Prüfungsprotokolle : Wie der Finanzdienstleister MLP Ärzte zu Verträgen drängt

Ein merkwürdiger Deal: Wer ein Protokoll der Facharztprüfung haben will, muss vorher Kunde werden. Ärzte und Kammer sind empört.

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Wer für die Protkolle für die Facharzt-Prüfung haben möchte, muss Kunde bei der MLP sein.
Wer für die Protkolle für die Facharzt-Prüfung haben möchte, muss Kunde bei der MLP sein.Foto: Bernd Weissbrod/dpa

Seit sieben Jahren arbeitet Saskia Schröder (Name geändert) als Assistenz-Ärztin in einem Berliner Krankenhaus. Jetzt steht sie noch einmal vor einer Prüfung, zur Fachärztin für Innere Medizin – und sie ist empört. Denn ein wichtiges Hilfsmittel zur Vorbereitung will man ihr nicht geben: Protokolle zuvor abgelegter Prüfungen. „Sehr wichtig“, nennt sie diese, „denn jeder Prüfer hat eigene Vorlieben.“ Und diese gehen aus den Protokollen hervor. Kollegen hätten deshalb gewarnt: Geht bloß nicht ohne Blick in die Protokolle zur Prüfung!

Dass die Ärztin nicht an die Protokolle herankommt, liegt daran: Die Finanzberaterfirma „MLP“ verfügt darüber. Niemand weiß genau, wie sie an die Aufzeichnungen kommt. Ähnlich wie die bekannteste Firma der Branche – die AWD des Veronica-Ferres-Ehemannes Carsten Maschmeyer – verkauft der MLP Versicherungen und Finanzverträge. Als höchst erfinderisch und ein wenig skrupellos bei der Jagd auf Kunden gelten solche Firmen. Der „Prüfungsprotokoll-Service“ von MLP ist ein Beispiel dafür – und fast schon ein Freibrief für den Zugriff auf das Vermögen einer besser verdienenden Klientel: Ärzte kurz vor der Approbation zum Facharzt.

Zu ihnen zählt auch Saskia Schröder. Deshalb sollte auch sie einen Vertrag mit der MLP abschließen. In einer Mail, die dem Tagesspiegel vorliegt, heißt es, damit werde die Firma „Ihr Gesprächspartner in allen Finanzfragen: von der Altersvorsorge und dem Vermögensmanagement über die Kranken- und Sachversicherung bis hin zur Finanzierung und zum Bankgeschäft“. Schröder komme erst an die Protokolle, wenn sie vorher die Vertragsunterlagen „unterschrieben zurücksendet“. Dann „übernimmt“ die MLP „alle Verträge in unsere Betreuung: Private Kranken-/Pflegeversicherung, Lebens- und Rentenversicherungen, Berufsunfähigkeitsvorsorge, Sachversicherungen, Sparverträge/Geldanlage/Depot, Immobiliendarlehen“. Die MLP analysiere diese und stimme die „weiteren Schritte“ in einem „Beratungsgespräch zur persönlichen Finanzplanung“ ab.

Warnung vor Finanzdienstleistern

Verbraucherberater warnen immer wieder davor, sich auf solche Weise einem Finanzdienstleister auszuliefern, die Stiftung Warentest warnt ausdrücklich vor MLP. Diese machte schon vor rund zehn Jahren in Hochschulen Jagd auf Studenten. Dabei seien, so die Verbraucherschützer, „einige MLP-Angebote teuer oder sogar unsinnig“, was MLP zurückweist.

Saskia Schröder sagt, sie habe keinen Beratungsbedarf. Verwerflich findet sie die Strategie der „Versicherungsverkäufer“, Prüflinge mit solchen „unmoralischen“ Geschäften mitten im Prüfungsstress unter Druck zu setzen. Jeder wisse, dass die Chancen in einer Prüfung weitaus besser stünden, wenn frühere Prüfungsfragen bekannt sind: So häufig überarbeite schließlich kein Prüfer vollständig den von ihm abgefragten Stoff. Das weiß man auch bei MLP. Der Versuch eines Freundes der Ärztin, die Prüfungsprotokolle zu kaufen, lehnte die Firma mit nur einem Satz ab: „Den Prüfungsprotokoll-Service bieten wir ausschließlich MLP Kunden an“. Zu dem Fall äußerte sich die Firma auf Anfrage bis Montagabend nicht.

Zuständig für die Durchführung der Facharztprüfungen ist die Berliner Ärztekammer. Bei deren Präsidenten Günther Jonitz gingen auch Beschwerden anderer angehender Fachärzte ein. Jonitz sagt: „Ich verurteile außerordentlich, dass ein Finanzmakler seine Monopolstellung ausnutzt, um junge Ärzte zu einem Vertrag zu drängen.“ Das Sammeln von Prüfungsprotokollen sei allerdings nicht Aufgabe der Kammer. Präsident Jonitz will jetzt aber „gegen diese Kommerzialisierung vorgehen“.

Schon zuvor in Schwierigkeiten

Finanzvertriebe stehen immer wieder wegen ihrer Geschäftsgebaren in der Kritik. So geriet die MLP AG bereits 2002 in Schwierigkeiten, nachdem das Anlegermagazin „Börse Online“ dem Finanzdienstleister Bilanztricksereien vorgeworfen hatte. Das Unternehmen sollte demnach Darlehen von Rückversicherern als Unternehmensgewinne ausgewiesen haben.

Aufgrund der Anschuldigungen und des Vertrauensverlustes der Anleger brach der Aktienkurs des Unternehmens um knapp 90 Prozent ein. 2004 wurde gegen den früheren MLP-Vorstandschef Termühlen und zwei Mitarbeiter Anklage erhoben. Im Mai 2007 wurden die Verfahren gegen Auflage von Geldzahlungen eingestellt.

Doch auch die Konkurrenz von MLP, der Finanzdienstleister AWD, stand in der Vergangenheit in der Kritik. Der Konzern musste sich immer wieder vorwerfen lassen, zu seinem Geschäftsmodell gehöre es, Anlegern hochriskante Produkte zu verkaufen und sie damit schließlich in den Ruin zu treiben. Die Firma AWD bestritt das.

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