All-Gender-Klos an Berliner Unis gefordert : Lärm ums stille Örtchen

Berliner Studierende fordern All-Gender-Toiletten für Leute, die sich auf dem Frauen- oder Männer-WC unwohl fühlen. In den USA schlägt das Thema bereits hohe Wellen.

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All-Gender-WC - an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.
All-Gender-WC - an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin.Foto: Susann Richert/ASH

Als am Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten Studentinnen an die deutschen Universitäten kamen, wurden sie von ihren Kommilitonen und Professoren verhöhnt: „Hunde und Frauen verboten“, stand auf einem Schild, das ein Professor der Berliner Universität an seinen Hörsaal hängte. Wie sich unter solchen Umständen für Frauen der Besuch der allein verfügbaren Herrentoilette gestaltete, liegt im Nebel der Geschichte. Längst haben Hochschulen zusätzliche Toiletten für Frauen eingebaut. Und eine weitere Minderheit, Leute mit körperlichen Behinderungen, hat sich barrierearme WCs erkämpft, wenn auch nicht getrennte Toiletten für Männer und Frauen.

Nun ergreift der gesellschaftliche Wandel wieder die Toiletten der Hochschulen. Studierendenvertreter fordern All-Gender-WCs, also Toiletten für all jene Menschen, die der gesellschaftlichen Norm von Männern und Frauen nicht entsprechen können oder wollen. Für sie ist der Gang zum stillen Örtchen oft mit unangenehmem Aufsehen verbunden: Sie werden der Toilette verwiesen oder sogar bedroht. Zu den Betroffenen gehören Transleute, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht identifizieren können und darum eine Transition zum Mann respektive zur Frau anstreben. Aber auch für all jene, die weder als Mann noch als Frau leben können, also „gender-queere“ Personen, kann der Gang zum Frauen- oder zum Männer-WC unangenehm sein.

„Regelmäßig kommen Leute deswegen in unsere Sprechstunde“, sagte Anna Damm von der Trans*beratung des "Referent_innenRat" (Refrat) der Humboldt-Universität. „Toiletten sind für sie Angsträume. Sie trinken den ganzen Tag nichts, um nicht hinzumüssen.“ Der frühere HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz sei „sehr offen“ für das Thema gewesen. Der „Apparat“ sei aber langsam. Auf Anfrage teilt die HU mit, es gebe sowohl im Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien als auch in den Räumen des Exzellenzclusters „Bild Wissen Gestaltung“ „Transgender-Toiletten“. Weitere plane die Technische Abteilung aber nicht.

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Die FU will keine All-Gender-Toiletten einrichten

Die FU will keine All-Gender-Toiletten einrichten, wie Goran Krstin, Sprecher des FU-Präsidenten, mitteilt: „Eine Umsetzung entsprechender Unisex-Sanitäranlagen in den rund 200 Universitätsgebäuden unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Erwartungen von etwa 30 000 bis 40 000 Universitätsangehörigen und Gästen, die sich fast täglich auf dem Campus aufhalten, wäre sehr kostenintensiv.“ Zudem seien auch „kulturelle Fragen“ zu beachten.

Ann Kris Kemna vom TransBiLesInterA*-Referat des FU-Asta kann das Kosten-Argument nicht nachvollziehen. Schließlich müssten die Toiletten ja nicht kostenintensiv umgebaut werden. „Es würde schon reichen, einige WCs zusätzlich als All-Gender-Toiletten zu labeln“, sagt Kemna. Auch der Einwand der FU-Leitung, man müsse Rücksicht auf bestimmte Kulturen nehmen, leuchtet Kemna nicht ein: „Vielen Menschen ist es aus verschiedenen Gründen wichtig, dass es für Frauen und Männer eigene WCs gibt. Aber diese Toiletten sollen ja auch gar nicht komplett abgeschafft werden.“ Ziel müsse sein, zunächst eine All-Gender-Toilette pro Gebäude einzurichten.

Positives Beispiel: Die ASH Berlin

Die Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin-Hellersdorf hat schon vor drei Jahren vier All-Gender-WCs eingeführt. Die damalige Rektorin hatte sofort auf eine Initiative des Queer-Referats des Asta reagiert. „Ich kannte selbst Studierende, die es vermieden haben, öffentliche Toiletten zu benutzen“, sagt Debora Antmann, die damals selbst als Studentin im Queer-Referat war und heute Frauenbeauftragte der ASH ist. Von neun Männern- und neun Frauen-WCs wurden zwei umgewidmet. Die Pissoirs und die fehlenden Hygieneeimer hätten aber trotzdem den Eindruck vermittelt, es handle sich um Männer-WCs. Darum, aber auch „um ein Zeichen der Sichtbarkeit zu setzen“, seien die umgewandelten WCs als All-Gender-Toiletten gekennzeichnet und zusätzlich mit einer Erklärung versehen worden: „Dies ist eine All-Gender-Toilette. Sie steht allen offen. Inter*, Frauen, Trans*, Männern, genderqueers und allen anderen Geschlechtern. Sei also respektvoll im Umgang mit allen Menschen, die du hier triffst!“

So erklärt die ASH die All-Gender-Toilette.
So erklärt die ASH die All-Gender-Toilette.Foto: Susann Richert/ASH

In den sozialen Medien ergoss sich daraufhin ein shit storm, berichtet Antmann. Viele Studierende, auch anderer Hochschulen, hätten sich maßlos aufgeregt: Die „Gender-Diktatur“ habe nun „eigene Räume für die Freakshow“ geschaffen. Als der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg vor anderthalb Jahren im Rathaus All-Gender-Toiletten einführte, sprach Heinz Buschkowsky, Neuköllns früherer Bürgermeister, aus, was viele denken: „Wir haben andere Probleme.“ Aber stimmt das wirklich? Die Mehrheitsgesellschaft hat die Toilettenfrage für sich penibel in einer Arbeitsstättenverordnung und den dazugehörenden Arbeitsstättenregeln geregelt: Für Männer und Frauen sind danach getrennte Sanitäranlagen vorzuhalten, „es sei denn, dass aufgrund einer geringeren Beschäftigungszahl eine zeitlich nach Geschlechtern getrennte Nutzung gewährleistet ist“.

Anna Damm von der HU sagt: „Leute in marginalisierter Position haben ihr ganzes Leben mit Diskriminierungserfahrungen zu tun. Anstatt zu brüllen, um sie noch kleiner zu machen, kann man aus seiner privilegierten Position auch gucken, was man abgeben kann.“ Schließlich habe die Mehrheitsgesellschaft diese Menschen ja „als nicht passend konstruiert“.

In New York wird es keine nach Geschlecht getrennten Klos mehr geben

In New York wird es darum ab dem kommenden Jahr im öffentlichen Raum keine nach Geschlecht getrennten Toiletten mehr geben, sämtliche Restaurants müssen umrüsten. Dafür stimmte der Stadtrat im Juni mit 47 zu zwei Stimmen. Die größte Stadt des Landes wolle „die Bigotterie Einzelner zurückweisen“, unter ihnen der Staat North-Carolina, erklärte das Ratsmitglied Daniel Dromm. In North-Carolina war im Frühjahr ein Gesetz verabschiedet worden, das Transleuten vorschreibt, die Toilette für dasjenige Geschlecht zu benutzen, das in ihrer Geburtsurkunde angegeben ist. Der Staat erntete dafür einen Sturm der Entrüstung. Chefs von 130 Konzernen, darunter Facebook, Twitter und die Deutsche Bank, protestierten oder drohten sogar mit Rückzug, prominente Musiker wie Bruce Springsteen und die Band Pearl Jam sagten Konzerte ab, die Basketball-Liga NBA verzichtete auf ihr prestigeträchtiges All-Star-Game in Charlotte.

In Berlin prüft der Senat aktuell, in welchen öffentlichen Gebäuden All-Gender-Toiletten eingerichtet werden können und was sie kosten. Das hatte die große Koalition im Februar beschlossen. Dass die Hochschulen dabei bereits mit im Blick der Regierung sind, kann Anja Kofbinger, Sprecherin für Frauen- und Queerpolitik der Grünen-Fraktion, jedoch nicht erkennen, wie sie auf Anfrage sagt.

Studierende wollen das Thema im Herbst aber selbst auf die Agenda setzen. Eine dazu vor einem Monat gegründete Arbeitsgruppe der drei großen Berliner Unis strebt einen Dialog mit den Verwaltungsorganen an und will um Sensibilität werben, auch mit Workshops und Aktionen. „Das Studium muss ja nicht an der Toilette scheitern“, sagt Anna Damm vom HU-Referent_innenRat.

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