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Prenzlauer Berg : Schwabenhass im Szenekiez
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Warum ausgerechnet die Schwaben? Die schiere Masse kann es nicht sein. Wie viele von ihnen in Berlin leben, ist unbekannt. Gelegentlich heißt es, die Schwaben seien die größte Minderheit in der Stadt nach den Türken, aber nicht mal das Statistische Landesamt mag das unterschreiben. Selbst eine Sprecherin der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin zuckt nur die Schultern bei der Frage: „Das geht ja schon damit los, dass nur der Zuzug aus Baden-Württemberg gemessen wird. Und dann zählt man ja nicht nur Schwaben, sondern auch Badener.“ Jedenfalls sind seit 2001 jährlich durchschnittlich 6250 Menschen aus Baden-Württemberg nach Berlin gezogen, in den letzten Jahren waren es fast 8000, aber das sind immer noch längst nicht so viele wie Menschen aus Nordrhein-Westfalen oder Brandenburg, die in fünfstelliger Zahl nach Berlin strömten.

Was allerdings auch stimmt: Die Schwaben sind im Stadtbild relativ präsent. „Die verstecken sich nicht“, heißt es in der Fußballkneipe, und auch Anwalt Günzler glaubt, dass die Schwaben im Stadtbild deutlichere Spuren hinterlassen haben als andere. „Maultaschen kannte hier in den Siebzigern niemand“, sagt er. Heute gebe es keine Straße mehr, in der man nicht Käsespätzle bekomme, und in fast jedem Bio-Laden stehe schwäbischer Schwarzriesling. Kölsch aus dem Rheinland sei in der Hauptstadt schon schwieriger aufzutreiben.

Wahrscheinlich spielt da aber auch eine Menge Neid mit rein, vermutet ein Freund, der in Charlottenburg groß geworden ist und heute in Prenzlauer Berg wohnt. „Vor der Wende war Berlin doch ein großes Dorf“, sagt er. Allein, wie sich die Leute früher angezogen hätten: Jeans und Pulli. Irgendetwas Weltstädtisches habe Berlin erst durch die Zugezogenen bekommen. Dieser ganzen Aktionismus, für den Berlin heute berühmt sei, gehe in großen Teilen von den Neuberlinern aus. Wer lautstark dagegen vorgehe, arbeite sich wahrscheinlich primär an seinem eigenen Minderwertigkeitskomplex ab. Eine Stadt verändere sich eben, sagt er. Punkt.

Wer die Stichwörter Schwaben, Stadt und Veränderung zusammenbringt, landet irgendwann fast zwangsläufig beim kürzlich verstorbenen Hartmut Häußermann. Der emeritierte Stadtsoziologe lehrte an der Humboldt-Uni, war gebürtiger Schwabe, hat aber lange Zeit seines Lebens in Berlin verbracht. Von 1964 bis 1978 und dann wieder seit 1993. Auch er hat eine Erklärung, warum ausgerechnet die Schwaben die Sündenböcke geworden sind und nicht die Hamburger. „Zum einen sind wir Schwaben relativ einfach an unserem Dialekt zu erkennen“, sagte er. Zum anderen erfülle der Schwabe auch noch ein paar andere Bedingungen. Mehr als alle anderen Bundesbürger stehe er für Effizienz, Leistung, Wohlstand, Kehrwoche. All das, was das alternative Berlin nie wollte. Deshalb habe man sich wohl auf ihn eingeschossen, als man ein Feindbild suchte, dem man die Veränderung des Kiezes anhängen konnte. Kürzlich noch stand Häußermann daneben, als sich ein Punk im Spätkauf über „die Schwabenpreise“ für Bier aufregte.

Häußermann war allerdings nicht sicher, wie viel Rückhalt die Stimmungsmacher haben. „Wir wissen ja bis heute nicht, ob das drei oder vier Leute sind, die diese Poster kleben, oder ob das eine breite Stimmung ist.“ Außerdem sei das Phänomen auf Prenzlauer Berg beschränkt. Deshalb glaubte er auch, dass sich das irgendwann totlaufe.

Chris’ Erfahrung zeigt etwas anderes. Er fürchtet, dass der Schwabenhass sich inzwischen zu einer Art von Folklore wandelt, der nicht nur von Alteingesessenen ausgeht, sondern längst von anderen Zugezogenen und sogar Touristen unreflektiert weitergetragen wird. Und dass sich die Verachtung eben nicht gegen Schwaben im Geiste richtet, sondern ohne Berücksichtigung persönlicher Biografien ganz konkret gegen gebürtige Schwaben: Am Kicker, im Park, sogar im Bett.

Chris parkt sein Fahrrad vor seiner WG und erzählt von der Holländerin, die er mit nach Hause nahm und die ihm am nächsten Morgen, als sie endlich seinen Dialekt eingeordnet hatte, anpöbelte: „Ah, du bist einer von diesen Scheiß-Schwaben, wegen denen der Knaack-Klub umziehen musste!“ Kneipenparolen zufolge sollen es Schwaben gewesen sein, die mit einer Klage wegen nächtlichen Lärms den Umzug des Klubs nötig machten, der mal an der Greifswalder Straße zu Hause war. „Hab ich jemals irgendwo die Polizei hingeschickt, wenn Krach war?“, fragt Chris. „Niemals!“ Aus ihm und der Holländerin wurde dann nichts.

Der Dienststellenleiter der Landesvertretung Baden-Württemberg, Claus-Peter Clostermeyer, dreht die Idee sogar noch eine Spur weiter: „Ich vermute, dass die Kritik an den ,Schwaben’ auch von Baden-Württembergern in Berlin selbst kommt“, sagt er. Was erst einmal paradox klingt, erklärt er so: „Viele junge Leute wollten bereits Anfang der neunziger Jahre ihr behütetes Zuhause hinter sich lassen und sind in diese offene Metropole gezogen. Jetzt kommen immer mehr ihrer Landsleute nach, und sie werden von ihrer eigenen Herkunft eingeholt.“ Wo sie früher Vorreiter waren, seien sie heute Mainstream. Das passe nicht jedem.

Chris ist egal, wer die Poster klebt, wer TSH ist. Es muss aufhören, sagt er. Ginge es um Vietnamesen, Somalier, Türken – kein Mensch würde die täglich gelebte Diffamierung dulden. Er hat auch schon mal darüber nachgedacht, aus Berlin wegzuziehen, aber das kann ja wohl keine Lösung sein, sagt er. Und er hat auch keine Lust, sich zu verstellen, wie andere, die sich nicht mehr trauen, in der Öffentlichkeit „gell“ zu sagen, aus Angst anzuecken. Er wird seinen Dialekt nicht ablegen, er wird weiter sein Stuttgart-Fußballtrikot zum Joggen tragen, und er wird weiter Hasen malen, wenn demnächst wieder Hass gepredigt wird. Farbe hat er noch genug.

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