Potsdamer Platz : Die Schaustelle Europas

Jahrzehntelang lag der Potsdamer Platz brach, eine offene Wunde im Zentrum der geteilten Stadt. Dann rückten die Bagger an. In Rekordzeit wuchs Berlins neue Mitte empor. Nun wird sie zehn Jahre alt.

Andreas Conrad
Potsdamer Platz
Potsdamer Platz in Berlin. -Foto: Kitty Kleist-Heinrich

11. Oktober 1993

Erster Spatenstich



Als Startschuss gab es einen dumpfen Rumms, durchaus angemessen für ein Megaprojekt wie den Potsdamer Platz. Schaulustige hatten sich an der Trasse der Magnetbahn postiert, etwa dort, wo heute der U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy Park liegt, und sahen nun, wie der Bellevue-Tower nach Zündung der Sprengladungen in sich zusammensackte. Es war keine rühmliche Baugeschichte, die am 10. Oktober 1993 endete: Der 22 Jahre alte 14-Geschosser war als Hotel nie erfolgreich gewesen, hatte als Studentenwohnheim und Unterkunft für Asylbewerber gedient und war völlig heruntergekommen. Immerhin, beim „The Wall“ Spektakel am 21. Juli 1990 hatte er manchem Zaungast als Gratis-Logenplatz gedient. Jetzt musste der Betonklotz der Neubebaung des Potsdamer Platzes weichen. Schon am nächsten Tag ging es los, mit obligatorischen ersten Spatenstichen, ausgeführt vom Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und Manfred Gentz, Vorstandsvorsitzender des Bauherren-Unternehmens Debis, assistiert von Baggerführer Siegfried Kirsch.


20. Mai 1994

Brückenschlag

Es kommt eigentlich nie vor, dass ein Ziegenbock in Berlin eine führende Rolle spielt, am 20. Mai 1994 aber schon. Columbus hieß er, acht Jahre alt, auserkoren, als erster die neue Baustellenbrücke über den Landwehrkanal zu überqueren und so böse Geister zu bannen. Ein Tross von Entscheidungsträgern, Investoren, einem Staatssekretär und nicht zuletzt Bauarbeitern folgte und eröffnete damit die Verbindung zwischen dem ehemaligen Potsdamer Güterbahnhof und dem Baugelände. Auf dem verwaisten Bahnareal war das Logistikzentrum des Bauprojekts entstanden, hier kamen mit Güterzügen alle Baumaschinen und Materialien an, hier wurde der Beton gemischt, von hier das ausgehobene Erdreich abtransportiert. Eine sinnvolle, die Stadt vor Lkw-Kolonnen bewahrende Lösung, obwohl es, wie üblich in Berlin, selbst dagegen Widerstand gegeben hatte. Auch der pulverisierte Bellevue-Tower erfüllte hier seine letzte Aufgabe: Die Betonbrösel waren für die zentrale Baustraße verwendet worden.


29. Oktober 1994

Grundsteinlegung

Ohne Feuerwerk läuft in Berlin kaum etwas, das den Stempel „Feier“ trägt. Und so zischte, knallte, funkelte es auch am 29. Oktober 1994 über dem Potsdamer Platz, als Höhepunkt der Grundsteinlegung des Debis-Komplexes. Meist ist solch ein Symbolakt eine langweilige Sache, viele Reden und Hammerschläge, Häppchen und Sekt, Pflichtritual für die Geladenen. Diesmal herrschte Volksfeststimmung. Gewiss, das Offizielle gab es auch, gegen Mittag ging es los – und zunächst mal hinab: Neun Meter tief war die Baugrube ausgeschachtet worden, in die der Daimler-Benz-Vorstandsvorsitzende Edzard Reuter, der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und die anderen 2000 geladenen Gäste hinunter mussten. Kulissen erinnerten an den vergangenen Glanz des Platzes, auch den Ampelturm hatte man provisorisch wieder aufgebaut, und sogar ein Schutzmann mit Pickelhaube patrouillierte übers Areal, das sich am Nachmittag mit tausenden Schaulustigen füllte. Im Festzelt trat die Sängerin Helen Schneider auf, Akrobaten, Feuerschlucker zeigten ihre Kunststückchen, und zum Abschluss gab es eben Pyrotechnik. Die Kräne konnten kommen, bis zu 60 sollten es werden.


16. Oktober 1995

Info Box

Die Schaulust der Berliner und ihrer Gäste hatte ein Zentrum: 63,5 Meter lang und 23 Meter hoch, auf scheinbar kreuz und quer angeordneten Stelzen – ein im Stadtzentrum gestrandetes Ufo, das mit seiner leuchtend roten Fassade, den riesigen Panoramafenstern, verwegen in die Höhe steigenden Außentreppen, seiner Dachterrasse schon für sich hohen Schauwert besaß: die Info Box. Bauherren, Behörden und andere mit dem Platz befasste Partner hatten sich zusammengetan und den Quader an den Rand der größten Baustelle Europas gesetzt – eine zeitgemäße Weiterentwicklung der hölzernen Aussichtsplattformen, die jahrzehntelang an der innerstädtischen Grenze herumgestanden hatten. Doch die am 16. Oktober 1995 eröffnete Info Box war weit mehr als ein Ausguck: Umfassend und multimedial wurde über die Zukunft des Platzes informiert, mit Karten, Plänen, Filmen – ein Ort der Zukunft, der rasch zu einem der größten Touristenmagneten Berlins und zugleich Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe „Schaustelle Berlin“ wurde. Die Abschiedsparty der roten Kiste wurde am 30. Dezember 2000 gefeiert, 300 Fassadenteile wurden übers Internet versteigert, der Rest verschrottet. Die Bilanz der Box: mehr als acht Millionen Besucher.


7. Februar 1996

Erster Tauchereinsatz

Es gibt angenehmere Arbeitsplätze: Eine graugrüne, acht Grad kalte Brühe, 17 Meter tief, an der Oberfläche Eisschollen, Sichtweite gleich null – mit Tauchurlaub im Korallenriff hatte das nichts zu tun. Vom 7. Februar 1996 an fanden für rund anderthalb Jahre die spektakulärsten Einsätze am Potsdamer Platz meist unter Wasser statt. Tief hatten sich die Bagger für den Debis-Komplex ins Erdreich gegraben, erst von festem Boden, dann von Pontons aus, die auf einem imponierenden Grundwassersee schwammen. 160 Berufstaucher kamen nach und nach zum Einsatz, in ihren Anzügen kältegeschützt, gesichert mit Signalleinen, zweiter Luftverbindung, Sprechfunk. Rund 2000 Spundpfähle für die Betonsohle brachten sie in Position, setzten Stahlanker, schweißten Träger, zogen Zwischenwände, gossen das Fundament, dichteten Fugen ab, dabei weitgehend auf ihren Tastsinn angewiesen, die Scheinwerfer am Helm brachten nicht viel. Die Zaungäste am Ufer standen und staunten.


15. März 1996

Umzug des Kaisersaals

Immobilie ist ein relativer Begriff, das zeigte sich am Potsdamer Platz gleich zwei Mal. Erst musste das alte Weinhaus Huth seinen angestammten Platz verlassen, wurde unten abgesägt, hochgestemmt, mit einem neuem Tiefgeschoss, Teil der Debis-Unterwelt, unterfüttert und wieder auf festen Grund gesetzt. Ein Kinderspiel, verglichen mit der technischen Meisterleistung, die zwischen dem 15. und dem 21. März 1996 schräg gegenüber gelang: Der Kaisersaal des ehemaligen Grandhotels Esplanade zog um. Er war den Bauplanungen und der neuen Potsdamer Straße im Weg. Der Bauherr Sony hatte sich aber verpflichtet, den 1300-Tonnen-Kasten zu erhalten. Der Saal musste umziehen: auf einem Luftpolster, genau 75 Meter weit, mit einer Fünf-Grad-Drehung nach zwei Dritteln des Weges. Das ging trotz aufwändiger Vorbereitung nicht ohne Probleme ab, aber verglichen mit der Horrorvorstellung, der Saal könnte auf seiner Reise zerbersten, waren das Kleinigkeiten. Und so konnte sich das Unternehmen Sony in aller Ruhe auf die Grundsteinlegung seines spektakulären, von Stararchitekt Helmut Jahn konzipierten Centers vorbereiten. Am 11. Oktober 1996 war es soweit. Eine Sängerin gab es zwar nicht, nicht mal Karaoke hatten die Japaner, vorneweg Sony-Boss Norio Ohga, im Programm, aber der Sake floss in Strömen.


26. Oktober 1996

Ballett der Kräne

Mochte Karajan Kräne? Hätte der Generalmusikdirektor Europas sich gleichfalls eingelassen auf die Baustellenshow vom 26. Oktober 1996? Sein Taktstock-Kollege Daniel Barenboim von der Staatsoper jedenfalls hatte kein Problem damit, fürs „Ballett der Kräne“ zwar nicht zum Stöckchen, aber doch zu einem weißen und einem blauen Fähnchen zu greifen. 19 Kranführer waren von einer Hubbühne aus zu dirigieren, mit der „Ode an die Freude“ als Tonkonserve, zu der sie die Ausleger mal nach rechts, mal nach links drehten, alles, was ein Kran eben so kann. Der Tanz der Technik, dem später noch ein Korso geschmückter Baufahrzeuge durchs Brandenburger Tor folgte, war der Höhepunkt der zweitägigen Richtfestfeiern auf dem Debis-Areal. Stellvertretend für alle 19 Gebäude waren Kränze über den am weitesten fortgeschrittenen Bauten hochgezogen worden: über dem 22-Geschosser von Star- und Oberarchitekt Renzo Piano am Reichpietschufer und den beiden daneben liegenden Gebäuden des Japaners Arata Isozaki. Knapp zwei Jahre später, am 2. September 1998, folgte auf der anderen Seite der Potsdamer Straße das Sony-Richtfest. Hieran war nur ein Kran beteiligt, an dem Gregor Seyffert, Solotänzer der Komischen Oper, aus 40 Metern Höhe ins damals noch oben offene Forum hinabschwebte, eine Fackel in der Hand.


2. Oktober 1998

Eröffnungsfeier

Die Letzten werden die Ersten sein, das galt auch hier. Relativ spät war das Altenheim aus den Planungen für den Debis-Komplex gestrichen und durch ein Multiplex-Kino ersetzt worden. Und dann eröffnete das „Cinemaxx“ sogar einen Monat früher als das Gesamtareal, dessen Startzeremonie drei Tage, vom 2. bis 4. Oktober 1998, in Anspruch nahm. Hunderttausende drängten sich in den neuen Straßenschluchten, schoben sich durch die Geschäfte oder wurden vor der Bühne, auf der neben anderen Künstlern schon wieder Helen Schneider auftrat, fast erdrückt. Beim Start des Sony-Centers am 20. Januar 2000 waren die Berliner solch eine Zeremonie dann schon gewöhnt und ließen es ruhig angehen.

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