Punk, Hipster und Playmobil : Dorit Bialer spielt Berlin

In den Spielzeugläden ist sie bestens bekannt: Dorit Bialer stellt typische Berliner aus Playmobil-Figuren nach. Dass ihr die Ideen nicht ausgehen, könnte auch daran liegen, dass sie schon so oft umgezogen ist.

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Dorit Bialer und eine Packung voller Klischees - seit drei Jahren bastelt sie typische Berliner aus Playmobilfiguren.
Dorit Bialer und eine Packung voller Klischees - seit drei Jahren bastelt sie typische Berliner aus Playmobilfiguren.Foto: Thilo Rückeis

Dorit Bialer betrachtet die beiden Plastikfiguren in ihren Händen. Eine junge Frau, ein junger Mann. Beide haben gefärbte Haare, blau und rot. Sie tragen Punkerkluft. Er: eng anliegende gestreifte Hosen, schwarze Weste, rotes Hemd, darunter ragt das Brusthaar hervor. Ein Hund mit Halstuch begleitet sie. "Ich denke, beide haben ihr Zuhause verlassen. Sie hatten wohl nicht das beste Verhältnis zu ihren Eltern." Bialer sinniert weiter: Einmal im Jahr melden sich die beiden bei Vater und Mutter - zu Weihnachten.

Auch die Kotzlache darf nicht fehlen

Bialer darf das. Schließlich hat sie das Pärchen aus Plastik erschaffen. Und sie hat an alles gedacht. Selbst das Schild, mit dem die Playmobil-Punks schnorren gehen, liegt in der Verpackung: "Kein Geld für Bier". Außerdem gibt es eine Sammelschale mit ein paar Münzen, eine Gitarre, Isomatte, Hundefutter, ein angebissenes Stück Pizza samt Bierflasche, ein Münztelefon für die seltenen Anrufe in die Heimat. Am Rand der Isomatte breitet sich eine fröhlich-bunte Kotzlache aus. Es sind Klischees, die die Künstlerin aus Pankow hier verarbeitet hat. Die hat die 32-Jährige aber so gut beobachtet, dass man schmunzeln muss. Etwa über das "Kaiser’s"-Schild, unter dem die beiden "Friedrichshainer Punks" stehen, wie Bialer das Pärchen auf der Verpackung tituliert.

Mit ihrer Reihe "Berliner in a box", zu der sie Playmobilfiguren umgestaltet und mit passenden Accessoires versieht, huldigt Dorit Bialer den Stereotypen der Stadt: die "Depressive Aldi Mitarbeiterin", ausgestattet mit Minipackungen des Angstlösers Xanax und Schmerzgel, "Der Hipster Grafikdesigner", der mit austauschbaren Bärten kommt. Beim "Kreuzberger Anarchist" liegen zwei Pflastersteine bei, die "Prenzlauerberg Prinzessin" schiebt einen voll beladenen Einkaufswagen mit Bioprodukten. "Die ganzen kleinen Details mag ich fast noch mehr als die Figuren", sagt Bialer.

"Die verrückte 30-Jährige, die Kinderspielzeug kauft"

Ihre Beobachtungen sammelt sie, seit sie 2009 nach Berlin gezogen ist. Hier hatte sie häufig Gelegenheit, in allen möglichen Ecken der Stadt nach schrägen Typen zu stöbern: In den sechs Jahren hat Dorit Bialer in Mitte gewohnt, in Prenzlauer Berg, Kreuzberg und Friedrichshain. Jetzt lebt sie mit ihrem Freund in Pankow.

Ihr Heimatland Israel hat Bialer nach dem Studium der Visuellen Kommunikation verlassen. In Berlin arbeitet sie als selbstständige Grafikdesignerin. Ihrer freien Arbeit als Künstlerin widmet sie sich meist abends, wenn der Brotjob erledigt ist. Im Regal im Arbeitszimmer liegen säckeweise Playmobilfiguren zur Bearbeitung parat. Bialer kauft sie meist gebraucht in Second-Hand-Läden. "Die kennen mich schon", sagt Bialer und lacht. "Die müssen denken, da kommt schon wieder die verrückte 30-Jährige, die immer Kinderspielzeug kauft."

Mit dem Anarchisten fing es an

Das erste Mal griff sie vor drei Jahren zu, als jemand alte Playmobilfiguren auf der Straße anbot. Zu Hause fing Bialer an, auf ihre Weise mit ihnen zu spielen. Einer Figur steckte sie ein kleines Megaphon in die eine und eine Fackel in die andere Hand - fertig war der Anarchist. Sie fügte noch einen am Boden liegenden Polizisten in Schutzkleidung hinzu, ein Banner, Pflastersteine, Flasche, Feuertonne, Feuerlöscher und Handschellen und fertigte die Verpackung an. So begann sie ihre Reihe "Berliner in a box". Der Hersteller hat gegen die Zweckentfremdung keine Einwände. "Solange es in den Bereich Kunst fällt, sind wir sehr tolerant", sagt eine Sprecherin.

Als Dorit Bialer ihre Berliner in der Box während der Berlin Art Week ausstellte, sagte eine Besucherin beim Betrachten des Hipster Grafikdesigners: "Oh mein Gott, das ist genau mein Freund." Dabei macht sich Bialer nicht lustig über die Stereotypen - im Gegenteil. Sie hegt eine Zuneigung für die Charakterköpfe, so dass sie für alle sogar eigene Geschichten spinnt, wie für das Friedrichshainer Punk-Pärchen. Darin ist immer ein Konflikt verborgen, sei es die Aldi-Mitarbeiterin, die täglich mit hunderten Menschen zu tun hat, aber in Bialers Vorstellung eigentlich ganz elend einsam ist. Oder der Hipster-Grafikdesigner, der sich oft überlegen fühlt, dabei aber nicht merkt, dass ihm der Blick für die anderen abhanden kommt.

Beim Neonazi waren die Bedenken zu groß

Ihre spielerischen Figuren haben für Bialer ein Potenzial: "Ich möchte, dass die Leute sich dadurch wohler fühlen, über Themen zu sprechen, die sonst eher schmerzhaft für sie sind." Vielleicht will Bialer auch mal richtig provozieren. Sie hat schon über einen Neonazi in der Box nachgedacht oder über einen Drogendealer aus dem Görlitzer Park - auch das sind Typen, die schließlich jeder Berliner kennen dürfte. Bislang aber waren ihre Bedenken zu groß. Doch auch so begegnen Dorit Bialer ausreichend Typ-Vorlagen.

Ihr nächstes Projekt ist ihr gerade auf dem Heimweg in der Schönhauser Allee begegnet: eine Straßensängerin. Dorit Bialer hat sich gleich vorgestellt, wie das Mädchen eigentlich von der großen Karriere träumt.


Die Berliner in der Box gibt es für 75 Euro - man kann sogar eigene Charaktere erfinden. Weitere Informationen unter: www.iwanteverything.de

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Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

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