Berlin-Tatort mit schwulem Sex : Der bewegte Mann

Schwuler Sex und Crash Kids in Berlin: Der Berliner Tatort „Wir - Ihr - Sie “ mit Mark Waschke und Meret Becker lässt es krachen.

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Zwei Männer auf dem Sofa, einer von ihnen der Berliner Kommissar Karow (Mark Waschke). Derlei Freizügigkeit hat es im „Tatort“ selten gegeben.
Zwei Männer auf dem Sofa, einer von ihnen der Berliner Kommissar Karow (Mark Waschke). Derlei Freizügigkeit hat es im „Tatort“...Screenshot:Tsp

Sie gucken ständig auf ihr Smartphone. Sie posten in einem fort. Sie haben keinen Respekt, vor niemandem, schon gar nicht vor ihren Eltern. Sie treffen sich in Einkaufscentern und stehen auf Markenklamotten. Sie sind gefühlskalt. Sie kommen aus wohlhabenden Familien.

Drei Mädchen, drei Hauptverdächtige nach einem Mord im Parkhaus am Potsdamer Platz – es ist ein düsteres Bild an Wohlstandsverwahrlosung, das dieser Berliner „Tatort“ zeichnet, das dritte Mal mit Mark Waschke und Meret Becker als Ermittler in der Hauptstadt. Nach dem Thema illegale Einwanderung zuletzt geht es diesmal unpolitischer zu, aber bei Weitem nicht unspektakulärer. Vor allem eine Szene hat es in sich.

Der „Tatort“ lässt es gleich in Minute vier krachen. Die Kollegen von Kommissar Robert Karow (Mark Waschke) feixen im Büro über ein pikantes Video, was in Karows Wohnung aufgezeichnet wurde. Zu sehen ist recht freizügiger, schwuler Sex, zwei Männer, einer von ihnen Robert Karow, fast komplett unbekleidet beim leidenschaftlichen Liebesakt auf dem Sofa. Wer Mark Waschkes Theaterarbeiten kennt, weiß, dass Nacktheit auf der Bühne und vor der Kamera für den Schauspieler nichts Besonderes zu sein scheint. Dem einen oder anderen älteren „Tatort“-Fan dürfte bei der Szene schon die Chipstüte aus der Hand fallen.

Das geheimnisvoller Vorleben der Tatort-Kommissare

Aber es soll ja auch energetisch sperriger werden, wie Mark Waschke im Tagesspiegel-Interview über Berlin und den neuen Hauptstadt-Krimi sagte. Dem Berlin-"Tatort" wurde jahrzehntelang vorgeworfen, an den Befindlichkeiten der Hauptstadt vorbeizusenden. Mit einem grausamen Mord mitten am Tag im Parkhaus am Potsdamer Platz, handysüchtigen, skrupellosen Teenies, explizitem schwulen Sex, dem kruden Privat- und geheimnisvollen Vorleben seiner Ermittler sowie der konsequent horizontalen, aus US-Serien adaptierten Erzählweise trägt Autorin Dagmar Gabler dick auf.

Der eigentlichen Ermittlungen nach dem Parkhaus-Mord sind dabei eher Nebenschauplatz. Das Opfer, Katharina Werner, Mutter eines Sohnes, stirbt, nachdem ein Jeep sie brutal überfahren hat. Die Überwachungskameras zeigen einen Wagen mit getönten Scheiben. Die Fahrer sind nicht zu erkennen. Ins Visier der Ermittler gerät die Halterin des Jeeps, Birgit Hahne (Valerie Koch). Früher war sie mit Katharina befreundet, dann haben die Nachbarinnen unterschiedliche Wege eingeschlagen. Ein Interesse scheinen sie jedoch geteilt zu haben, das an Katharinas Ehemann Carsten Werner (Steffen Münster). Anhand der Videoüberwachung des Parkhauses stoßen Rubin und Karow außerdem auf drei Mädchen, die sich dort zur Tatzeit aufgehalten haben: Louisa (Cosima Henman), Paula (Emma Drogunova) und Charlotte (Valeria Eisenbart), Schulkameradinnen von Katharina Werners Sohn Ben.

Dunkle-traurige Bilder aus einem trüben Berlin

Ein überschaubarer Whodunit-Krimi, der einem trüben Berlin dunkel-traurige Bilder abgewinnt (Regie: Torsten C. Fischer). Es ist erschreckend, mit welcher Gleichgültigkeit, Empathielosigkeit die Generation Smartphone, die drei Teenager hier unterwegs sind, ihre Sicht der Dinge verbreiten. Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow geraten angesichts derlei Kaltschnäuzigkeit an den Rand ihrer Selbstbeherrschung.

Dabei haben die beiden Ermittler viel mit sich selbst zu tun. Und das ist auch gut so. Kommissarin Rubin versucht, Beruf und Privatleben als alleinerziehende Mutter unter einen Hut zu bekommen. Ihrem Sohn steht die Bar-Mizwa bevor. Aus den ersten beiden „Tatort“-Folgen wird vor allem aber die Geschichte von Robert Karow weitererzählt, der Kommissar mit dem dubiosen beruflichen Vorleben, der als Figur immer mehr an kantiger Kontur gewinnt, von Waschke als ständig unter Strom gespielt, erbarmungslos. Karow ist gerade aus der U-Haft entlassen worden, weil er verdächtigt wird, seinen Ex-Kollegen Maihack umgebracht zu haben. Er versucht, Maihacks Tod auf eigene Faust zu klären, gerät zwischen gefährliche Fronten. Und in die Schwulenszene. Auf ein Video. Viel Diskussionsstoff. Fortsetzung folgt.

- „Tatort: Wir – Ihr – Sie“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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