Prozess : Pokerräuber schweigt – trotz Beugehaft

Der Prozess um den spektakulären Überfall am Potsdamer Platz geht nach langer Pause weiter. Strafrechtlich sind nach wie vor viele Fragen ungeklärt.

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Nach monatelanger Pause geht am Donnerstag der Prozess um den Pokerraub vom Potsdamer Platz weiter. Fast eineinhalb Jahre ist der spektakuläre Überfall her, doch strafrechtlich ist noch lange nicht alles geklärt: Die vier Männer, damals 19 bis 21 Jahre alt, die am 6. März 2010 bewaffnet das Pokerturnier im Hyatt-Hotel stürmten und mit 242 000 Euro flohen, sind je zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt worden. Doch seitdem wird um etwaige Hintermänner gestritten. Der 30-jährige Ibrahim El-M. soll die vier angeheuert und den Fluchtwagen gefahren haben – und zwar, glaubt die Anklage, auf Initiative von Mohammed Abou-C. Der 32-jährige Spross einer einschlägig bekannten Großfamilie soll aus dem Hotel via Handy das Startsignal gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft ist sich dahingehend so sicher, dass sie schon lange das Abschlussplädoyer halten will. Doch die Verteidigung wollte den einst so gesprächigen Vedat S. hören, einen der vier Jungräuber, er hatte in Verhören die anderen verraten. Das Gericht ordnete für S. sogenannte Beugehaft an: Sechs Monate kamen zu seiner Strafhaft hinzu, um ihn zu einer erneuten Aussage zu bringen – vergeblich, diesen Donnerstag sind die sechs Zusatzmonate vorbei, S. sagte nichts mehr.

Die Verteidigung der Älteren hatte gehofft, dass S. seine einst belastende Aussage relativiert – schließlich hatte er als redewilliger Kronzeuge wegen der Aussicht auf Strafrabatt einen Grund, die anderen zu denunzieren. Ob der Prozess nun auf ein Urteil zusteuert, hängt davon ab, ob ein weiterer Jungräuber sechs Monate in Beugehaft soll. Die Verteidigung sagte dazu vorerst nichts. In Justizkreisen wird aber damit gerechnet, denn ein weiterer Jungräuber hatte Ibrahim El-M. als Drahtzieher denunziert, sicher nicht zuletzt, um vor Gericht als geläuteter Sünder dazustehen. Auch ihn könnte das Gericht auf Antrag der Verteidigung noch mal anhören wollen – notfalls erzwungen mit sechs Monaten Zusatzhaft. Dann könnte das Verfahren erst zwei Jahre nach der Tat zu Ende gehen.

Die Beschuldigten haben bisher keine Aussagen gemacht, obwohl sie seit ihrer Verhaftung im Frühsommer 2010 unter verschärften Bedingungen in der Haftanstalt in Moabit sitzen. Ibrahim El-M. hat die mehr als ein Jahr anhaltende Isolation in der Untersuchungshaft nervlich angegriffen, zwischenzeitlich musste er sogar mit schweren Medikamenten behandelt werden. Die Beute ist bisher nicht aufgetaucht. Nur einer der vier Jüngeren hat 4000 Euro zurückgegeben und 1000 weitere auf der Flucht ausgegeben: Noch fehlen 237 000 Euro.

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