Berlin : Poesie von der Stange

Wer Gedichte in Bus und Bahn aufhängt

Buslektüre. Auf solche Zettel stoßen Fahrgäste.Foto: promo/Dennis Holewa
Buslektüre. Auf solche Zettel stoßen Fahrgäste.Foto: promo/Dennis Holewa

Die Bahnhöfe sind zugig, in den Wagen steht stickig der Wintermuff, der Monitor zeigt die neuesten Boulevardmeldungen und die einzige andere Lektüre stellen einsilbige Graffiti-Tags und Werbeplakate für Sprachschulen und klinische Studien dar. Die U-Bahn ist wahrhaftig kein Ort, an dem Poesie zu Hause ist.

Sollte man meinen. Doch was ist das?

Dort auf dem Sitz liegt mit dem Hinweis „Post für Dich“ ein Zettel mit einem Gedicht von Erich Kästner, auf einem anderen ein Spruch von David Bowie, und an einer Haltestange hängt ein kleines Schild mit einem Zitat von Hermann Hesse. Erst schaut ein Fahrgast dezent auf den Zettel, dann sein Nachbar. Und plötzlich, mitten hinein in das Gebot der Stille, das sonst nur durch Mobilfunkmonologe oder die heisere Begrüßung eines wohnungslosen Zeitungsverkäufers gebrochen wird, fangen die beiden Fahrgäste an, miteinander zu reden. Vielleicht über Kästner oder Bowie, vielleicht auch nur über das Wetter oder darüber, dass es eigentlich schade ist, dass man hier meist stumm und verschlossen nebeneinandersitzt, anstatt mal ein paar Worte miteinander zu wechseln.

So ungefähr sah die Idealvorstellung aus, mit der Sarah Curth und Swantje Bahnsen ihr Projekt „Post für Dich“ gestartet haben. Seit dieser Woche verteilen sie und vier andere Studenten der Humboldt-Universität rund 600 Briefchen und kleine Hängeschilder mit Gedichten und Zitaten in Berlin, unter anderem in den U-Bahnlinien U 2 und U 6 sowie in der S 1 und S 2. Hervorgegangen ist die Aktion aus einem Tutorium über vernetztes Schreiben, das Curth als Redakteurin der Online-Zeitung „Berliner Gazette“ an der HU geleitet hat.

Bahnsen hatte als Teilnehmerin die Idee, Poesie und damit etwas Wärme und Lebendigkeit in den Berliner Alltag zu bringen. „Außerdem soll auf diese Weise die analoge mit der digitalen Welt verknüpft werden“, sagt die 22-jährige Friedrichshainerin Curth. Denn wer möchte, kann selbst eine Nachricht auf den Zetteln hinterlassen, auf der Facebook-Seite oder dem Blog des Projekts (www.postfuerdich.tumblr.com) Fotos von den gefundenen Briefchen hochladen oder online Vorschläge für Gedichte oder Zitate machen.

„Vielleicht kommen ja einige sogar auf die Idee, selbst solche Zettel zu drucken und zu verteilen“, sagt Curth. Das wäre zumindest denkbar, denn die Aktion läuft so gut an, dass das „Post für Dich“-Team anders als geplant auch in der kommenden Woche Botschaften in der Stadt aussetzen wird. Es heißt also Augen auf, auch im Alltag und sogar in der Berliner U-Bahn lauert Poesie. eve

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