Polen in Berlin : Unter Nachbarn

Bis zu 200.000 Menschen mit polnischen Wurzeln leben in Berlin. Seit dem Absturz des polnischen Präsidenten Kaczynski erleben sie viel Zuspruch.

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Setzen auf Made in Polen: Iwona Pogodzinska und Malgorzata Brasch im Cafe MetroPolen.
Setzen auf Made in Polen: Iwona Pogodzinska und Malgorzata Brasch im Cafe MetroPolen.Foto: Uwe Steinert

Das seltsame Tier guckt ganz freundlich aus großen Augen. Es hat Schlappohren, einen kurzen Rüssel als Schnauze, den Körper eines Pferdes und große Flügel. Gleich zwei Mal sieht man es auf Schildern draußen an einem kleinen Geschäft in der Torstraße – der „Pigasus Polish Poster Gallery“. Das Tier heißt wie die Galerie: Pigasus – eine Mischung aus Schwein und dem mythischen Pegasus. „Der Pegasus steht für die Hochkultur. Und das Schwein ist ein freundliches Tier, das oft unterschätzt wird – genau wie die polnische Plakatkunst“, sagt Joana Bednarska, die 1989 aus Polen nach Berlin gezogen ist und mit ihrem Mann die Postergalerie betreibt. Deshalb hat sich das Paar eine Kreuzung aus beiden als „Wappentier“ zugelegt: „Polen haben einen ganz eigenen Humor – ganz anders als die Deutschen“, sagt Joana Bednarska.

Aber zurzeit, seit dem Flugzeugabsturz des polnischen Präsidenten Lech Kaczynski, ist ihr viel weniger als sonst zum Lachen zumute. Genau so wie den meisten der rund 44 000 Menschen mit polnischem Pass, die in Berlin gemeldet sind. Und all jenen Berlinern mit polnischen Wurzeln und polnischer Muttersprache. Rechnet man sie hinzu, kommt man nach Schätzungen auf 130 000 bis 200 000. „Es ist eine der wichtigsten Migrationsgruppen in Berlin, von der wir nur wenige soziale Konflikte mitbekommen“, sagt Robin Schneider, Referatsleiter in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Vorbildliche Integration sei selbstverständlich für die Polen. Und in den vergangenen Tagen könnte man denken, dass die Berliner das genauso sehen – sie zeigen ihre Solidarität mit den Nachbarn. Vorher sah das oft anders aus. Denn viele Berliner hängen noch immer an den alten Klischees: über Schwarzarbeiter auf Baustellen, Putzfrauen, übertriebene Religiosität, Diebe und Schwarzmarkthändler.

Anfang der neunziger Jahre, als Galeristin Joana Bednarska gerade nach Berlin gezogen war, da habe sie sich oft „als Mensch zweiter oder sogar fünfter Klasse“ gefühlt. Heute geschieht ihr das zwar kaum noch: „Die Vorurteile werden immer weniger.“ Aber neulich habe eine Kundin sie gefragt, ob die polnischen CDs, die sie auch in der Postergalerie verkauft, Raubkopien seien: „So etwas macht bei Dussmann keiner“, sagt sie und ihre freundliche Stimme schwankt zwischen Lachen und Entrüstung. Vor allem aber gebe es häufig Desinteresse bei den Deutschen an allem, was mit Polen zu tun hat. Seit dem Absturz dagegen stehen die Polen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. „Im Moment erleben wir einen Ausnahmezustand. Aber Mitgefühl ist in so einer Situation eben die normale Reaktion“, sagt Joana Bednarska.

Sie hat sich gefreut, dass ihre Nachbarin ihr kondoliert hat. Auch wenn sie eher eine „allgemeine“ als eine „persönliche Trauer“ empfinde. „Ich möchte nicht schlecht über einen Toten sprechen, aber manches, was Kaczynski gesagt hat, war manchmal nicht ganz passend.“ Und ganz vorsichtig deutet sie an, dass sie gespannt ist, ob sein Nachfolger das Image der in Deutschland lebenden Polen vielleicht verbessern kann.

Auch die Kunststudentin Delfina Piekarska hat schon ein paar zwiespältig Erfahrungen mit Deutschland gemacht: Sie bewarb sich bei vielen Berliner Kultureinrichtungen. Aber trotz guter Noten und Empfehlungen bekam sie lange Zeit nur Absagen. Die Austauschstudentin aus Krakau glaubt, es liege vor allem daran, dass sie Polin ist. Schließlich hatte sie doch Glück: Sie fand einen Praktikumsplatz – allerdings im Polnischen Institut Berlin in Mitte.

Noch immer ist der deutsche Arbeitsmarkt für Polen weitgehend geschlossen – die sogenannte Arbeitnehmerfreizügigkeit gibt es auch sechs Jahre nach Polens EU-Beitritt nicht. Im Mai 2009 sollte die Beschränkung eigentlich abgeschafft werden. „Wir waren gegenüber der Bundesregierung der Meinung, dass es falsch ist, diese Regelung beizubehalten“, sagt Robin Schneider von der Senatsverwaltung. Aber die Befürworter konnten sich nicht durchsetzen. Erst 2011 werden polnische Arbeitnehmer nun die gleichen Rechte und Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt wie Franzosen, Italiener und Spanier bekommen.

Doch seit dem EU-Beitritt 2004 gibt es eine Art Notlösung: „Vorher wurden die Polen in Berlin stark illegalisiert. Aber dass man als Pole jetzt ein Gewerbe anmelden kann, ist eine wichtige Gesetzeslücke“, sagt Basil Kerski, der vor 30 Jahren mit seinen Eltern nach Berlin zog. Heute gibt der 40-Jährige Journalist das deutsch-polnische Magazin „Dialog“ heraus. „Es freut uns, dass viele Polen sich in Berlin selbstständig machen und Dienstleistungen anbieten“, sagt Senats-Mitarbeiter Schneider. Fast 8000 Firmen mit polnischem Hintergrund sind inzwischen in Berlin registriert. Tendenz stetig steigend – im vergangenen Jahr kamen rund 1000 neu hinzu.

Piotr Nowak (Name geändert ), 39, hat sich schon 2004 mit einer Ein-Mann-Baufirma selbstständig gemacht. Er saniert Wohnungen: Trockenbauarbeiten, Fliesenlegen, Tapezieren oder Laminat verlegen – er hat genug Aufträge von Wohnungsbaugesellschaften und Hausverwaltungen, um manche Arbeiten an zwei polnische Subunternehmer weiterzugeben. „1991 wollte ich nur für einen Monat in Berlin Fenster streichen – und bin bis heute geblieben“, sagt der gelernte Tischler, der ein fast fehlerfreies Deutsch spricht. „Natürlich habe ich vor 2004 schwarz gearbeitet – wie alle Polen damals. Es ging ja nicht anders.“ Heute kenne er keinen einzigen polnischen Schwarzarbeiter mehr – alle seine Kollegen hätten sich selbstständig gemacht.

Auch Senatswirtschaftsverwaltung und Handwerkskammer sehen kein Problem mit polnischen Schwarzabeitern. Und ein Sprecher der Handwerkskammer Berlin sagt sogar, die Idee, „die Polen würden die Preise kaputt machen“, sei „Quatsch.“ „Die meisten Schwarzarbeiter auf den Berliner Baustellen sind heute deutsche Hartz-IV-Empfänger aus Brandenburg. Die arbeiten für fünf bis sieben Euro die Stunde – das würde kein Pole machen“, sagt Nowak. Er selbst nimmt 12 Euro.

Ganz ist der Handwerker nie in Berlin angekommen: trotz Firmensitz und Wohnung in Prenzlauer Berg. Denn fast jeden Freitag fährt er vier Stunden nach Slupsk, das zwischen Danzig und Stettin liegt. Zu Frau und Sohn. Nur selten bleibt er mal ein Wochenende in der Stadt.

Aber wo findet man nun die Polen in Berlin? „Wir leben über die ganze Stadt verstreut“, hat Tomasz Dabrowski, Direktor des Polnischen Instituts Berlin bei einem Gespräch einige Zeit vor dem Unglück gesagt. An vielen verschiedenen Orten in Berlin findet auch das Festival „Film Polska“ des Polnischen Instituts noch bis zum 21. April statt. Dabrowski selbst wohnt in Prenzlauer Berg, arbeitet in Mitte und fährt oft zum Essen in das polnische Restaurant Krakus am Lietzensee in Charlottenburg: Der Kohlfleischeintopf Bigos wird dort serviert, außerdem Borschtsch und Piroggen. Und zum Kaffee zieht es Dabrowski ins „Café MetroPolen“, das Iwona Pogodzinska und Malgorzata Brasch im November an der Westfälischen Straße in Wilmersdorf eröffnet haben. Honigschnitten mit Walnuss, Mohnstollen und Napoleonschnitten liegen einladend in der riesigen Vitrine und die beiden Frauen laufen mit beladenen Tellern zu den Tischen. Jeden Tag holt ein Kühlwagen 30 Kuchensorten aus einer berühmten Konditorei in Polen und kutschiert sie rund 400 Kilometer nach Berlin. Denn genau diese Torten sind sehr beliebt. Im oft voll besetzten Café ist immer viel Polnisch zu hören. Zurzeit drehen sich die Gespräche dort oft um den Absturz. In Charlottenburg und Wilmersdorf treffe man viele Polen, sagt Iwona Pogodzinska. Sie und ihre Geschäftspartnerin kamen in den Achtzigern in den Berliner Westen – wie rund 30 000 andere Polen, es war die Zeit der politischen Krise in der Volksrepublik. Aber Malgorzata Brasch sind auch ihre deutschen Gäste wichtig: „Wir wollen nicht nur Kaffee und Kuchen verkaufen, es geht auch um den sozialen Kontakte und den kulturellen Austausch. Das ist mein Ding.“

Ähnlich denkt Joana Bednarska. Die 43-Jährige gehört zu den Gründern des Clubs der Polnischen Versager in Mitte – ein Veranstaltungsort, an dem sich Polen und Deutsche treffen können. „Wir hatten das Bedürfnis, etwas Kulturelles zu machen“, sagt sie. 2001 war das, inzwischen gehört auch ein Verlag zu dem Club. Als die studierte Mathematikerin 1989 nach Berlin kam, sei auch eine Welle von Schwarzmarkthändlern herübergeflutet, erzählt sie. Kurz darauf, in den Neunzigern, zogen dann viele polnische Künstler und Studenten hinterher. Malgorzata Mrosek, die in der Postergalerie gerade eine CD kauft, unterrichtet Polnisch – als Freiberuflerin. „In Polen hätte ich vielleicht keine eigene Firma gegründet“, überlegt sie.

Jacek Robak, Leiter der Abteilung für Handel und Investition bei der polnischen Botschaft sagt, dass polnische Unternehmer noch immer „um ein gutes Image bei den Deutschen kämpfen.“ Und Magazin-Herausgeber Basil Kerski bemängelt den Umgang der Berliner Politiker mit den Polen, die in Berlin leben: „Das sind 44 000 EU-Bürger, die bei Kommunalwahlen wählen dürfen – aber die Parteien haben sie noch nicht als Wählerschaft entdeckt.“ Und so würden die meisten Polen nicht zur Wahl gehen.

Statt an die Urnen zieht es viele Polen in die Kirche. Nach dem Unglück trafen sich polnische Gläubige in der Johannes-Basilika an der Lilienthalstraße in Neukölln. 10 000 Besucher kämen jeden Sonntag in die drei polnischsprachigen Gottesdienste dort, sagt Joanna Krassowska. Die 37-Jährige betreibt gegenüber der Kirche einen Laden für polnische Zeitungen, christliche Bücher, Rosenkränze, Grußkarten mit lustigen Tieren und ernsten Psalmen drauf. An der Wand hängt ein golden gerahmtes Bild von Papst Johannes Paul II. Wer Klischees sucht, der findet sie hier. „Wenn Polen religiös sind, dann richtig“, sagt Joanna Krassowska, die selbst jeden Tag in die Kirche geht. Seit elf Jahren lebt sie in Berlin. Im Laden spricht sie ausschließlich polnisch, mit den zwei Mitarbeiterinnen und den Kunden. Deutsche trifft sie nicht oft. Das stört sie aber kaum.

Ganz anders Kunstgeschichtsstudentin Delfina Piekarska. Sie wollte in Berlin möglichst viele Deutsche kennenlernen. „Aber die bleiben auf Distanz.“ Sie lebt trotzdem gern in Berlin. Auch weil sie von hier aus viel schneller bei ihren Eltern ist als von Krakau aus: Sie leben in Stettin. Polen liegt nun mal so nah.

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