Preisgekrönte Reportage : Sie nannten sie Titten-Gitti

Honeckers erstes It-Girl, Edelhure, Operndiva, Stasi-IM: In Prenzlauer Berg ranken sich bis heute Legenden um die Frau, die bürgerlich Brigitte Klingmann hieß. Nach dem Gewinn des Deutschen Reporterpreises in der Kategorie "Beste Lokalreportage" präsentieren wir den Text über jene "Gitti" aus dem März 2013 hier noch einmal.

von und Meral Al-Mer
Anonyma im Film. In Petra Tschörtners „Berlin Prenzlauer Berg“ (Anbieter: Edition Salzgeber, erhältlich auch im Tagesspiegel-Shop, Mo - Fr 9 - 18 Uhr, oder unter www.tagesspiegel.de/shop) von 1990 gibt es eine Sequenz, in der eine dort nicht weiter benannte Frau im damaligen Wiener Café in Prenzlauer Berg tanzt und singt. Heute wissen wir: Das war „Titten-Gitti“, verstorben 2005.
Anonyma im Film. In Petra Tschörtners „Berlin Prenzlauer Berg“ (Anbieter: Edition Salzgeber, erhältlich auch im Tagesspiegel-Shop,...Stills: Salzgeber & Co. Medien GmbH

Ganz am Anfang war es ein Spiel. Im Taxi, durch den Osten Berlins immer dieselbe Frage an den Fahrer: Kennen Sie Titten-Gitti? Ein Name, über den wir gestolpert waren. Kneipennächte im Prenzlauer Berg. Immer wieder.

Wichtig war dabei, dass der Taxifahrer mehr als 20 Jahre im Geschäft war. Kutscher schon hinter der Mauer. Männer, die mit der Zeit das Gelb ihrer Kunstfellbezüge angenommen hatten. Sie reagierten auf den Namen. Unmittelbar. Ausschweifend. Erinnerten sich, fuhren rechts ran, fuchtelten die Silhouette einer Frau in die Luft, riesengroß, Riesenbrüste, in jeder Kneipe bekannt.

Eine ehemalige Hure, sagten sie. Ein Mannequin, sagten sie, Honeckers erstes It-Girl. Eine Frau, die, früher höchst attraktiv, später, nach einer Messerattacke eines eifersüchtigen Ex-Liebhabers, auf Krücken gestützt durch den Prenzlauer Berg trieb, ständig unterwegs zwischen Lychener, Schliemann- und Dunckerstraße. LSD-Viertel, Bermudadreieck. Alkohol in der Luft. Wiener Café, Mosaik, Seifen und Kosmetik.

Die guten alten Läden, die gute alte Zeit. Andere Fahrer erinnerten sich an eine Frau, Schwerstalkoholikerin, die einen ganzen Supermarkt leer räumte, und dann, die Kassiererinnen ignorierend, den Wagen auf die Straße schob, um das nächste Taxi anzuhalten. Eine Zechprellerin, die als Bezahlung ganz einfach ihre Brüste auspackte. Zitierten die Funksprüche, mit denen sie sich gegenseitig vor Gitti warnten, von der sie wussten, dass sie wieder nur diese 500-Mark-Note dabei haben würde, Trinkgeld und Freifahrtschein, die natürlich niemand wechseln konnte. Also: Pass Uff. Die Prenzlauer lieber weiträumig umfahren. Da steht Gitti. Mit den Krücken.

Erinnerungen an "Titten-Gitti"

Und sie taten all das mit einer solchen Hingabe, die Bilder blumig, die Pointen sauber getimt, als hätten sie die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass endlich jemand kommt und fragt.

Mehr als fünf Jahre ging das, bis sich Gitti als Figur verselbstständigte. Wir wussten nun viel und irgendwie doch: nichts. Was aber war wirklich dran, an diesem Kiezgeflüster, das sich über Hörensagen und im Promillenebel der Jahre zu Legenden verfestigt hatte. Rein also in den Prenzlauer Berg, in seine Geschichte und Geschichten. Spurensuche im Damals und was noch davon übrig ist. Kennen Sie Titten-Gitti?