Berliner Buchmesse Queeres Verlegen : Schreiben als Akt des Widerstands

Am Sonnabend findet die Buchmesse zum zweiten Mal statt. Mitbegründerinnen Barth und Yılmaz-Günay über Widerstand, schlechte Arbeitsbedingungen und die queere Szene in der Türkei.

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Die erste Berliner Buchmesse Queeres Verlegen fand 2015 statt.
Die erste Berliner Buchmesse Queeres Verlegen fand 2015 statt.Foto: Dominique Guglieri

In Ihrer Ankündigung heißt es, Sie wollen Ihre Stimme gegen Homo- und Transfeindlichkeit, gegen Rassismus und Verwertungslogiken erheben. Ist Ihre Buchmesse also vor allem eine politische Veranstaltung?

Klar, die Messe versteht sich als dezidiert politisch und zwar in vielerlei Hinsicht. Im Grunde verhandeln wir Selbstverständlichkeiten. Niemand sollte diskriminiert werden. Insofern ist es nicht normal, dass Menschen in Bezug auf ihre Körper, Geschlechter, Sexualitäten oder andere Zuschreibungen beleidigt, geschlagen, benachteiligt oder verachtet werden. Da dies dennoch passiert, ist ein Aufbäumen, ein Widerstand, ein Thematisieren, ein Nicht-Hinnehmen immer auch ein politischer Akt. Genau diesen Widerstand finden wir in vielen Publikationen, und da Bücher stets als wichtiges Verhandlungsfeld gesellschaftlicher Entwicklungen fungieren, begreifen wir auch das Veröffentlichen von Texten als einen Ausdruck politischen Handelns. Dem soll die Messe wiederum eine Vernetzungsplattform bieten.

Aber es gibt noch weitere Gründe, oder?

Die allerwenigsten, die auf der Messe vertreten sind, werden wohl von ihrer publizistischen Arbeit allein leben können. Insofern ist die Auseinandersetzung mit meist unterbezahlten Arbeitsbedingungen in Kleinstverlagen ein weiteres politisches Feld. Diese Situation betrifft allgemein sehr viele Klein- und sicher auch einige mittlere Verlage. Aber weder Selbstkritik noch eine konzentrierte Suche nach Lösungen werden offensiv betrieben oder an eine Öffentlichkeit herangetragen. Diese Leerstelle in der „Oh, ich mach was Kluges mit Büchern"-Haltung wollen wir aus einer anderen Haltung heraus angehen, die einfordert, sich nicht mit symbolischem Kapital zufrieden zu geben, sondern gerne auch mal für bessere Bezahlung einzutreten.

Ihre Messe hat sich aus der queeren Berliner Szene heraus entwickelt. Warum der Entschluss, eine Messe für queere Verlage zu veranstalten?

Die Messe wurde letztes Jahr von Elisa ins Leben gerufen und in Zusammenarbeit mit Dominique Guglieri sowie Ben Böttger vom NoNo-Verlag im TrIQ e.V. ausgerichtet. So wollten wir zusammenführen, was schon seit langem mehr oder weniger parallel nebeneinander her arbeitet. Schreiben, Übersetzen, Lektorieren etc. findet nicht selten in einer Art Isolation statt. Einmal den Kopf zu heben und zu sehen: Wow, es gibt viele, die das machen mit dem selben feministischen Anspruch, mit derselben Freude und denselben Schwierigkeiten, ist einer der besten Effekte, den die Messe letztes Jahr hatte.

Die Organisation liegt mittlerweile in den Händen von Yayla Höpfl, Benita Piechaczek, Luci Wagner, Jen Theodor sowie Dominique Guglieri, Elisa und Koray Yılmaz-Günay. Wir alle haben in unserer täglichen Arbeit aus verschiedenen Blickwinkeln mit Texten zu tun (Lektorat, Verlag, Übersetzung, Layout). Wir sind alle in politischen Kontexten unterwegs. Wir engagieren uns unter anderem gegen Rassismus und die Abschottung Europas, gegen steigende Mieten oder für politische Kunst. Im Grunde bündeln wir mit der Messe diese Stränge, worin sich für uns ein nicht unwesentliches Verständnis des Begriffes queer widerspiegelt.

Heißt das, auf anderen Buchmessen fühlt sich die Szene bisher wenig oder gar nicht vertreten?

Die großen Buchmessen sind für kleine Publikationsprojekte zu teuer und zu diffus. Eine thematisch ausgerichtete Messe hat hier den Vorteil, eine bessere Zugänglichkeit gewährleisten zu können, und zwar sowohl für die Verlage als auch für das Publikum. Wobei uns gerade hinsichtlich des Publikums eine einladende Geste sehr wichtig ist. Der Eintritt ist also frei. Wir gehen davon aus, dass auch Menschen, die sich für die Themen interessieren, ohne zwangsläufig aktiver Teil der queer-feministischen Szene zu sein, auf die Messe kommen werden, ebenso wie Menschen, die sich für Publikationen in türkischer und portugiesischer Sprache interessieren.

Der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung - auch das bedeutet für viele der Begriff queer.
Der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung - auch das bedeutet für viele der Begriff queer.Foto: Tilmann Warnecke

Was genau erwartet die Besucher_innen am Sonnabend?

Vormittags sind die Lesungen vor allem an Kinder und interessierte Eltern gerichtet. Danach geht es weiter mit Romanen, Poesie und theoretischen beziehungsweise politischen Texten. Die fünf Diskussionsrunden stellen sich aus verschiedenen Perspektiven Fragen rund ums Verlegen: Die Berliner queeren Archive stellen ihre Arbeit vor, Aktivist_innen unterhalten sich über die Bedeutung queerer Publikationen für verschiedene soziale Bewegungen. Verleger_innen aus der Türkei und Brasilien berichten darüber, was es heißt, in ihrem jeweiligen Land und dem spezifischen politischen Kontext queere Texte zu veröffentlichen. Wie sind die ökonomischen Umstände? Wo erfahren sie Repression? Welche Stellung haben sie jeweils in ihrer Verlagslandschaft? Wie gehen sie mit Sprache um? Gibt es interessante Bücher, die vielleicht ins Deutsche übersetzt werden sollten?

Ein Programmpunkt wird sich auch mit dem Thema „queeres Verlegen“ beschäftigen. Warum dieser Schwerpunkt?

Die ganze Messe stellt nicht nur das Buch als Endprodukt in den Mittelpunkt, sondern gibt Einblick in den gesamten internen Arbeitsprozess. Hält man im Buchladen ein Buch in der Hand, ist nicht gleich erkennbar, wie viel Arbeit darin steckt, wer was daran verantwortet und beigetragen hat und welche Entscheidungen getroffen worden sind. Die letzte Diskussionsrunde zum „queeren Verlegen“ am Abend greift diesen besonderen Aspekt der Messe auf, stellt die Akteur_innen und ihre Arbeit vor und erlaubt einen Blick hinter die Kulissen des Verlegens – im Spannungsfeld zwischen publizistischer Arbeit und queer-politischem Anspruch.

Auf der Messe werden Verleger_innen aus Brasilien, Österreich, der Türkei zu Gast sein. Warum gerade diese Länderauswahl?

In aktivistischen Zusammenhängen gibt es unter Queers eine gute Vernetzung über den deutschen Tellerrand hinaus. Den türkischen Verein Kaos GL kennen wir von persönlichen Besuchen, und weil sie schon seit langem mit dem Berliner Verein GLADT zusammenarbeiten. Beide waren auch letztes Jahr auf der queeren Buchmesse vertreten. In der Türkei und in Kurdistan sind queere Organisationen, Einzelpersonen und Veranstaltungen seit geraumer Zeit von (gezielter) staatlicher Repression betroffen und es bietet sich an, diese Umstände im Rahmen unserer Buchmesse bekannt zu machen.

Es geht Ihnen also auch hierbei um Sichtbarkeit?

In der Türkei gibt es eine (relativ) breite queere Literaturszene. Da türkeistämmige Menschen in Deutschland die größte Einwanderungsgruppe sind, scheint es naheliegend, hier eine Verbindung zu stärken. Denn entgegen der auch in deutschen lesbisch-schwulen Kreisen verbreiteten Ansicht, Homosexualität sei in der Türkei im öffentlichen Diskurs überhaupt nicht vertreten, waren Murathan Mungan, küçük İskender und andere immer sehr breit gelesene Autor_innen, die Homosexualität thematisieren. Den Verlag padê editorial aus Brasilien haben wir über queere Basilianer_innen, die in Berlin leben, kennengelernt und eingeladen. In beiden politischen Kontexten ist die publizistische Situation gerade sehr angespannt. Wir freuen uns auf den Austausch.

Die zweite Berliner Buchmesse Queeres Verlegen findet am Sonnabend, 26. November, in dem neuen Begegnungsort aquarium, in der Skalitzer Straße 6 statt.

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