Protest in Berlin : Wenn die Stadt die Miete erhöht

Die städtische Gesobau lässt drei Häuser in Pankow instand setzen und energetisch sanieren. Die Bewohner wollen sich mit hohen Mietsteigerungen nicht abfinden und gründen ein Protestbündnis.

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Das Haus in der Pestalozzistraße 4 wird komplett saniert. Das hat erhebliche Mietsteigerungen zur Folge. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Das Haus in der Pestalozzistraße 4 wird komplett saniert. Das hat erhebliche Mietsteigerungen zur Folge.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wann genau das letzte Mal ein Kind in der Erdgeschosswohnung der Pestalozzistraße 4 in Pankow gelebt hat, lässt sich nicht sagen. Was sich sagen lässt, ist, dass das Kind ein großer Fan von David Hasselhoff gewesen sein muss, zumindest den Aufklebern zufolge, die großflächig an Zimmertüren und Gastherme angebracht sind. Vergangene Zeiten, heute schleppt ein Bauarbeiter Spanholzplatten durch die Wohnung, wo einmal eine Wand Badezimmer und Küche trennte, fällt der Blick auf ein Klo, auf Reste von Kacheln und ein Abwasserrohr, das mehr Rost als Rohr ist. Die Eigentümerin, die städtische Gesobau, hat sich zur Komplettsanierung der 40 Wohnungen entschlossen, weil nicht nur Feuchtigkeit und Schimmel in den Wänden steckt. Auch die energetische Sanierung des Gebäudes ist geplant, Wärmedämmung an den Fassaden, eine Solaranlage auf dem Dach – die Gesobau geht in die Vollen.
Das Problem: Damit steigen auch die Mietkosten, von derzeit durchschnittlich 4,12 Euro Nettokaltmiete pro Quadratmeter auf dann 7,37 Euro, wie eine Sprecherin der Gesobau sagt. Und das, obwohl die Gesobau als städtisches Bauunternehmen Mitglied im „Bündnis für soziale Wohnungspolitik und bezahlbare Mieten“ ist, initiiert im September des letzten Jahres durch Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD).
Aus Sicht der Mieter, die sich jetzt gemeinsam mit den Bewohnern weiterer Gesobau-Häuser in der Trelleborger Straße und der Florapromenade im „Bündnis Pankower Mieterprotest“ zusammengeschlossen haben, ist das weder sozial noch bezahlbar. Deshalb steht die Mieterin Gudrun Wollnik, 49 Jahre, an einem Dienstagnachmittag in einer der Erdgeschosswohnungen und fragt sich, warum die – ebenfalls städtische – Gewobag eine Mietobergrenze nach Sanierungen von 5,47 Euro pro Quadratmeter habe, die Gesobau jedoch nicht. „Wir wollen, dass die Kappungsgrenze auch bei uns gilt“, sagt sie. Stattdessen gebe es Mietsteigerungen von mehr als hundert Prozent, Preise, die kaum jemand von ihnen zahlen könne.

Insgesamt 87 Wohnungen lässt die Gesobau für mehr als sechs Millionen Euro sanieren, mehr als drei Millionen kosten die Arbeiten für das Haus in der Pestalozzistraße. „Die Gesobau macht alles, was sie nachher auf die Mieter umlegen kann. Alles, was den Wohnwert verbessern würde und von der Gesobau selbst bezahlt werden müsste, wird aber nicht gemacht.“ Dabei werde auch keine Rücksicht genommen auf Umbauten und Renovierungen, die Mieter teilweise auf eigene Kosten veranlasst hätten – von Küchen über Badezimmer bis zu Gasetagenheizungen, die keineswegs veraltet seien.
Das sei zwar richtig, gibt die Sprecherin der Gesobau zu, allerdings müsse man auch sehen, dass die energetische Sanierung eines Hauses „eine große Lösung“ erforderlich mache. Auf Einzelfälle könne man dabei leider keine Rücksicht nehmen. Das Vorgehen der Gesobau stößt in der Pankower Bezirkspolitik auf Ablehnung. „Das ist ein städtisches Unternehmen“, sagt Baustadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne), „da gelten andere Anforderungen in Sachen Transparenz und sozialer Verantwortung als bei einem privaten Vermieter.“ Besonders kritikwürdig aus Sicht des Stadtrates ist die mangelhafte Kommunikation der Gesobau mit betroffenen Mietern und die Weigerung, gemeinsam mit Mieterberatungen an einer einvernehmlichen Lösung zu arbeiten. Auch die künftige Miete sei viel zu hoch, würde man sich am Mietspiegel orientieren, seien sechs Euro die Obergrenze, sagt Kirchner. „Hier ist der Gesobau-Aufsichtsrat gefordert, eine Verdrängung zu verhindern.“

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