Polizei hilflos : Berlin - ein Paradies für Fahrraddiebe

Mehr als 23 000 Räder verschwanden im vergangenen Jahr. Die Berliner Polizei ist hilflos – nur jeder 20. Fahrraddieb wird in Berlin ermittelt. In Potsdam ist dies anders.

Jörn Hasselmann
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Jedes siebte Rad verschwindet an Bahnhöfen. -Foto: ddp

Wer in Berlin ein Fahrrad klaut, muss in den seltensten Fällen damit rechnen, ertappt zu werden. Die Aufklärungsquote beträgt gerade einmal 5,4 Prozent. Anders gesagt: Nur jeder 20. Täter wird geschnappt. Das geringe Risiko wird ausgenutzt: 2008 verschwanden 23 645 Räder, 3400 mehr als im Jahr zuvor (plus 17 Prozent). Das größte Risiko bestehe an Bahnhöfen: Jedes siebte Rad verschwand dort. Von 2007 zu 2008 nahm die Zahl der Diebstähle an Bahnhöfen enorm zu: Plus 43,5 Prozent Zunahme, heißt es in der Kriminalstatistik. Polizeipräsident Dieter Glietsch hat eine schlichte Erklärung dafür: Immer mehr Berliner fahren Rad.

Angesichts dieser Zahlen hatte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) die S-Bahn aufgefordert, „mehr sichere Abstellanlagen“ zu bauen. Das wiederum empört die S-Bahn. Sie verweist darauf, dass es an den 166 Stationen 7500 sichere und teilweise überdachte Plätze gebe, also knapp 50 pro Station. Dies sei freiwillig und auf eigene Kosten geschehen – zuständig seien eigentlich die Bezirke. Dass die uninteressiert seien, zeige sich am Hauptbahnhof. Dort gibt es nur wenige Bügel, die ständig überbelegt sind. Räder werden überall und kreuz und quer hingestellt. Zwar soll irgendwann ein „Fahrradparkhaus“ gebaut werden, einen Termin gibt es aber nicht – der Bahnhof ist seit drei Jahren in Betrieb. Doch Fahrräder, die nicht an einen stabilen Bügel geschlossen sind, sind leichte Beute für Diebe. Der Fahrradclub ADFC empfiehlt Bügelschlösser bekannter Hersteller (ab 30 Euro).

Bei Neubauten von Häusern oder Geschäften verlangt die Berliner Bauordnung mittlerweile zwingend den Aufbau „guter“ Ständer: zwei Stück pro Wohnung oder einen pro 100 Quadratmeter Ladenfläche. Die berüchtigten „Felgenverbieger“ früherer Jahrzehnte, in die nur das Vorderrad eingeschoben werden kann, sind nicht zugelassen. Der Senat geht mit gutem Vorbild voran: So wurden beim Umbau der Linienstraße in Mitte zur „Fahrradstraße“ zahlreiche moderne Ständer am Rand installiert.

In Berlin, darüber spotten Polizisten seit langem, wird nur ermittelt, wenn der Fahrraddieb am Tatort seinen Personalausweis verloren hat. Oder wenn bei Verkehrskontrollen mal eine Rahmennummer mit der Fahndungsliste abgeglichen wird. Alle anderen Opfer bekommen Wochen nach der Anzeige ein formloses Schreiben der Staatsanwaltschaft mit dem lapidaren Satz: „Der Täter wurde leider nicht ermittelt“, das sie bei der Versicherung einreichen können.

Doch in Berlin reagieren manche Versicherungen nun restriktiver. Einer Kreuzbergerin wurde jetzt nach dem zweiten gestohlenen Rad die Police gekündigt – mit der Begründung „das Risiko ist zu groß“. Eine neue Police sei schwer abzuschließen, klagt die Frau, weil die neuen Versicherungen auch wissen wollen, wie viele Schadensfälle in der Vergangenheit gemeldet worden sind.

Berlin steht mit seiner Aufklärungsquote von 5,4 Prozent auch bundesweit ganz schlecht da, durchschnittlich werden gut 10 Prozent aufgeklärt, heißt es beim Bundeskriminalamt. Potsdam macht es besser: Dort wurden im Vorjahr 1310 Räder gestohlen. Das sind pro Einwohner zwar deutlich mehr Diebstähle als in Berlin – doch 35 Prozent werden aufgeklärt. Zufall ist das nicht. Vor Jahren hatte Potsdam eine „Soko Speiche“ gegründet. Auch wenn diese nur noch aus einer Beamtin besteht, ist Potsdam bundesweit auf einem Spitzenplatz. 2004, damals hatte die Soko noch zwei Beamte, lag die Aufklärungsquote sogar bei 40 Prozent. In Berlin, so ergibt die Nachfrage, ist keine Sonderkommission geplant.

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