Protokolle Berliner Flüchtlinge : Nahaufnahmen

Wer darf kommen und wohin mit denen, die da sind? Das Thema Flüchtlingspolitik ruft nicht erst seid AfD und Pegida gesellschaftliche Grundsatzkonflikte hervor. Um wen genau es da geht, gerät leicht aus dem Blick - auch weil viele der hier Gelandeten nicht die Öffentlichkeit suchen. Hier erzählen sieben von ihren Erlebnissen, ihren Plänen - und von ihrem Berlin.

Lena Reich
Leily aus Afghanistan.
Leily aus Afghanistan.Foto: Mike Wolff

„Von jetzt an möchte ich nur noch lachen und malen.“

Als 2001 in ihrer Heimat Afghanistan der Krieg ausbrach, war Leily zwei Jahre alt. Mit ihrer Familie floh sie in den Iran, wo afghanische Flüchtlinge diskriminiert werden, etwa nicht zur Schule gehen dürfen. 2014 gingen Mutter und Tochter zurück, Leilys Vater und ein Bruder waren in der Zwischenzeit verstorben. Ohne den Schutz der Familie bekam Leily immer mehr Schwierigkeiten mit Männern, über die sie nicht sprechen möchte. Sie und ihre Mutter beschlossen, den älteren Brüdern nach Deutschland zu folgen. Seit zwei Wochen wohnt Leily in dem neu eröffneten Containerdorf in Köpenick. Ihr Aufenthalt ist zunächst bis 2016 gestattet.

Mir geht es hier sehr gut, weil ich in Sicherheit bin. Viele Mädchen haben Probleme in Afghanistan, wo ich herkomme, weil sie mit alten Männern verheiratet werden sollen.

Ich übrigens auch. Aber ich möchte mit keinem 70-jährigen Mann zusammen sein. Ich möchte über mich selber bestimmen. Gemeinsam mit meiner Mutter bin ich vor 15 Monaten nach Deutschland gekommen. Drei Monate davon war ich alleine hier. Wir hatten uns in Griechenland verloren, sie war noch auf der Insel Mykonos, als ich in Athen ins Flugzeug gestiegen bin – die ganze Flucht ist eine lange Geschichte, das würde hier zu weit führen. Wir wussten aber, dass wir uns in Berlin wiedertreffen würden, hatten das zumindest fest vor. Die erste Zeit hier war verrückt und stressig für mich. Weil ich minderjährig war, wurde mir ein Betreuer zugeteilt. Er hat dann meine Mutter für mich gefunden.

Zu Deutschen habe ich keinerlei Kontakt, nur zu meinen Freunden aus den Kursen. Sie sind alle Flüchtlinge, kommen aus Afrika und Asien. Ich lerne mit ihnen Deutsch, Englisch und Mathe. Die Schule befindet sich in der Nähe des Görlitzer Bahnhofs. Die Fahrt von Köpenick dauert eine Stunde. Das ist zwar lang, aber es ist immerhin kürzer als von Spandau aus, wo ich vorher gewohnt habe.

"Es ist alles besser als Afghanistan"

Meine Heimat ist die Provinz Herat. Sie befindet sich im Westen Afghanistans an der Grenze zum Iran. Dort gibt es keine Busse. Die Straßen sind fast alle kaputt. Wir hatten ein sehr einfaches Leben. Es ist nicht schlimm, in den Containern zu leben. Alle sind sehr nett zu mir. Es ist alles besser als Afghanistan. Aber die Wände sind sehr hellhörig. Ständig hört man Musik und die Stimmen der anderen. Und die Männer lassen mich auch hier nicht wirklich in Ruhe. Das macht es mir sehr schwer.

Mein Vater ist gestorben, als ich zwei Jahre alt war. Ich kann mich kaum an ihn erinnern. Meine zwei Brüder leben in Deutschland. Sie sind schon älter und sehr nett. Meine anderen beiden Brüder sind gestorben. Den einen kannte ich nicht, er hatte in Deutschland einen Autounfall. Mein anderer Bruder ist vor sieben Jahren an Krebs gestorben. Ich bin immer noch sehr traurig, wenn ich an ihn denke.

Meine Mutter ist deswegen auch sehr nervös. Ich teile mir mit ihr ein Zimmer. Abends weint sie immer. Während sie schläft, träumt sie und weint laut. Immer. Mitten in der Nacht schrecke ich auf. Ein Arzt hat ihr Tabletten verschrieben, von denen sie sehr müde geworden ist. Also hat sie beschlossen, sie nicht mehr zu nehmen.

Sie war Näherin in Afghanistan, aber hier darf sie nicht arbeiten.

Für ein Jahr sind wir gestattet, aber ich möchte nie wieder zurück müssen.

Gerade bin ich froh. Wir haben eine Wohnung in Rudow gefunden, ich bekomme ein eigenes Zimmer. Ich male gerne, am liebsten Porträts. Ich wünsche mir, dass ich zur Schule gehen, einen Abschluss machen und Kunst studieren kann. Von jetzt an möchte ich nur noch lachen und malen.

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