Queen Elizabeth II. kommt : Die Königin bedient eine Sehnsucht

Das Interesse am Besuch von Queen Elizabeth II. in Deutschland ist enorm. Dabei die Verehrung gilt nicht einer politischen Figur, sondern vielmehr einem Popstar. Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Alles glänzt so schön neu. Die Vorbereitungen für den Queen-Besuch laufen.
Alles glänzt so schön neu. Die Vorbereitungen für den Queen-Besuch laufen.Foto: Stephanie Pilick/dpa

Bitte anschnallen, meine Damen und Herren, Her Royal Highness, Queen Elizabeth, ist im Anflug! Die 89-jährige Königin von England inkl. Gatte Prinz Philip, aber leider ohne Corgis, wird Deutschland und vor allem Berlin beehren, und natürlich ist es kein Wunder, dass sich die sonst eher nüchterne Stadt mittlerweile in jenem Stadium der Aufregung befindet, in dem die ersten Metzger in Charlottenburg ihre Würste um goldene Krönchen drapieren. Auch melden die Souvenirshops rasant ansteigende Verkaufszahlen bei der adretten „Solar Queen“ aus Plastik, die so charmant wie energieneutral mit dem Arm wedelt.

Kann es sein, dass eine Gesellschaft, die den Adelsstand vor knapp hundert Jahren abgeschafft und Politik als weitgehend glanzloses Verwalten verinnerlicht hat, plötzlich zu einer Meute fähnchenschwingender Untertanen mutiert? Das Interesse an jedem Schritt der Königin ist enorm, die Fernsehsender planen Sondersendungen, und selbstverständlich hält auch der Tagesspiegel, das Berliner Fachblatt für royale Umtriebe, seine Leserinnen und Leser über die Eckdaten auf dem Laufenden; sogar Details wie der Inhalt der königlichen Handtasche werden schonungslos ausgebreitet.

Wer nun mutmaßt, hinter der Queen-Begeisterung der Menschen stecke ein Mangel an Demokratiebewusstsein, womöglich gar die Sehnsucht nach dem starken Mann oder der starken Frau, liegt falsch. Es ist nicht die reale Person der britischen Königin oder gar ihr System der konstitutionellen Monarchie, das die Deutschen fasziniert. Die Verehrung gilt nicht einer politischen Figur, sondern einem Popstar.

Die politische Dimension

Goldene Blätter, die in riesiger Auflage erscheinen, inszenieren das Leben der königlichen Familien für ihre Leser als endloses Märchen, mit glücklichen Prinzessinnen und „Schicksalsjahren im Palast“. So hat die „Neue Post“ gerade das 60-seitige Sonderheft „Royal“ herausgebracht. Und auch in gebildeteren Ständen stößt der königliche Besuch auf Resonanz; hier betrachtet man das Queen-Bohei aus ironischer Distanz, aber mit ebenso ungebremster Leidenschaft. Königliche Hochzeiten im Fernsehen zählen in diesen Kreisen zum Pflichtprogramm. So wie man auch Helene Fischer hören darf, wenn man weiß, dass es sich dabei um unterirdischen Kitsch handelt.

Eine politische Dimension hat der Queen-Event natürlich auch. In der aktuellen EU- und Griechenland-Debatte schauen Politiker neidvoll auf das Duo Queen Elizabeth / David Cameron, das perfekt nach dem Prinzip „Good Cop, bad Cop“ funktioniert: Während die Königin mit ihrem Urenkel George schäkert und ihre Hüte in Ascot ausführt, fällt niemandem auf, wie Cameron seine fiesen Pläne ausbreitet, um die EU-Freunde zu schurigeln. Angela Merkel hat richtig erkannt, wer in diesem Spiel der verlässlichere und populärere Partner ist und trifft sich in Berlin ausführlich mit der Königin. Vielleicht strahlt ja auch auf Joachim Gauck etwas royales Charisma ab.

Wenn in diesen Tagen also in allen Büros und in allen Kantinen über die bunten Kleider der Queen, ihre 150 Koffer und die Suite im Adlon (15 000 Euro/Nacht) geredet wird, dann hat das nichts mit Untertanengeist oder politischer Teilnahmslosigkeit zu tun. Die Königin von England bedient vor allem eine Sehnsucht – die nach ein bisschen Glanz im grauen deutschen Alltag.

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