Ausstellung zu Erika und Klaus Mann : Weltbürger wider Willen

Zwillinge im Geiste: Eine reichhaltige Ausstellung im Schwulen Museum Berlin würdigt die Geschwister Erika und Klaus Mann.

Manfred Flügge
Der Träumer und die Rednerin. Klaus und Erika Mann, gezeichnet von Rinaldo Hopf.
Der Träumer und die Rednerin. Klaus und Erika Mann, gezeichnet von Rinaldo Hopf.Foto: Rinaldo Hopf/ Schwules Museum

„Die Manns“ sind eine exemplarische Familie, an deren Ergehen und Verhalten sich Fragen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert beispielhaft erörtern lassen, nicht nur im politischen, sondern auch im gesellschaftlichen und im menschlichen Sinn. Freilich treten sie uns stets in doppelter Gestalt entgegen, als reale Personen sowie in vielfachen literarischen Abschattungen.

Thomas Mann hatte mit dieser Selbstmythologisierung begonnen, indem er die eigene Familiengeschichte immer wieder literarisch verwandelte. Klaus Mann setzte dies in seinen Familienanalysen fort („Kind dieser Zeit“, 1932; „Der Wendepunkt“ 1942). Als dritte Ebene kommt eine ikonenhafte Bildwelt hinzu, eine reiche Sammlung von Fotografien der Manns. Es zeigt sie in allen Lebensstadien und an den vielen Schauplätzen des Lebensschicksals dieser Weltbürger wider Willen, wozu sie das Exil gemacht hat.

Das lässt sich an einer Ausstellung im Schwulen Museum nachempfinden, in der es um Erika und Klaus Mann geht, die 1905 und 1906 geborenen ältesten Kinder von Katia und Thomas Mann. Hier dominiert das Optische, von der Wiege bis zum Grabe gleichsam. Das Thematische und Problematische kommt erst in zweiter Linie vor, was angesichts des Ausstellungsortes erstaunt, aber kein Nachteil sein muss. Denn Selbstbespiegelung und Selbstreflexion waren wesentliche Lebenselemente beider Mann-Kinder.

Als falsche Zwillinge auf US-Tournee

Alle bekannten Abbildungen, aber auch zahlreiche weniger bekannte Fotodokumente von der Zeit vor 1914 bis in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sind hier zu sehen, und man tut gut daran, erst diese Bildzeugnisse auf sich wirken zu lassen, ehe man sich mit der umfangreichen Zitatensammlung befasst, die den zweiten Schwerpunkt der Ausstellung bilden. Hinzu kommen einige Kunstwerke, darunter sind ein weniger bekanntes Gemälde von Ludwig von Hoffmann („Badende Knaben“), als Ersatz für dessen Werk „Die Quelle“, das seit 1913 im Arbeitszimmer von Thomas Mann hing und das eifersüchtig im Zürcher Archiv gehütet wird. Und auch Arthur Kaufmanns Triptychon „Die Geistige Emigration“, 1939 begonnen, aber erst 1964 vollendet, das Thomas und Klaus Mann in den Mittelpunkt rückt.

In ihrer Rolle als falsche Zwillinge wirkten die Mann-Kinder bei ihrer USA-Tournee 1927 sehr glaubwürdig. In seinen Romanen hat Klaus Mann immer wieder das Thema der gewünschten Symbiose mit der Schwester variiert, aber in Wahrheit hatten beide sehr unterschiedliche Temperamente. Erika war viel energischer, aktiver, praktischer veranlagt, wie sich nicht zuletzt bei ihren erfolgreichen Auto-Rallyes erwies; Klaus war träumerischer, passiver, abhängiger, allerdings ein fleißiger Vielschreiber, auch als ihm nach 1933 das deutsche Publikum abhanden kam.

Die Manns als Mitgründer der Pfeffermühle

Ein Aspekt, der hier wie auch in den bisherigen Darstellungen zu Erika Mann wieder einmal zu kurz kommt, ist ihre ungeheuer erfolgreiche Karriere als „lecturer“ in den Vereinigten Staaten, ihre Auftritte als Rednerin mit literarischen wie politischen Themen vor Massenpublikum, nachdem sich die Form des politischen Kabaretts (Erika und Klaus Mann waren Mitgründer des Münchner Kabaretts „Die Pfeffermühle“) als nicht auf die USA übertragbar erwiesen hatte. Die einträgliche Rednerinnen-Tätigkeit endete aus politischen Gründen in der McCarthy-Ära – aber auch durch das Aufkommen des neuen Mediums Fernsehen.

Der Kurator der Ausstellung, der Filmhistoriker und Museumsmitbegründer Wolfgang Theis, ist allergisch gegen alles Didaktische, und so finden sich keine Kommentare, Erläuterungen, Thesen, weder zur sexuellen Orientierung von Erika und Klaus Mann, die anders als der Vater dazu keiner literarischen Maskierung bedurften, noch zu Formen und Inhalten ihrer Werke und ihres öffentlichen Wirkens, dafür aber viele Zitate aus Büchern über sie, aus den Tagebüchern des Vaters sowie zeitgenössische Äußerungen, freundlicher, feindlicher oder reflektierender Art. Hinzu kommen Artikel aus den Jahren von Exil und Krieg, etwa die bemerkenswerten Städteporträts, die Klaus Mann 1943 für „Stars and Stripes“ schrieb, die Zeitung der amerikanischen Streitkräfte – über München, Hamburg, Berlin, Moskau und Paris.

Alles ist zur Anschauung und zur ungesteuerten Reflexion dargeboten: Titelblätter der beiden kämpferischen, aber kurzlebigen Zeitschriften von Klaus Mann („Die Sammlung; Decision“), seine Romane in Erstausgaben, die allmähliche Wiederentdeckung 20 Jahre nach seinem Tod, die gemeinsamen Reisebücher der Geschwister, die noch viel zu wenig rezipierten Kinderbücher von Erika Mann, Zeugnisse von ihrer Laufbahn als Schauspielerin und engagierten Kabarettistin, ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der literarischen Mann-Company (und als solche ihre Mutter ablösend), sowie ihrer Rolle als Film-Beauftragte der Familie.

Das FBI registrierte sie als "sex perverts"

Gezeigt werden die Frauen ihres Lebens, aber leider nicht die auch nicht ganz unbedeutenden Männer, etwa der emigrierte Arzt und Dichter Martin Gumpert oder der Dirigent Bruno Walter. Erika Mann bewegte sich an beiden Ufern.

Das frühe und entschlossene Engagement beider Geschwister gegen den Nationalsozialismus wird gewürdigt, aber der fragwürdige Aspekt ihres Drogen- und Medikamentenmissbrauchs, die selbstzerstörerischen Tendenzen im Leben von Klaus Mann, die auch zu seinem Selbstmord in Cannes 1949 führten, bleiben unterbelichtet. Auch vermisst man ein paar Seiten aus den Akten des FBI, das sie als politisch suspekt und als „sex perverts“ registrierte. Erika Mann wird als begabte Parodistin ihres Vaters im Tondokument „Das Wort im Gebirge“ lebendig.

Thematische Vertiefung ist vielleicht zu viel verlangt von einer Ausstellung, die sich als Hommage versteht und mehr die öffentlichen Personen und weniger das Private und Widersprüchliche lebendig werden lässt. Als kompakte Einführung in die Welt der Manns insgesamt und speziell in die engagierte Zeitgenossenschaft von Erika und Klaus Mann, eignet sich die auf engem Raum erstaunlich reichhaltige Schau allemal.

Schwules Museum Berlin, Lützowstraße 73, bis 30. Januar, Mo, Mi, Fr, So 14-18 Uhr, Do 14-20 Uhr, Sa 14-19 Uhr

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