Polemik zum Thema Gesichtsbehaarung : Bart ab!

Ohne Haare kein Gewinn am Kinn? Was früher nur was für Althippies und gestandene Faulpelze war, steht hier und heute für den kollektiven Individualismus der Mode-Geeks. Altgediente Gesichtshaarträger bringt das zur Verzweiflung.

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Bart an "Hype"-Mütze. Modebewusste Bartträger wie MC Fitti sind es, die unseren ebenfalls bärtigen Autor zur Verzweiflung bringen.
Bart an "Hype"-Mütze. Modebewusste Bartträger wie MC Fitti sind es, die unseren ebenfalls bärtigen Autor zur Verzweiflung bringen.Foto: dpa

Wenn ich aus dem Haus gehe, habe ich zwei Möglichkeiten. Rechts geht’s ins Brunnenviertel, in die Ausläufer des Wedding mit seinen grauen Neubauten, den Hörzu-Kiosken und türkischen Bäckern. Links, durch den Tunnel, zu den hübschen Altbauten und den Focaccia-Läden. Dort liegt neuerdings die verschärfte Gefahrenzone. Vollbartland. Flusennasenhausen.

Es ist ein echtes Problem geworden. Ich kann es nicht mehr sehen. Nein, anders: Ich kann MICH nicht mehr sehen.

Überall schaue ich mir selbst entgegen. Ich sitze in den Cafés und scrolle auf dem iPad; ich sitze vor dem Burgerladen und trinke Bionade; ich düse auf dem Hollandrad vorbei; selbst abends, in der Fußballkneipe, saß ich neulich schon da und hatte schlauerweise die letzten beiden freien Plätze für meine ebenfalls vollbärtigen Agenturkollegen reserviert.

Gerne schaut mir mein Bart in Kombination mit diesen runden Harry-Potter-artigen Hornbrillen entgegen. Und wenn dir die ersten Fashion-Models von den Plakaten in „Rasier mich Ken“-Optik nachstarren, weißt du, dass es wirklich zu spät ist. Ich hatte nie ein MacBook, ich hatte nie ein Start-up. Und jetzt haben sie mich doch gekriegt. Ich bin Teil dieses Teils dieser Stadt, der alles nach- und also gleichmacht. Kollektive Individualität – und ich mittendrin! Jetzt feiern sie auch noch den „Movember“, da lassen sich selbst gestandene Bart-Abstinenzler – immerhin nur – Schnurrbärte stehen und wollen damit für Spenden zur Prostatakrebsbekämpfung werben. Was kommt als Nächstes – der Bärtz? Geht Charity nicht auch ohne Bewuchs?

Lasst Euch Bärte wachsen, Männer!
Tag 30. Durchgehalten bis zum Schluss. Ein prachtvoller Schnauzer - zumindest bei den Damen - ist klar zu erkennen. Und Kai-Uwe: Wir versprechen, jegliche Spöttelei beim nächsten Versuch mit dem Bartwuchs zu unterlassen. Echt. Wir schwören. Wer jetzt noch für den guten Zweck spenden möchte, hat hier und heute die letzte Möglichkeit. An dieser Stelle haben wir täglich den Bartwuchs unseres Fotochefs dokumentiert. Wie hunderttausende andere Männer auf der Welt, hat er sich im November einen - nun ja - Schnurrbart wachsen lassen, um auf die Gefahren von Prostatakrebs und anderen Männerkrankheiten aufmerksam zu machen. Alles zur Aktion "Movember lesen Sie hier. Und was ist mit Ihnen? Schicken Sie Ihre schönsten Bartfotos an leserbilder@tagesspiegel.de.Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Foto: Kai-Uwe und die Mädels danken unserem Fotografen Mike Wolff
30.11.2013 10:38Tag 30. Durchgehalten bis zum Schluss. Ein prachtvoller Schnauzer - zumindest bei den Damen - ist klar zu erkennen. Und Kai-Uwe:...

Dabei ging es doch einfach nur mit Faulheit los. Mit dieser Trägheit, die einen nur im Strandurlaub überkommt. Als ich damals, 2010, nach 14 Tagen zurückkam und in den Spiegel schaute, dachte ich, in aller Unschuld: Kann erst mal so bleiben. Kann ich morgens zehn Minuten länger liegen bleiben.

Als ich aus derart nichtigen Erwägungen zu meinem Bart kam, gab es in meinem Umfeld genau zwei weitere Vollbartträger. Der eine trug einen dunkelblonden Polarforscher-Pelz, Marke Fridtjof Nansen am 47. Expeditionstag, der andere das Modell Schifferkrause, also mit abrasiertem Schnauzteil, womit er irgendwo zwischen Abraham Lincoln und einem Fugger-Kaufmann lag. Früher, als ich klein war, hatten neben dem Weihnachtsmann genau zwei Typen einen Vollbart: der Räuber Hotzenplotz. Und Zachäus, der Zöllner, aus meinem Jesus-Bilderbuch.

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