Berlin : Polizeifunk: Bei den Beamten heißt die Frankfurter Allee "Sachsendamm"

"KWG" - das heißt Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Der "Theo": das ist der Theodor-Heuss-Platz. So spricht man eben am "PladeLu", dem Platz der Luftbrücke. Bei der Polizei, die im Funkverkehr besonderen Wert auf Prägnanz legt, haben sich Abkürzungen eingebürgert, die zwar nirgendwo schriftlich festgehalten sind, aber täglich angewendet werden. Besonders wenn es um lange Ortsnamen geht, hat der Abkürzungsfimmel in der Funksprache teilweise unfreiwillig komische Ergebnisse hervorgebracht - wir blättern einmal im Abkürzungslexikon.

Ein Funkwagen, der zum Kotti beordert wird, fährt natürlich zum Kottbusser Tor in Kreuzberg - ob dieser Begriff nun von der Polizei erfunden oder vom Volksmund übernommen wurde, sei dahingestellt. Aber auch wenn die Rede vom ErPl ist, vom Ernst-Reuter-Platz, muss man als Unbeteiligter doch grinsen. Kein nicht bei der Polizei beschäftigter Mensch käme auf die Idee, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als "KWG" zu bezeichnen oder die Straße Unter den Linden als UdL. In der Funksprache der Polizei ist dies aber ebenso gang und gäbe, wie die Straße an der Wuhlheide eben AdW heißt. "T-Damm" für den Tempelhofer Damm und "M-Damm" für den Mariendorfer Damm sind Abkürzungen, die man auch im Gespräch mit Zivilisten ab und zu mal zu hören bekommt. Auch der Zickenplatz, der seit 1889 eigentlich Hohenstaufenplatz heißt und in Kreuzberg liegt, ist bekannt. Zwei kämpfende Ziegenböcke symbolisieren die Bedeutung der früheren Wiese, auf der einst Ziegen weideten.

Weniger geläufig ist dagegen die Abkürzung "O-Stadion" für das Olympiastadion und OSA, womit in der Polizei-Sprache die Otto-Suhr-Allee in Charlottenburg gemeint ist. Fahren Funkwagen zur "Spielwiese", dann sind sie zur Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße in Charlottenburg unterwegs. Diese Bezeichnung stammt noch aus der Zeit der Studentendemonstrationen Ende der 60er bis in die 70er Jahre hinein. Diese stark befahrene Kreuzung war bei den Demonstranten sehr beliebt, um den innerstädtischen Verkehr lahmzulegen. Während die Polizei die aufsässigen Demonstranten in die eine Richtung trieb, kehrten diese durch die Nebenstraßen zurück und blockierten hinter dem Rücken der Polizisten die Kreuzung erneut - ein Katz-und-Maus-Spiel, an dem vermutlich beide Seiten ihre Freude hatten.

Andere, noch exotischer anmutende Bezeichnungen aus dem Ostteil der Stadt wurden von ehemaligen Volkspolizisten mitgebracht, der "Cotti" beispielsweise. Er steht für den U-Bahnhof Cottbusser Platz in Hellersdorf. Mit dem "Sachsendamm" ist nicht etwa die gleichnamige Straße in Schöneberg gemeint, sondern die Frankfurter Allee. Hintergrund soll sein, dass unter Walter Ulbricht viele Bauarbeiter aus dem gesamten DDR-Gebiet, darunter natürlich auch viele, die sächsischen oder vermeintlich sächsischen Dialekt sprachen, mit dem Aufbau dieser Straße beschäftigt waren. Die Bezeichnung "PladeVerNa" für den Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain stammt aus der Zeit nach der Wende. Bis März 1992 war es einfach der Leninplatz. Auch die "Spinne" ist ein oft gebrauchtes Synonym für die Streifenpolizisten. In Berlin ist dieser Begriff doppelt vorhanden. Zum einen beschreibt er den Platz am U-Bahnhof Rudow in Neukölln, weil dort die Straßen spinnennetzförmig um den Platz herum verlaufen, zum anderen ist das Gebiet der früheren Spinnstofffabrik an der Goertzallee in Steglitz gemeint. Zu Verwechslungen kann es kaum kommen: Jede Polizeidirektion hat ihren eigenen, von den anderen Direktionen abgeschlossenen Funkkreis. Wenn in der Polizeidirektion 6 ein Funkwagen aufgefordert wird, zum "Sachsendamm" zu fahren, wird keiner der Beamten auf die Idee kommen, den Sachsendamm in Schöneberg anzusteuern. Der Fahrer eines Funkwagens in Neukölln (Polizeidirektion 5), der einen Einsatz an der Spinne erhält, fährt bestimmt nicht zur Goertzallee. Und von Beamten in der Direktion 4, zu der Steglitz gehört, verbindet keiner mit dem Begriff "Spinne" den U-Bahnhof Rudow. WERNER SCHMIDT

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