Pro und Contra : Sollen Radfahrer von der Busspur verbannt werden?

Vorfahrt für die BVG: Radler in Berlin sollen sich nicht mehr mit Bussen eine Trasse teilen, fordern die Grünen. Ein Pro & Contra. Wie ist Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit.

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Überall Verkehrshindernisse? Die Grünen fordern Extraspuren für die Radler neben den Busstreifen. Notfalls müssten dafür breite Gehwege verkleinert werden oder Parkplätze entfallen. Oder sie müssen sich einfach die Fahrbahn mit Autos teilen.
Überall Verkehrshindernisse? Die Grünen fordern Extraspuren für die Radler neben den Busstreifen. Notfalls müssten dafür breite...Foto: Thilo Rückeis

Für Busfahrer ist es Alltag: Radler treten auf der Busspur vor dem Großen Gelben gemütlich in die Pedale und fahren auch noch kreuz und quer, so dass der Fahrer nicht überholen kann und im gemächlichen Tempo den Radlern hinterherfährt. Verspätungen sind die Folge, was dazu führen kann, dass die BVG mehr Busse und Fahrer einsetzen muss, um den Fahrplan wieder einhalten zu können. Das kostet dann auch richtig Geld. Die Verkehrsexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling, will deshalb die Radfahrer, wo immer es möglich sei, von den Busspuren verbannen. Nur auf besonders breiten Streifen sollen sie weiter neben den Bussen strampeln dürfen.

Hämmerlings Ziel ist es, den Bus- und Straßenbahnverkehr zu beschleunigen. Wenn Fahrgäste schneller an ihr Ziel kämen, würde die BVG Kunden gewinnen, ist Hämmerling überzeugt. Mit 25 Millionen Fahrgästen mehr im Jahr rechnet sie, wenn ihr Programm umgesetzt würde. Bisher würden die Großen Gelben der BVG aber auf den Busspuren häufig von Radfahrern ausgebremst. Hämmerling fordert deshalb Extraspuren für die Radler neben den Busstreifen. Notfalls müssten dafür breite Gehwege verkleinert werden oder Parkplätze entfallen. Nachdenken müsse man auch, ob Radfahrer auf der Autospur fahren können, für die dann Tempo 30 gelten solle.

Auch die BVG würde es nach Angaben ihrer Sprecherin Petra Reetz begrüßen, wenn für die Radfahrer woanders ein Platz gefunden werden könnte. Die Busse könnten dann zweifellos schneller werden und die BVG dadurch Geld sparen. Zudem würde das Fahren für die Mitarbeiter einfacher, die jetzt besonders auf die Radler auf ihrer Spur achten müssten. Doch Heribert Guggenthaler, der Planer für den Radverkehr in der Senatsverkehrsverwaltung, kontert: In der Regel könnten die Radler von Bussen überholt werden; auch wenn diese die Spur wechseln müssten, sei dies möglich. Und selbst wenn die Busse hinter den Radlern bleiben müssten, die meist mit einer Geschwindigkeit von 10 km/h bis 15 km/h unterwegs seien, würden die Busse kaum langsamer ; ihre durchschnittliche Reisegeschwindigkeit liege bei knapp 20 km/h. Und der Bus könne auch so immer noch auf seiner Spur am Stau vorbeifahren.

Dass neben Busspuren zulasten von Parkplätzen Radfahrstreifen angelegt werden könnten, hält Guggenthaler für nicht durchführbar. Er verweist auf den Streit an der Warschauer Straße in Friedrichshain, wo es erbitterten Widerstand gegen geplante Radfahrstreifen gibt, weil fast 70 Parkplätze dafür wegfallen sollen. Guggenthaler will stattdessen die Busspuren breiter machen und auch Ausweichstellen für Radfahrer schaffen.

Einen Wechsel der Radler auf den Autostreifen hält Anja Smetanin vom Verkehrsclub Deutschland für zu gefährlich, selbst wenn dort Tempo 30 angeordnet wäre. Sie befürchtet, dass die Autofahrer sich nicht ans Limit halten und damit die Radler gefährden würden.

Kein Problem mit Radfahrern hat die Feuerwehr, die bei ihren Einsätzen die Busspuren nutzen kann. „Uns machen die Radler immer Platz“, sagte ein Sprecher.

Abgefahren - Ihre unbeliebtesten Radstrecken
Die Berliner SPD blockiert Radfahrer vor dem Rathaus Zehlendorf: "Der Wahlkampf schaltet offenbar jeden gesunden Verstand aus", schreibt uns Andreas Göllner. "Keine Schilder im Vorfeld, einfach Ende Radweg, Radfahrer werden in den Straßenverkehr gezwungen oder müssen absteigen und schieben. Tolle Verkehrspolitik!"Weitere Bilder anzeigen
1 von 491Foto: Andreas Göllner
19.09.2017 11:10Die Berliner SPD blockiert Radfahrer vor dem Rathaus Zehlendorf: "Der Wahlkampf schaltet offenbar jeden gesunden Verstand aus",...

PRO

Ich glaub’, mich streift ein Bus“ – das war in den Achtzigern so ein Spruch. In Berlin wird er täglich wahr. Die Busspur bringt zum Ausdruck, dass öffentliche Verkehrsmittel privilegiert sein sollen – sie rollen am Stau vorbei und bringen die Fahrgäste schneller ans Ziel. So werden Leute, die den Bus nehmen, für ihr umweltfreundliches Verhalten belohnt. Wenn nun die Busse dauernd hinter den Radlern herzuckeln müssen, wird dieser Zweck konterkariert. Die Radler behindern die Busse nur. Deren Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h kommt ja nicht dadurch zustande, dass sie konstant 20 fahren, sondern dadurch, dass sie 40 oder 50 fahren, an den Haltestellen aber ständig anhalten. So ein Radler vor der Nase senkt den Schnitt. Und macht den öffentlichen Nahverkehr ein wenig langsamer und damit unattraktiver. Für die Radler selbst ist das Miteinander auch nicht ungefährlich. Dabei tun ja auch Radfahrer der Umwelt und ihrer Gesundheit etwas Gutes. Radler und öffentlicher Nahverkehr sollten einander gerade nicht in die Quere kommen. Berlin muss sich also eine Lösung einfallen lassen, wie die Stadt, mindestens aber die Innenstadt, radfahrerfreundlicher werden könnte, ohne den öffentlichen Nahverkehr zu behindern – sei es durch Radstreifen auf der Fahrbahn, sei es durch ordentliche Radwege. Auf die Busspur gehören Radler jedenfalls nicht. Spätestens nach dem ersten schweren Unfall wird die Debatte neu aufflammen. So weit sollte es nicht kommen. Fatina Keilani

Gefahrenschwerpunkte für Berliner Radfahrer
Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene Radfahrer.Weitere Bilder anzeigen
1 von 16Foto: Henning Onken
04.04.2011 19:47Mit diesen weißen "Geisterrädern" erinnert der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) an bei Unfällen ums Leben gekommene...

CONTRA

Großartig. Jetzt haben Radfahrer seit Jahrzehnten gegen die Autofahrerlobby gekämpft und ihren Platz auf der sicheren Busspur erstritten. Es steigen mehr Menschen umweltfreundlich aufs Zweirad um, und es werden weniger Radfahrer im Autoverkehr schwer verletzt oder gar getötet. Und nun sollen die Radler wieder in den fließenden Verkehr der vielfach Rücksichtslosen eingefädelt werden? Das darf doch nicht wahr sein. Diese Zeilen schreibt übrigens eine leidenschaftliche Autofahrerin, die aber zumindest im Sommer immer häufiger und begeisterter aufs Billigmountainbike umsteigt. Seitdem sie das macht, ist sie am Tempelhofer Ufer gefühlte ein Dutzend Mal beinahe ins Jenseits befördert worden, weil PS-Boliden mit ein paar Millimetern Abstand überholten. Auf der Busspur am Landwehrkanal hat sie dafür nach dem Karneval der Kulturen beinahe ihre Reifen ruiniert wegen der Scherbenhaufen und Splitterstücke. Trotzdem, Radfahrer sollen dort bleiben dürfen. Radler sind heutzutage dank moderner Technik oft flott unterwegs. Und wenn sie als Schnecken tatsächlich mal den Betrieb stören sollten, können Busfahrer sie sicher überholen, dazu ist genügend Platz. Nein, Menschenleben gehen schlicht vor. Und wenn Busspuren gesperrt würden, soll es als Ersatz mehr Radwege auf den Fahrbahnen geben? Das glaubt doch kein Mensch. Der politische Wille, die Behördenmühlen wären noch viel langsamer als ein Radfahrer auf einer Busspur. Annette Kögel

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