Prostitution in Berlin : Alarm im Sperrbezirk

Alice Schwarzer stellt ihr neues Buch vor, Berliner Huren protestieren dagegen und Innensenator Frank Henkel will die Prostitution zeitlich begrenzen.

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Bald nicht mehr erlaubt? Zumindest am Tag möchte Innensenator Frank Henkel die offene Prostitution beispielsweise an der Schöneberger Kurfürstenstraße verbieten.
Bald nicht mehr erlaubt? Zumindest am Tag möchte Innensenator Frank Henkel die offene Prostitution beispielsweise an der...Foto: dpa

"Hallo, ich bin Sexarbeiterin", die große junge Frau – platinblond gefärbte, kurze Haare, silberner Lidschatten – lächelt höflich. Sie steht inmitten von etwa 30 anderen Frauen und zwei Männern mit weinroten Schirmen: "Schön, dass Sie sich für das Thema Prostitution interessieren."

Kristina Marlen, die große Blonde, drückt der verdutzten Mittfünfzigerin, die gerade auf dem Weg in die Urania ist, einen rosa-weißen Flyer in die Hand. "Mein Beruf gehört mir", steht darauf, eine Anspielung auf die Kampagne "Mein Bauch gehört mir" für das Recht auf Abtreibung, die Alice Schwarzer anführte. Der Slogan auf dem Flyer richtet sich gegen Schwarzer. Gegen ihre aktuelle Kampagne für die Abschaffung der Prostitution, die sie mit ihrem aktuellen Buch „Prostitution - ein deutscher Skandal" angestoßen hat, und die auch die Politik erreicht hat, die jetzt das Prostitutionsgesetz aus dem Jahr 2002 diskutiert.

Schwarzer feiert an diesem Donnerstagabend in der Urania gleich ihre Buchpremiere, sie wird mit einem Kriminalhauptkommissar, einer ehemaligen Prostituierten und der Emma-Chefredakteurin diskutieren. Kristina Marlen sagt: "Ich bin Feministin, natürlich sehe ich das Problem der Zwangsprostitution und ich bin empört über teilweise sehr schlimmen Arbeitsbedingungen. Aber das bedeutet nicht, dass ich Prostitution an sich schlecht finde."

Sie hat Sozial- und Kulturwissenschaften und Jura studiert und eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht. Seit fünf Jahren arbeitet sie auch als Prostituierte.

"Manche von unseren Frauen sind aber wirklich wütend."

Kristina Marlen und die anderen haben Karten für die Podiumsdiskussion. Sie wollen nicht, dass die Debatte über sie ohne sie geführt wird. „Man muss nicht die Prostitution abschaffen, um Zwangsprostitution zu bekämpfen“, sagt sie. "Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Menschenhandel sind Straftatbestände. Dagegen gibt es Gesetze."

Bevor sie hinein geht, sagt sie noch: "Ich will aufklären, nicht die Veranstaltung stören. Manche von unseren Frauen sind aber wirklich wütend."

Kaum zwanzig Minute reden die Podiumsteilnehmer über Zwangsprostitution von Frauen aus Osteuropa. Da spannen acht Frauen im Publikum weinrote Schirme auf, auch Kristina Marlen, eine ruft: "Ihr sprecht nicht über uns!"

Alice Schwarzer sagt: "Ich glaube es regnet nicht, sie können die Schirme wieder zuklappen." Die Zuschauer klatschen laut, ein paar lachen. Dann erklärt Schwarzer: "Wenn wir hier ausgeredet haben, sprechen wir auch mit Ihnen."

Henkel denkt über zeitlich begrenzte Sperrbezirke nach

Unterdessen geht auch in der Berliner Politik der unter anderem von Alice Schwarzer ausgelöste Streit um ein Verbot der Prostitution weiter. Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) denkt gegenwärtig über zeitlich begrenzte Sperrbezirke nach. Der Senator sei zwar gegen ein vollständiges Verbot der legalen Prostitution, sagte ein Sprecher dem Tagesspiegel, weil dies das Problem nur verdrängen und die Frauen kriminalisieren würde. Henkel könne sich aber durchaus vorstellen, beispielsweise für die Kurfürstenstraße „ein zeitliches Prostitutionsverbot von morgens bis in die frühen Abendstunden“ zu erlassen.

Der Senat kann als Berliner Landesregierung nach Artikel 297 des Einführungsgesetzes zum Strafgesetzbuch (EGStGB) aus Gründen des Jugendschutzes verbieten, in bestimmten Gebieten der Prostitution nachzugehen. Dieses Verbot kann per Verordnung auf bestimmte Tageszeiten beschränkt werden.

Dazu würde Henkel jetzt das Gespräch mit der Senatsverwaltung für Frauen und mit der für den Jugendschutz zuständigen Bildungsverwaltung suchen. Eine entsprechende Verordnung müsste zwischen den drei Häusern abgestimmt und vom Senat beschlossen werden. Für die Durchsetzung der Sperrbezirke wären dann zunächst die Bezirke verantwortlich.

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