• Pop-Art-Künstler hat sein Bild umgestaltet: Übermal-Aktion an der East Side Gallery provoziert Protest

Pop-Art-Künstler hat sein Bild umgestaltet : Übermal-Aktion an der East Side Gallery provoziert Protest

Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon hat sein Bild an der East Side Gallery einfach neu gestaltet. Er wünscht sich die Mauer als wechselnden Ausstellungsraum. Andere Künstler finden seine Aktion gar nicht lustig. Sie sagen, die Open-Air-Bilder stehen zu Recht unter Denkmalschutz.

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Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon hat sein Bild an der East Side Gallery einfach neu gestaltet.
Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon hat sein Bild an der East Side Gallery einfach neu gestaltet.Foto: Spiekermann-Klaas

Die euphorisch aufeinander zurennenden Menschen. Das Paar, das sich um den Hals fällt. Die Panzer und zähnefletschenden Politikertypen aus der Zeit des Kalten Krieges – sie alle sind jetzt verschwunden. Der Berliner Pop-Art-Künstler Jim Avignon, 45, hat sein Bild „Doin It Cool For The East Side“, das er 1990 auf die East Side Gallery pinselte, am Wochenende übermalt. Es war, wie berichtet, eine illegale Handstreichaktion am frühen Morgen. Denn Mauer und Gemälde aus der frühen Wendezeit sind schon seit dem Jahre 1991 denkmalgeschützt.

Bereits am Sonntag protestierten allerdings andere Mauerkünstler heftig gegen Avignons provokative Performance. Eine neue Debatte in Kreisen von Kunst und Politik ist entbrannt über die zukünftige Bemalung der East Side Gallery am Friedrichshainer Spreeufer.

Neues Bild spiegelt Veränderung Berlins wider

Gemeinsam mit Kunstschülern malte Avignon auf derselben Fläche in Höhe des Ostbahnhofs ein neues Bild. Nun tragen dort Spekulanten Hochhausmodelle unterm Arm, DJ’s legen in Clubs auf. „In einer Galerie gibt es ja auch immer wieder neue Ausstellungen. So sollten wir auch die Mauergalerie alljährlich aktualisieren, um die Veränderungen Berlins und unsere künstlerische Entwicklung widerzuspiegeln“, begründet Jim Avignon seine Aktion. Soll man Kunstwerke, die vor mehr als zwanzig Jahren entstanden sind, für die Ewigkeit konservieren? „Nein, das ist Stillstand“, sagt Avignon. Im übrigen würde eine „zeitgemäß überarbeitete Gallery“ die Touristen aus aller Welt genauso stark anziehen.

Meter für Meter - die komplette East Side Gallery
Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne Stück Mauerkunst im Bild festgehalten. Wir beginnen an der Oberbaumbrücke mit Oskar (Hans Bierbrauer) und "Ohne Titel".Weitere Bilder anzeigen
1 von 309Foto: Kitty Kleist-Heinrich
31.03.2015 17:41Bevor sie vielleicht doch zerstückelt wird, sind wir die 1316 Meter der East Side Gallery abgelaufen und haben jedes einzelne...

Um den Denkmalschutz an der Mauergalerie wurde bereits im Spätsommer gerungen. Dabei ging es jedoch um den lückenlosen Fortbestand des längsten in Berlin noch erhaltenen Mauerteilstückes. Denn für ein neues Luxus-Wohnhaus zwischen Spree und Mühlenstraße, die „Living Levels“, haben die Behörden als Zufahrt einen Durchbruch genehmigt.

Über die künstlerische Gestaltung der weltweit längsten dauerhaften Open-Air- Galerie herrschte dagegen bislang weitgehend Konsens. Es gab zwar alle paar Jahre große Probleme, weil viele der von 118 Künstlern aus 21 Ländern gemalten Werke ausbleichten, bröckelten oder beschmiert wurden. Doch die meisten Künstler schlossen sich in einer Initiative zusammen, restaurierten in den Jahren 1996, 1998 und nochmal 2000 überwiegend mit eigenen Mitteln viele der Bilder. Dann erneut 2009, diesmal aber mit finanzieller Unterstützung der Lottostiftung und des Senats. Im Gegenzug sagten sie der Denkmalschutzbehörde vertraglich zu, dass sie ihre Werke auch künftig in der ursprünglichen Form rekonstruieren werden, wenn diese mal wieder heruntergekommen sind. Pop- Art-Künstler Avignon allerdings weigerte sich schon damals, hielt das für eine Erpressung.

Originalbilder sollen "unbedingt bewahrt" werden

Mauerkünstlerin Birgit Kinder aus Erkner widerspricht ihm vehement. Die 51-jährige Wand- und Dekorationsmalerin aus Erkner hat im Juli 1990 auf die East Side Gallery den weltweit bekannten Trabi gemalt, der die Mauer durchbricht. Vorbild war ihr eigener Trabant. „Wir wollten damals mit unseren Bildern die Wiedervereinigung darstellen“, sagt sie. „Dazu trafen sich spontan Künstler aus aller Welt. Wir wollten den neuen Zeitgeist festhalten. Es ging uns darum, hier einen Treffpunkt des Friedens für internationalen Besucher zu schaffen.“ Diese Grundidee, die in den einstigen Bildern zum Ausdruck komme, müsse „unbedingt bewahrt“ werden, hält sie Jim Avignon entgegen. „Sonst haben wir hier bald ein Disneyland, in dem jeder gerade mal so malt, was ihm gut gefällt.“

Das sieht der Berliner Maler Thierry Noir, 55, ähnlich. Mit seinen rundlichen, glubschäugigen Köpfen in klaren, optimistischen Pop-Farben prägte er auf 50 Metern Länge die Gallery in Höhe der einstigen Brommy-Brücke. Zur Zeit wächst hinter diesem Mauerstück das umstrittene „Living Levels“-Gebäude empor. Seine Köpfe sind von Wind und Wetter arg mitgenommen, müssten dringend mal wieder geliftet werden. Das ist nicht einfach, wegen eines Anti-Graffiti-Lacks, der aufgetragen wurde. Zur Rekonstruktion muss das alte Bild erst abgestrahlt und dann vorbildgetreu neu gemalt werden. Doch Thierry Noir will sich an diese Absprache halten. Warum? „Es waren damals euphorische Tage. Unsere Bilder waren ein Fanal der Freiheit.“ Wer an der Galerie entlangspaziere, könne dies nachempfinden. „Das ist erhaltenswert.“

Geteilte Meinungen zu Avignons Vorstoß

Großer Ärger auch bei der „Künstlerinitiative East Side Gallery“, in der sich zahlreiche Mauermaler zusammengeschlossen haben. „Wir verurteilen Jims Aktion“, sagte ihr Sprecher Jörg Weber am Sonntag. Man müsse verhindern, dass nun auch andere Kollegen „Avignons Initiative als Freibrief ansehen“.

Die Denkmalschutzbehörde war am Sonntag nicht zu erreichen. Gelassen reagierten allerdings die Experten für Denkmalschutz der Koalitionsfraktionen im Abgeordnetenhaus. Michael Arndt (SPD) hält Avignons Vorstoß sogar für „mutig und spannend“. Ein kulturell geprägtes Denkmal wie die East Side Gallery könne sich ja auch „mit dem jeweiligen Zeitgeist flexibel entwickeln“, sagt er. „Warum sollen wir sie staatlich verordnet konservieren?“ Und sein CDU-Kollege Stefan Ewers kann sich die Gallery gleichfalls als „aktuelle Projektionsfläche“ vorstellen. Die Mauer selbst sollte streng geschützt bleiben, meinen beide. Die Bemalung wollen sie den Künstlern überlassen.

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