Pro & Contra : Braucht Berlin einen zentralen Platz für Reagan?

Berlin streitet darüber, ob US-Präsident Ronald Reagan an prominenter Stelle im Stadtbild geehrt werden soll. Ein Pro & Contra. Wie ist ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!

C. Dobberke,E. Binder,L. v. Törne
Spontane Widmung. Unbekannte haben die Schilder am Rosa-Luxemburg-Platz mit Ronald Reagan überklebt. Bliebe dies so, lägen nicht nur die Volksbühne, sondern auch das Karl-Liebknecht-Haus, die Bundeszentrale der Linken, am Ronald-Reagan-Platz. Foto: Thilo Rückeis
Spontane Widmung. Unbekannte haben die Schilder am Rosa-Luxemburg-Platz mit Ronald Reagan überklebt. Bliebe dies so, lägen nicht...Foto: Thilo Rückeis

556 nach Politikern benannte Straßen gibt es in Berlin – und bald könnte ein weiterer Platz oder eine Straße auch den Namen des 2004 verstorbenen ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan tragen. Vor allem CDU-Politiker wollen den Berliner Ehrenbürger, der am 6. Februar 100 Jahre alt geworden wäre, im Stadtbild ehren und an seine berühmte Rede am Brandenburger Tor erinnern. Gut zwei Jahre vor dem Mauerfall hatte Reagan dort im Juni 1987 an den damaligen sowjetischen Staatschef appelliert: „Mister Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Reißen Sie diese Mauer nieder!“

Für Straßennamen sind die Bezirke zuständig. Nachdem die Senatskanzlei sie per Rundschreiben ermuntert hatte, geeignete Orte für eine Würdigung Reagans vorzuschlagen, gibt es in Charlottenburg-Wilmersdorf den ersten Vorstoß: Die CDU und der von ihr gestellte Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler wollen den Joachimstaler Platz am Kurfürstendamm umbenennen. Einen entsprechenden Antrag hat die Fraktion für die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am Donnerstag gestellt. Ronald Reagan habe seinerzeit die Diskussion um die Berliner Mauer „wiederbelebt und die damalige Sowjetunion auf ihre Verantwortung für die deutsche Teilung aufmerksam gemacht“, meint CDU-Fraktionschef Bodo Schmitt. Darüber dürfte vor einem Beschluss zunächst in den BVV-Ausschüssen diskutiert werden.

Absehbar ist aber, dass die Idee an der rot-grünen Mehrheit im Bezirk scheitern dürfte. SPD-Fraktionschef Fréderic Verrycken spricht von „Wahlkampfaktionismus“ und findet, andere Menschen hätten sich mehr um die Einheit verdient gemacht. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Nicole Ludwig hält es für eine „Verdrehung“ der Geschichte, anzunehmen, dass Reagans Rede den Weg zur Wiedervereinigung geebnet habe. Außerdem liege in der Wahl des Joachimstaler Platzes eine „Ironie“, da es 1987 vor der nahen Gedächtniskirche Anti-Reagan-Demonstrationen gegeben hatte.

Der Platz mit der alten Verkehrskanzel über einem Eingang zum U-Bahnhof Kurfürstendamm liegt zentral zwischen dem Allianz-Haus aus den 50er Jahren, dem Neuen Ku’damm-Eck und dem Neuen Kranzler-Eck auf der anderen Seite des Boulevards. Benannt ist er – trotz der leicht abweichenden Schreibweise – nach dem einstigen Joachimsthalschen Gymnasium an der Bundesallee.

In Charlottenburg-Wilmersdorf sowie in Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte sollen Straßen oder Plätze bevorzugt nach Frauen benannt werden, solange diese im Stadtbild unterrepräsentiert sind. Allerdings sind BVV-Beschlüsse nicht bindend für die Verwaltungen.

Von den zwölf Bezirken hat laut Senatssprecher Richard Meng bisher „knapp die Hälfte“ Stellung genommen, ohne dass es weitere Vorschläge gab. In den östlichen Stadtteilen, wo die Linke eine maßgebliche politische Rolle spielt, hat der als Kommunistenhasser verschrieene Reagan vermutlich wenig Chancen auf eine Ehrung. Aber auch konservativ geführte Bezirke tun sich schwer. Der christdemokratische Spandauer Baustadtrat Carsten-Michael Röding begrüßt zwar, dass sich Politiker wie Frank Henkel, Landes- und Fraktionschef der CDU und Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl, und Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) für die Erinnerung an Reagan stark machen, hält seinen Außenbezirk aber für zu abgelegen. Reinickendorf teilte mit, es fehle ein „bedeutender Platz“.

In Steglitz-Zehlendorf lobt Bürgermeister Norbert Kopp (CDU) die Vorstöße für Reagan als „angemessen“. Im Südwesten stünden aber viele Straßen- und Platzbenennungen „auf der Warteliste“. Außerdem erinnerten dort schon Straßen und Plätze an die Bedeutung der Amerikaner für Berlin – so etwa die nach dem 33. US-Präsidenten benannte Harry-S.-Truman-Allee nahe der ehemaligen McNair-Kaserne in Lichterfelde. Es gibt auch eine Truman Plaza in Zehlendorf, deren Name aber inoffiziell ist und einem früheren Einkaufszentrum der US-Armee entstammt.

An amerikanische Präsidenten erinnern auch der John-F.-Kennedy-Platz am Rathaus Schöneberg, die Lincolnstraße in Lichtenberg sowie der Washingtonplatz am Hauptbahnhof. Staatschefs anderer Länder wurden Namensgeber der Salvador-Allende-Straße in Köpenick, der Indira-Gandhi-Straße in Pankow sowie des Olof-Palme-Platzes und der Yitzhak-Rabin-Straße in Mitte. Cay Dobberke

PRO

Wer Frieden will, muss alte Feindbilder überwinden können. Als Ronald Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor Michail Gorbatschow direkt ansprach und ihn aufforderte, das Tor zu öffnen, die Mauer niederzureißen, tat er das gegen den Rat seines Außenministers und seiner Berater. Längst hatte er Gorbatschow kennengelernt und eine gute Beziehung zu ihm aufgebaut, deshalb konnte er so persönlich sprechen. Den Vertrag zur Beseitigung der Mittelstreckenwaffen unterzeichnete er nur ein halbes Jahr später. Reagan glaubte fest daran, dass Dinge sich ändern können, Anders als die meisten Deutschen glaubte er 1987, dass die Mauer wirklich würde fallen können. Er hatte diesen typisch amerikanischen unbefangenen Optimismus, den Europäer rasch als Naivität abqualifizieren, der tatsächlich aber Berge versetzen kann.

Gorbatschow bescheinigte Reagan später, dass er erheblich zum Fall der Mauer beigetragen habe. Bei den Amerikanern ist er heute populärer als John F. Kennedy und Abraham Lincoln, selbst Obama betrachtet ihn als politisches Vorbild. Nur viele Deutsche nageln ihn nach wie vor fest auf die Politik seiner ersten Amtszeit. Reagan konnte seine Meinung ändern. Warum können die Berliner das nicht auch? Es muss ja kein Platz sein, vielleicht gibt es auch einen schönen Park, der nach ihm benannt werden kann, eine der Grünflächen zwischen Reichstag und Potsdamer Platz zum Beispiel. Höchste Zeit wäre es. Elisabeth Binder

CONTRA

Zugegeben, er hat damals diesen Satz mit Gorbatschow und der Mauer gesagt, den man heute so lesen kann, als habe er den Weg zur Wiedervereinigung geebnet. Und er hat mit seinem Hochrüstungskurs letztendlich die Sowjetunion in die Knie gezwungen. Wer Ronald Reagan deswegen als Wegbereiter einer besseren Welt glorifizieren will, ignoriert allerdings, was der Kalte Krieger während seiner von antikommunistischem Eifer erfüllten Amtszeit als US-Präsident noch zu verantworten hatte. Die Hilfen für den „Schmutzigen Krieg“ der rechten Regierung El Salvadors oder den verdeckten Krieg gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas zum Beispiel, dem zahllose Unschuldige zum Opfer fielen. Und dass Reagans Hass auf den Ostblock, der sich auch mal in einem Scherz über die Bombardierung Russlands äußerte, in den 1980ern nicht zum dritten Weltkrieg führte, hatte nicht zuletzt mit einer gehörigen Portion Glück zu tun. Wie auch die vergleichsweise erfolgreiche Wirtschaftsphase jener Jahre. Um zu sehen, dass Reagan nicht immer richtig, sondern manchmal meilenweit daneben lag, muss man nicht erst seinen Ausspruch „There is nothing wrong with the economy“ bemühen – einen Tag vor dem „Schwarzen Montag“ von 1987, dem ersten Börsencrash nach dem Zweiten Weltkrieg. Er war ein Politiker mit Stärken und Schwächen. Um ihn in Berlin mit der Benennung eines prominenten Platzes zu ehren, müsste man Ronald Reagans durchwachsene Bilanz schon ziemlich verklären. Lars von Törne

"Mr. Gorbatschow, open this gate!", forderte 1987 der damalige US-Präsident Ronald Reagan am Brandenburger Tor von seinem sowjetischen Amtskollegen Michail Gorbatschow. Zum 100. Geburtstag Reagans ist den Berlinern aufgefallen, dass sie Reagan dafür mit einem eigenen Platz in zentraler Lage ehren könnten.

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