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Protest gegen Asylpolitik : "Flüchtlingsboot" fährt am Reichstag vor

An Bord waren 121 Menschen: Die Initiative Sea-Watch hat mit einer PR-Aktion mitten in Berlin die Situation von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer veranschaulicht.

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An Bord waren 121 Menschen, ein paar Politiker, Journalisten, drei Flüchtlinge, die selbst das Mittelmeer überquert haben, und viele Interessierte.
An Bord waren 121 Menschen, ein paar Politiker, Journalisten, drei Flüchtlinge, die selbst das Mittelmeer überquert haben, und...Foto: REUTERS

Ein Flüchtlingsboot, wie man es aus den Nachrichten kennt, ist am Dienstagmittag zwischen Ausflugsdampfern auf der Spree gekreuzt, direkt vor dem Bundestag. Hellgrau, zehn Meter lang, völlig überfüllt. An Bord waren 121 Menschen, einige Politiker, darunter die linke Bundestagsabgeordnete Sarah Wagenknecht und die Bundesvorsitzende der Grünen Simone Peter. Außerdem Journalisten, viele Interessierte und drei Flüchtlinge, die selbst das Mittelmeer überquert haben. Die Aktivisten der privaten Initiative Sea-Watch um den Brandenburger Unternehmer Harald Höppner hatten das Schiff von einem Einsatz im Mittelmeer mitgebracht und für eine PR-Aktion in die Spree gesetzt, gleich neben den weißen Kreuzen für die Mauertoten. 

Die Möglichkeit nachzuempfinden

"Wir wollen allen die Möglichkeit geben, nachzuempfinden, was es bedeutet, an Bord eines solch labilen Bootes zu sein", sagte Harald Höppner, als die ersten Freiwilligen die Schwimmwesten anzogen und das Boot bestiegen, und fuhr fort: "Stellen sie sich jetzt vor, es wären noch 20 Kanister mit Treibstoff an Bord, außerdem ein paar Wasserflaschen, sie könnten nicht schwimmen und das Wasser wäre nicht so glatt und ruhig wie das der Spree."

Genau drei Monate zuvor hatte die Sea-Watch-Crew das Schlauchboot vor der libyschen Küste entdeckt. An Bord waren genau 121 Menschen aus Ost- und Westafrika, darunter schwangere Frauen und Kinder. "Zwischen der oberen Kante des Schlauchs und dem Wasserspiegel lagen gerade mal zehn Zentimeter", sagte an der Spree der Hamburger Kapitän Ingo Werth, der den Rettungseinsatz geleitet hatte. "Jeden Tag riskieren Menschen bei solchen Überfahrten ihr Leben, weil es für sie keine legalen Wege nach Europa gibt."

Fast 600 Menschen auf Schlauchbooten das Leben gerettet

Die Aktion sollte vor allem eine Antwort auf die Mission Sophia sein, die sogenannte Phase II des Anti-Schlepper-Einsatz der Europäischen Union, die der Bundestag vergangene Woche beschlossen hat und die vorsieht, 950 Soldaten der Bundeswehr im Kampf gegen Schlepper im Mittelmeer einzusetzen. Vor dem Bundestag erklärte Kapitän Ingo Werth, der mit der Sea-Watch insgesamt fast 600 Menschen auf sechs schiffbrüchigen Schlauchbooten das Leben rettete, nie habe er einen Schleuser gesehen, "nur Menschen auf der Flucht, von denen viele verletzt, dehydriert und total erschöpft waren." Am Steuer der Boote stünden seiner Erfahrung nach jene Flüchtlinge, die nicht genug Geld hätten, um den regulären Preis für die Überfahrt zu bezahlen.

Frank Dörner, der medizinische Leiter der Sea-Watch, der auch bei dem Einsatz am 13. Juli dabei war, sagte an der Spree: „Wenn dem Bundestag als Antwort auf die Bootskatastrophen vor Libyen, nur der bewaffnete Einsatz gegen Schleuserbanden einfällt, zeigt das, dass das Deutsche Parlament nicht genug über die Lage im zentralen Mittelmeer wissen." Auch deshalb habe man das Flüchtlingsboot vor den Bundestag gebracht.

Nichts im Vergleich zum Mittelmeer

An Bord des Schlauchboots auf der Spree war auch ein 30 Jahre alter Äthiopier. Vor eineinhalb Jahren war er auf einem baugleichen Schiff von Tripolis in Libyen in Richtung Italien gestartet, zusammen mit 111 weiteren Menschen auf der Flucht. Am Steuer habe damals einer von ihnen gestanden, erzählte er nach der Fahrt auf der Spree, ein Schwimmweste habe keiner getragen. Nach drei Tagen fand sie ein Handelsschiff, da habe ihnen das Wasser im Boot schon bis zu den Knien gestanden. "Ich habe mir danach versprochen, nie wieder auf ein Schiff zu steigen", sagte der Mann. Aber als er von der Sea-Watch-Aktion gehört habe, habe er beschlossen, eine Ausnahme zu machen. "Ich finde es wichtig, die Menschen in Deutschland darauf aufmerksam zu machen, wie schrecklich die Überfahrt in den Schlauchbooten ist." Die Runde auf der Spree aber habe mit der Fahrt auf dem Mittelmeer jedoch nichts gemein gehabt.

Bei der Aktion verkündete Sea-Watch-Initiator Harald Höppner, sein Verein werde von November an ein Schlauchboot auf Lesbos stationieren, um in der Ägäis nach Flüchtlingsbooten in Seenot Ausschau zu halten. Der Kutter Sea-Watch, mit dem die Aktivisten diesen Sommer vor der libyschen Küste unterwegs waren, ist seit Ende September nicht mehr im Einsatz. Das alte Schiff ist für die Herbststürme zu instabil. Von Juni und September haben die Aktivisten bei sieben Einsätzen mehr als 2000 Menschen in Seenot gerettet.