Berlin : Polens Botschafter: Sag zum Abschied laut Servus

Christoph von Marschall

Voilà, der neue Diplomat, wie ihn Joschka Fischer bei der Botschafterkonferenz neulich beschrieben hat: in Wirtschaft und Kultur zuhause, präsent in den Medien, imageprägend als oberster PR-Agent seiner Heimat im Ausland. Spontan hat Fischer zugesagt, als Andrzej Byrt ihm am Montag bei seinem letzten Besuch im Auswärtigen Amt erzählte, wie er sich am heutigen Donnerstag aus Berlin verabschieden will, nach fünfeinhalb Jahren als Polens Botschafter: ein Straßenlauf vom Brandenburger Tor die Linden hinauf zur Humboldt-Universität, die Linden wieder hinunter, ein Schlenker am Reichstag vorbei, zurück zum Tor. 3,2 Kilometer mit möglichst vielen Freunden, Politikern, Bürgern. Um 9 Uhr 45 trifft man sich vor der Dresdner Bank, die auch für Umkleidemöglichkeit und Erfrischungen sorgt.

Nicht still und leise gehen: So hat es Byrt auch 1999 gehalten, als die Politik nach Berlin umzog. Im Heißluftballon - rechts die deutsche, links die polnische Flagge - fuhr er über Köln, wo die Botschaft drei Jahrzehnte Gastfreundschaft genossen hatte. Der Oberbürgermeister ist dann doch nicht eingestiegen, als er den wackeligen Korb für die Fahrgäste sah - wegen seines Körperumfangs.

Na ja, was heißt still und leise? An offiziellen Terminen mangelt es nicht, Byrt macht seit Wochen einen gehetzten Eindruck, das Packen muss seine Frau Malgorzata besorgen. Bundesverdienstkreuz aus den Händen des Bundespräsidenten, ein letzter Besuch bei Parlamentspräsident Thierse, Manfred Stolpe gibt ein Essen in Potsdam, dazu unzählige Dinners bei Kollegen. Doch das ist der innere Kreis der Politik. Diplomatie will nach außen sichtbar sein. Für den Nato-Beitritt ließ Byrt eine Tür zimmern, die Telekom bot ihren Geschäftssitz in Bonn für die Zeremonie an: Am Stichtag schritten die Botschafter der Neumitglieder Polen, Tschechien, Ungarn mit dem Staatssekretär des Bundesverteidigungsministeriums hindurch.

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Öffentliche Verkaufe, das sei ihm wohl bei der Posener Messe, erst als Marketingleiter, dann als Generaldirektor, in Fleisch und Blut übergegangen, sagt der 51-Jährige. Aber ihn treibt auch etwas fast Missionarisches. Da wird es jedesmal sehr still im Raum, wenn Byrt von seinem Vater erzählt. Der wurde im November 1939 zur Zwangsarbeit nach Babelsberg geholt. Als Byrt 1995 Botschafter wurde, da hat der Vater gebeten, ihn nicht einzuladen. Aber er hat ihn gesegnet: Er solle alles tun, damit Deutsche und Polen sich versöhnen. Wirkt es nicht wie eine Fügung, dass am Tag vor seiner Rückkehr die letzte Hürde bei der Entschädigung genommen scheint?

Byrt geht es darum, Polen als Nachbarn und Partner im deutschen Bewusstsein zu verankern. Viel hat sich verändert seit dem Sturz des Kommunismus. "Das Misstrauen ist überwunden", sagt Byrt. Aber Normalität? Polen wird noch nicht als eine der großen Mächte Europas wahrgenommen wie Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien.

Das Telefon klingelt. Joschka Fischer bedauert, er wird nicht mitlaufen können. Der Bundestag debattiert zur selben Zeit die transatlantischen Beziehungen, da muss der Außenminister erscheinen. Aber Schüler der deutsch-polnischen Europaschule werden kommen, tröstet sich Byrt - auch die ist in seiner Botschafterzeit gegründet worden. Da muss er noch eine Geschichte loswerden: Von wegen Frankreich oder Großbritannien - nur ihm ist es gelungen, im Kölner Karneval einen Botschaftswagen mitfahren zu lassen, gestaltet als Kölner Europa-Gipfel, den Kinder erklimmen, mit den Fahnen der europäischen Länder, natürlich auch der polnischen.

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