Polizeieinsatz bei G20-Krawallen : „Abenteuerlich und naiv“

Berliner Beamter kritisiert auf seinem Blog nach dem G20-Einsatz die Leitlinie der Polizei – und erntet viel Zuspruch.

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Anti-Terror-Einheit GSG 9, SEK, Spezialeinsatzkommando, stürmt mit Maschinenpistolen im Anschlag Häuser, die linke Extremisten besetzt halten.
Anti-Terror-Einheit GSG 9, SEK, Spezialeinsatzkommando, stürmt mit Maschinenpistolen im Anschlag Häuser, die linke Extremisten...Foto: imago/foto2press

Herr von Dobrowolski, Sie haben auf Ihrem Blog als Vorstandsmitglied von „PolizeiGrün“ Ihre Sicht auf die Ereignisse des G20-Gipfels geschildert, nachdem Sie als Polizist selbst an dem Einsatz beteiligt waren. Wie waren die Reaktionen?

Es haben sich massenhaft Menschen für meine Darstellung bedankt, gerade auch weil ich Polizist bin. Von vielen meiner Kollegen habe ich auch positive Rückmeldungen erhalten.

In Ihrem Blog kritisieren Sie, die Polizeiführung habe Bürger- und Freiheitsrechte eingeschränkt. Woran machen Sie das fest?

Die taktische Leitlinie war geprägt von einer konfrontativen Vorgehensweise. Gerade das Behindern der genehmigten Camps hat zu einer Verschärfung der Stimmung beigetragen. Ebenso die Auflösung der „Welcome to Hell“-Demonstration. Aus meiner Sicht und der von vielen Polizeiwissenschaftlern hätte es hierzu nach dem Versammlungsrecht auch taktische Alternativen gegeben.

Weniger präsent war die Polizei dagegen für mehrere Stunden bei den Randalen auf der Schanze.

Ich kann die subjektive Wahrnehmung vieler Bürger verstehen, die sich allein gelassen gefühlt haben. Warum die Polizei da stundenlang nicht rein ging, muss sich die Einsatzleitung schon fragen lassen. Bisher habe ich darauf keine befriedigende Antwort erhalten.

Berliner Beamter, von Dobrowolski, kritisiert nach dem G20-Einsatz die Leitlinie der Polizei.
Berliner Beamter, von Dobrowolski, kritisiert nach dem G20-Einsatz die Leitlinie der Polizei.Foto: promo

Wie bewerten Sie die Rolle von Einsatzleiter Hartmut Dudde?

Herr Dudde hat von Beginn an auf einen harten Kurs gesetzt. Auch nach dem Gipfel verortet er alle Schuld für die Gewalteskalation bei der Gegenseite. Dieses Bild finde ich angesichts vieler Berichte von Journalisten und im Internet kursierender Videos abenteuerlich und naiv. Er hat durch diese Taktik und das überharte Vorgehen auch mühsam erarbeitetes Vertrauen in die Polizei beschädigt.

In Berlin fordert die Linke, das Vermummungsverbot zu entschärfen, in Niedersachsen will SPD-Innenminister Boris Pistorius Lockerungen.

Vermummung ist ja auch eine Definitionsfrage. Generell befürworte ich den Vorstoß von Pistorius, weil die Polizei dadurch mehr Spielraum hätte. Links- wie Rechtsextremisten wollen ja genau solche Bilder wie in Hamburg von angreifenden Polizisten provozieren. Meist ist nur ein kleiner Teil eines Aufzugs vermummt, das sollte man als Polizei aushalten können.

Sie sind Mitglied der Grünen. Von denen war während des Gipfels wenig zu hören...

Das ist das Kernübel in Koalitionen, dass man als Juniorpartner manchmal schlucken muss. Ich finde es aber exzellent, dass sie jetzt auf eine lückenlose Aufklärung des Polizeieinsatzes dringen – nur dadurch können Politik und Polizei glaubhaft bleiben.

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