Porträt : Malermeister rettet historische Feuermelder

Ein pensionierter Malermeister kümmert sich ums Berliner Stadtbild: Er pflegt Feuermelder, die in Zeiten von Handys nutzlos geworden sind. Was bringt einen dazu, mit Drahtbürste und Farbtopf loszuziehen?

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Fast verschwunden. Dieter Binger findet, dass Feuermelder ein Stück Stadtgeschichte repräsentieren. Foto: David von Becker
Fast verschwunden. Dieter Binger findet, dass Feuermelder ein Stück Stadtgeschichte repräsentieren. Foto: David von Becker

Einst prägten die knallroten Feuermelder das Stadtbild, heute aber, da alle Handys in den Taschen tragen, sind sie nutzlos. Nur noch elf der Stationen stehen in Berlin. Eine Platte mit der Aufschrift „Außer Betrieb“ haftet an ihnen, der Notruf wird längst digital übermittelt, der Lack blättert ab. Viele Passanten nehmen die alten Geräte gar nicht mehr wahr. Ein Mann aber kämpft noch dafür, sie vor dem Verfall zu retten: Dieter Binger fährt seit dem vorigen Sommer durch die Stadt und pflegt die alten Feuermelder. Für den pensionierten Malermeister aus Schöneberg sind die roten Säulen kleine, historische Wahrzeichen Berlins – und auch die Erinnerung an einen lange gehegten Traum. Als kleiner Junge wollte der heute 70-Jährige einst, was viele sich wünschen: für die Feuerwehr arbeiten. Mit brandsicherer Uniform und blitzendem Helm. Dieser Traum, er ließ ihn lange Zeit nicht mehr los. Nach seiner Ausbildung bewarb sich der gebürtige Berliner daher bei den Rettungskräften. Den Theorietest bestand er, in der Praxis aber fiel er durch. Die Prüfer beanstandeten, dass er eine Brille trug. Selbst als er sich mit Anfang 30 nochmals bewarb, stieß er auf Ablehnung.

„Da die Feuerwehr mich nie wollte, bringe ich mich jetzt einfach freiwillig ein“, sagt Binger heute. Die Idee, die Feuermelder zu restaurieren, kam Binger vor dem Schloss Bellevue. Er sah, wie sich asiatische Touristen vor einer hier stehenden, rostigen Notrufsäule fotografieren ließen. „Da wurde mir klar, was sie für Berlin bedeuten“, sagt er. Nachdem er sich in diesem Frühjahr die offizielle Genehmigung bei der Feuerwehr eingeholt hatte, zog er los, mit Pinsel und Drahtbürste. Wenn es um das Ansehen seiner Heimatstadt geht, engagiert sich der Pensionär gern.

Zunächst putzt Binger die Melder gründlich, streicht sie dann mit einer Rostschutzfarbe ein und trägt darüber noch einen Alkydharz auf – eine feuerrote Mischung mit hohem Ölanteil, die heute fast gar nicht mehr verwendet wird. Für eine Restauration braucht er zwölf bis 15 Stunden. Binger hat es bisher geschafft, zwei der elf Feuermelder zum Glänzen zu bringen: einen am Mexikoplatz in Zehlendorf und einen vor dem Schloss Charlottenburg.

Bei einer dritten Notrufsäule vor dem KaDeWe musste der Berliner die Arbeit im November abbrechen. Er wurde krank. „Im Moment ist es ein bisschen zu kalt, im Frühjahr mache ich aber an dieser Stelle weiter“, kündigt er an. Danach stehen auf seiner Liste ein Feuermelder in Reinickendorf und, endlich, auch der vor dem Schloss Bellevue.

Vor kurzem hat sich Bingers Traum dann doch noch erfüllt: Die Feuerwehr kürte ihn zu einem „Engel der Großstadt“ und – das ist ihm viel wichtiger – überreichte einen kleinen Helm, auf dem sein Name steht. Er ist also doch noch zu einem Feuerwehrmann geworden, zumindest symbolisch.

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