Berlin : Protest für Pussy Riot vor Kathedrale

Internet-Aufruf zu Aktion vor russischer Gemeinde.

Benjamin Lassiwe/Irina Serdyuk

Am Sonntag wollen Demonstranten in Berlin für Pussy Riot protestieren – vor der russisch-orthodoxen Kathedrale. Mitglieder der russischen Band waren in der vergangenen Woche in Moskau zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden, nachdem sie in einer russisch-orthodoxen Kirche gegen Russlands Präsident Putin protestiert hatten. Bereits am vergangenen Sonntag hatten Sympathisanten der russischen Punkband einen Gottesdienst im Kölner Dom gestört. Die katholische Kirche hat Anzeige erstattet.

Zur Solidaritätsaktion für Pussy Riot in Berlin wird im sozialen Netzwerk Facebook aufgerufen: Am morgigen Sonntag um 15 Uhr wollen sich Demonstranten am Hohenzollerndamm 166 treffen. „Kommt mit bunten Wollmützen über dem Kopf zur Russisch-Orthodoxen Kathedrale Berlin und sprecht euer Gebet zu Ehren der verurteilten Pussy Riot“, heißt es in dem Aufruf. 86 Leute haben bis Freitagmittag per Facebook angekündigt, an der Aktion teilnehmen zu wollen.

Das Oberhaupt der Berliner Diözese der russisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland, reagiert mit Befremden auf das Vorhaben: „Die Leute, die an solchen Aktionen teilnehmen, tun mir leid. Sie wissen nicht, was sie tun, und verstehen nicht, dass sie missbraucht werden. In Russland hat dieser Prozess bis auf einen engen Kreis von Putins Gegnern keinen wirklich interessiert.“ Jeder habe das Recht auf freie Meinungsäußerung, sagte Erzbischof Feofan, zugleich forderte er die Demonstranten auf, das Recht auf ungestörte Religionsausübung zu respektieren: „Die Kirche ist unser Heiligtum und wir werden sie schon beschützen können. Wenn es sein muss, mit Hilfe der Polizei.“

Zur Solidarität mit Pussy Riot hatte auch die Berliner Sängerin Peaches aufgerufen, zusammen mit 400 Freiwilligen produzierte sie ein Protestvideo. Am Tag der Urteilsverkündung zogen Demonstranten vor die russische Botschaft.

Auch Proteste in Kirchen haben in Berlin Tradition, allerdings fallen die Reaktionen deutlich verhaltener und sogar musikalisch anspruchsvoll aus. „Wir singen jetzt: ,Großer Gott, wir loben Dich.‘“ Der Evangelische Landesbischof Markus Dröge rettete vor zwei Jahren, beim ökumenischen Aschermittwoch in der Sankt-Matthäus-Kirche am Kulturforum, die Situation. Der damalige Erzbischof von Berlin, Georg Kardinal Sterzinsky, hatte gerade mit der Predigt begonnen, als plötzlich ein Mann neben ihm stand, der gegen den Zölibat wetterte – und sich auszog. Während die Gemeinde sang, begleitete ihn der evangelische Seelsorger Christhard-Georg Neubert sanft, aber bestimmt nach draußen. „Er wollte darauf aufmerksam machen, dass wir vor Gott alle nackt sind“, sagt Neubert heute.

Eine Strafanzeige, wie in Moskau, gab es für diese Aktion nicht. Die evangelische Kirche laufe nicht gleich zum Staatsanwalt, sagt Neubert. Er erinnere sich noch gut an die Studentenproteste Ende der sechziger Jahre. Damals hatte Rudi Dutschke während des Weihnachtsgottesdienstes in der Gedächtniskirche die Kanzel erklommen, um eine Diskussion über den Vietnamkrieg anzuregen. In bestimmten Situationen müsse die Kirche eben Verständnis haben für „ungewöhnliche Maßnahmen, die, selbst wenn sie nicht rechtens sind, ein legitimes Mittel der Grenzüberschreitung sein können, um auf Missstände aufmerksam zu machen“, meint Neubert. Wichtig sei aber, dass die religiösen Gefühle der Gläubigen nicht verletzt werden. Zumindest ein Kirchenbesucher fühlte sich durch Dutschkes Auftritt 1967 derart gestört, dass er den Studentenführer in der Kirche niederschlug und verletzte.

Der verurteilte Kirchenstörer Andreas Roy überschritt dagegen auch die Toleranzgrenze der Amtskirchen. „Dessen Aktionen waren eine Form von Blasphemie“, erinnert sich Neubert. Zusammen mit zwei Kumpanen störte der arbeitslose Sozialhilfeempfänger jahrelang Berliner Gottesdienste, etwa 2002 die Trauerfeier für Hildegard Knef oder den Abschlussgottesdienst des Ökumenischen Kirchentags 2003. Auch Fernsehgottesdienste waren vor Roy nicht sicher. Wüste Endzeitpamphlete, lautstarkes Wettern gegen Abtreibungen und sein Schlachtruf „Tut Buße“ waren typisch für den korpulenten Selbstdarsteller.

Roy wurde wegen Hausfriedensbruchs, Störung der Religionsausübung und Sachbeschädigung verurteilt. Nach Geldstrafen, Ersatzfreiheitsstrafen und mehrmonatiger Haft in Tegel lautete 2008 das letzte Urteil 15 Monate auf Bewährung. Danach wollte er heiraten – und gelobte Besserung. In Gottesdiensten fiel er nicht mehr auf. Benjamin Lassiwe/Irina Serdyuk

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