Aktfotos : Junge Schwule in Berlin

Berlin ist ein Sehnsuchtsort für junge Schwule weltweit. Der Fotograf Ashkan Sahihi hat für seine Serie "Beautiful Berlin Boys" junge Männer porträtiert, die hier zu sich selbst gefunden haben.

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Oliver porträtiert von Ashkan Sahihi.
Oliver porträtiert von Ashkan Sahihi.Foto: Ashkan Sahihi

Der Fotograf Ashkan Sahihi kam 1963 in Teheran zur Welt und wuchs in Deutschland auf. 1987 zog er nach New York. Seit drei Jahren lebt er in Berlin und fotografiert für Zeitschriften wie das ZEITmagazin, den "New Yorker" und die "Vogue". Seine letzte, 2015 veröffentlichte Arbeit "Die Berlinerin", ist eine fotografische Studie von Frauen in Berlin.

OLIVER

"Ich stamme aus einem 1500-Seelen-Dorf in Schwaben, nicht weit von Ravensburg. Alles war klein und sehr katholisch und es gab niemanden, der für mich als jungen Schwulen ein Vorbild gewesen wäre. Dieses Leben fand ich sehr schwer zu akzeptieren. Meine Oma wusste schon, als ich klein war: Der zieht mal weg, der kommt nicht wieder. Als ich vor neun Jahren nach Berlin kam, war mir selbst gar nicht klar, dass ich nach einem Ort suche, an dem ich dazugehöre. Ich wollte nur weg aus dem Dorf.

Eigentlich war Berlin eine zufällige Wahl, einfach weil ich hier einen Studienplatz bekommen habe. Erst als ich dann zwischenzeitlich nach Hamburg gezogen bin, habe ich gemerkt, wie sehr mir die Stadt fehlt. Es ist die Freiheit. Es gibt eine Art Berliner Gleichgültigkeit, die sehr angenehm ist – weil in ihr eine große Gleichwertigkeit steckt. Hier ist es im Grunde egal, wie du bist. Jeder darf so sein, wie er will. Das Vielfältige ist das Normale, das finde ich sehr angenehm. Die Menschen sind hier meistens respektvoll, ohne dass ich das Gefühl habe, dass sich alle die ganze Zeit beweisen müssen, wie tolerant sie sind."


Christian porträtiert von Ashkan Sahihi.
Christian porträtiert von Ashkan Sahihi.Foto: Ashkan Sahihi

CHRISTIAN

"Ich hatte Fernweh nach Berlin, obwohl ich noch nie hier war, schon mit 13. Eine Schulfreundin war oft hier, sie hat mir immer Postkarten geschrieben. Als ich dann das erste Mal am Hauptbahnhof stand, musste ich erstmal schreien, ich hatte ein 50-Zentimeter-Affengrinsen im Gesicht. Vor fünf Jahren bin ich hergezogen, aus Niedersachsen. Inzwischen bin ich angekommen, aber andere Länder reizen mich auch, New York, Neuseeland. Für meine Jugend ist Berlin toll, aber ich werde hier sicher nicht alt werden."

Rodrigo porträtiert von Ashkan Sahihi.
Rodrigo porträtiert von Ashkan Sahihi.Foto: Ashkan Sahihi

RODRIGO

"São Paulo, wo ich aufgewachsen bin, ist auch eine Großstadt. Aber dort hat mir bei aller Größe immer gefehlt, mit sehr unterschiedlichen Menschen in Kontakt zu kommen. Mein Umfeld war relativ homogen und ich habe immer gespürt, dass das nicht alles ist. Homosexualität war dort immer ein blödes Klischee, deshalb hatte ich dort keine Vorbilder und keine Unterstützung, um mich outen zu können.

Ich war von Anfang an von Berlin fasziniert, weil die Menschen hier so unterschiedlich sind und doch miteinander leben. Hier kann ich sein und mich ausdrücken, wie ich möchte. Ich kann mit meinem Freund Händchen halten. Seit ich in Berlin lebe, habe ich das Gefühl, dass ich mich selbst erforschen und mich von den Erwartungen meines Umfeldes lösen kann."

Sepehr porträtiert von Ashkan Sahihi.
Sepehr porträtiert von Ashkan Sahihi.Foto: Ashkan Sahihi

SEPEHR

"Ich habe Teheran, die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin, immer geliebt. Trotzdem wollte ich immer weg, spätestens als ich mit der Universität Probleme wegen meines politischen Engagements und meiner Homosexualität bekommen habe. Die Liebe zu Teheran war sofort vorbei, als ich nach Berlin kam. Heute denke ich, dass ich im Iran eigentlich bloß zur Welt gekommen bin, Wurzeln habe ich da keine mehr. Es ist, als wäre ich in Berlin neu geboren worden. Dabei war der Beginn in Deutschland schwer. Ich musste ein Jahr in einem Dorf in Sachsen verbringen, in dem ich überhaupt kein Leben hatte, bevor ich meinen Freund geheiratet habe und nach Berlin gekommen bin.

Ich war fasziniert, wie schwul die Stadt ist. Natürlich habe ich auch mal gehört, dass jemand ,Schwuchtel' gerufen hat, aber was soll‘s. Ich kann mir mittlerweile gar nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu wohnen. Selbst wenn ich beruflich nur für einen Tag wegfahre, freue ich mich zurückzukommen. In Berlin bin ich frei. Das Größte ist, an einem Sommertag mit dem Fahrrad durch die Stadt zu fahren. Dieses Gefühl. Das wäre in Teheran aus so vielen Gründen gar nicht möglich."

Ashkan Sahihi: Beautiful Berlin Boys. Bildband, 48 Seiten, 35 €, Kehrer Verlag. Ausstellung in der Kehrer Galerie, Potsdamer Straße 100, Mittwoch bis Samstag, 12-19 Uhr, 3. Dezember bis 28. Januar. Vernissage: 2.12., 19 Uhr.

Dieser Beitrag erschien zuerst in unserem Magazin "Tagesspiegel Berliner".

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