierten Stellung innerhalb der Gesellschaft befinden. Das Sammeln befähigt sie, rauszugehen, unter Leute zu kommen, hier und da mal ein bisschen zu plaudern, ein Gespräch zu führen. Es ist auch eine Art Beschäftigungstherapie, wenn andere Arten von sinnvollen Tätigkeiten fehlen.

Sie nennen mehrere Gründe der einzelnen Personen für das Sammeln: Bewegung, Struktur des Alltags, Autonomie, das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Anerkennung bekommen die Sammler für ihre Arbeit selten. Warum ist das so?

Es handelt sich beim Pfandsammeln um eine Tätigkeit, bei der man mit Müll in Berührung kommt. Die typische „Drecksarbeit“, die niemand machen will, obwohl sie gesellschaftlich nötig und sinnvoll ist. Wir wollen keinen Müll sehen. Nicht umsonst sind Mülleimer geschlossene Gefäße. Die Pfandsammler bringen das wieder an die Oberfläche und konfrontieren die Menschen mit dem Umstand, dass sie Müll produzieren. Und: Pfandsammler werden oft mit Obdachlosen gleichgesetzt. Man sieht in ihnen häufig Sozialschmarotzer. Das ist paradox, weil Arbeit für die Pfandsammler eine wichtige Sache ist. Man könnte auch sagen, dass die Pfandsammler ein gutes Beispiel dafür sind, wie verkehrt das Bild des Sozialschmarotzers eigentlich ist. Denn diese Menschen zeigen in den Innenstädten jeden Tag, dass sie arbeiten wollen, dass sie es freiwillig machen, nicht unter Zwang, dass sie sich ihre Arbeit sogar selber suchen. Und vor allem, vor dem Hintergrund von „Drecksarbeit“, dass sie sich für nichts zu schade sind.

Sie haben die Figur des Pfandsammlers über mehrere Jahre hinweg beobachtet. Können Sie Entwicklungen erkennen?

Es gab einige Überraschungsmomente. Ich erinnere mich, dass ich mit einem Freund Beobachtungen am Berliner Hauptbahnhof gemacht habe. Wir sind separat losgegangen. Der Freund hat sich zu Anfang gefragt, worauf er eigentlich achten muss, wie er Pfandsammler überhaupt erkennt. Er dachte, er hält Ausschau nach Leuten, die etwas abgehalftert aussehen, ungepflegt, mit einer Plastiktüte in der Hand. Bei fast allen Sammlern, die er dann tatsächlich gesehen hat, ist dieses Bild zerstört worden. Der Anteil von Leuten, die nicht obdachlos sind, ist sehr hoch. Das ist immer wieder überraschend, dass man bei sich selbst merkt: Von dieser Person hätte ich das jetzt nicht gedacht.

Gibt es Solidarität unter Pfandsammlern?

Prinzipiell handelt es sich nicht um eine klar definierte Gruppe. Solidarität habe ich aber dennoch viel beobachten können. Gerade bei Fußballspielen, wo relativ viele Sammler auf einem begrenzten Ort zusammen sind. Da kommt es vor, dass einer mal eben zur Toilette muss und der andere währenddessen auf seine Flaschen aufpasst. Man gibt sich auch gegenseitig Tipps. Ich habe beobachtet, wie ein Flaschensammler dem anderen gezeigt hat, wie man am besten einen Knoten in eine Plastiktüte macht, um sie besser transportieren zu können. Das alles führt aber nicht dazu, dass man anschließend noch gemeinsam in die Kneipe geht oder Telefonnummern austauscht.

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