Film "Freeheld" : Letzter Wunsch: Gerechtigkeit

In dem Krebsdrama „Freeheld“ spielen Ellen Page und Julianne Moores ein Paar, das um Gleichberechtigung kämpft. Beim Gespräch in Berlin erzählt Page von den Dreharbeiten und ihrem eigenen Coming Out.

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Laurel (Julianne Moore) und Stacie (Ellen Page) in „Freeheld“.
Laurel (Julianne Moore) und Stacie (Ellen Page) in „Freeheld“.Foto: Universum Film

Laurel und Stacie haben sich ihren Traum erfüllt. Sie haben ein Haus gekauft, es renoviert und sind kürzlich zusammen mit ihrem Hund dort eingezogen. Gerade werkeln die Polizistin und die knapp zwei Jahrzehnte jüngere Automechanikerin im Vorgarten herum, als Laurels langjähriger Arbeitskollege Dane vorbeischaut. Sie stellt ihm ihre Geliebte Stacie vor: „Meine Mitbewohnerin“. Bei ihrer Polizeieinheit hat sich Laurel – die einzige Frau zwischen einem guten Dutzend Männer – nie geoutet. Jetzt begreift Dane, und ist sauer, dass sich Laurel ihm nicht anvertraut hat.

Die Vorgarten-Szene ist ein Schlüsselmoment des auf wahren Ereignissen beruhenden Filmdramas „Freeheld“. Für Ellen Page, die die Rolle der Stacie spielt, hat sie noch eine zweite Ebene, denn sie kennt das Verleugnen und Verstecken einer Geliebten aus eigener Erfahrung. Bevor sie vor zwei Jahren auf einer Menschenrechtskonferenz in einer anrührenden Rede über ihr Lesbischsein sprach, hatte sie sich nie mit einer Freundin gezeigt oder sie öffentlich erwähnt.

„Es hat mich sehr berührt, diese Szenen zu drehen“, sagt die 29-jährige Kanadierin, die mit Filmen wie „Juno“, „X-Men“ und „Inception“ bekannt wurde, beim Gespräch in Berlin. „Ich konnte gut nachvollziehen, wie toxisch das Ganze für einen selbst und für eine Beziehung ist. Wie soll das funktionieren, wenn du der Person, mit der du zusammen bist, das Gefühl gibst, du schämst dich, mit ihr zusammen zu sein?“

Das Versteckspiel von Laurel und Stacie endet schon bald, allerdings unfreiwillig. Bei der von Julianne Moore gespielten Polizistin wird eines Tages Lungenkrebs im Endstadium diagnostiziert. Als sie begreift, dass sie an der Krankheit sterben wird, beantragt sie die Übertragung ihrer Pension auf Stacie. Die beiden sind verpartnert, heiraten ging damals, Anfang der nuller Jahre, noch nicht.

Der Spielfilm basiert auf der oscargekürten Doku von Cynthia Wade

Die Behörden in Ocean County, New Jersey, lehnen den Antrag ab. Also schleppt sich die bereits vom Kampf gegen den Krebs gezeichnete Laurel zum öffentlich tagenden Komitee der sogenannten Freeholder, um eine Revision der Entscheidung zu erreichen. „Ich habe in meiner Karriere nie um eine Sonderbehandlung gebeten, ich möchte nur Gleichberechtigung“, sagt sie vor den fünf Männern. Die bleiben hart, doch es regt sich Widerstand. Die Medien berichten und Gay-Rights-Aktivist Steve Goldstein (Steve Carell) organisiert einen aufsehenerregenden Protest.

Die realen Ereignisse wurden von der Filmemacherin Cynthia Wade begleitet, die 2008 für ihre Kurzdokumentation „Freeheld“ mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Der Spielfilm von Peter Sollett beruht auf Wades Werk. Manche Szenen, etwa als das Paar entscheidet, Laurels Kopf zu rasieren, sind direkt daraus übernommen. Das Team war sehr um eine realitätsnahe Darstellung bemüht. „Wir haben vorab viel Zeit mit Stacie verbracht, viel geredet“, sagt Ellen Page. Sie besuchten Stacies Arbeitsplatz und den Laden, in dem Laurel sich morgens immer Kaffee geholt hat. Für Page war es das erste Mal, dass sie eine Figur spielte, die auf einer realen, noch lebenden Person basiert. „Das erhöht die Verantwortung. Man will es unbedingt richtig hinbekommen“, sagt sie – und man merkt ihr noch immer die Erleichterung darüber an, dass Stacie Andree, die bei der Premiere in Toronto dabei war, den Film schätzt.

Es war überdies das erste Mal, dass Page eine lesbische Frau verkörpert. Anders als Julianne Moore, die sich damit seit einer ganzen Reihe von Filmen wie „The Kids Are Alright“, „The Private Lives of Pippa Lee“ und „The Hours“ bestens auskennt. Ihre junge Kollegin lacht, als die Sprache draufkommt. „Ja, das ist witzig. Sie ist Profi. Und eine Art Ehren-Lesbe“, sagt sie und schwärmt von der Liebenswürdigkeit, dem Humor und der Hilfsbereitschaft der Oscarpreisträgerin.

Als die beiden fast überfallen werden, zieht Laurel ihre Pistole

„Freeheld“ erzählt zunächst die Liebesgeschichte von Laurel und Stacie, die sich beim Volleyball-Training kennenlernen. Stacie fragt die Neue anschließend nach ihrer Telefonnummer. Sie ist die Offenere und Offensivere der beiden, Laurel wirkt meist etwas gehemmt („Ich bin deutlich älter als du!“). Als die beiden bei ihrem ersten Date beinahe überfallen werden, ist die Frau mit der schlimmen Achtziger-Jahre-Frisur allerdings ganz in ihrem Element: Sie zieht ihre Pistole und vertreibt die Typen.

Ziemlich genau in der Mitte des Films bricht das Unglück über die beiden herein. Aus der Romanze wird ein Krebs- und Menschenrechtsdrama, das ein wenig an „Philadelphia“ (1993) erinnert. Was wohl auch daran liegt, dass mit Ron Nyswander derselbe Drehbuchautor an „Freeheld“ mitgeschrieben hat. Und ähnlich wie in dem Aids-Drama mit Tom Hanks und Denzel Washington dominiert im zweiten Teil der Kampf um Gerechtigkeit für einen homosexuellen Menschen, dessen Erfahrungen mit Diskriminierung und Vorurteilen immer wieder ins Bild gesetzt werden.

Ellen Page hat ihr Coming Outing nicht bereut

Das ist mitunter recht plakativ, etwa wenn eine Beamtin durch die vielen Dokumente blättert, die Laurel und Stacie für ihre eingetragene Partnerschaft brauchen und anmerkt, dass bei Heterosexuellen nicht so ein Brimborium veranstaltet werde. Auch hat die konfrontative Aufgedrehtheit des Aktivisten Goldstein vor allem die Funktion, die Schwere des Themas etwas auszubalancieren. Doch für einen Hollywoodfilm über ein herzzerreißendes Schicksal macht Regisseur Sollett seine Sache letztlich gut, auch weil er vermittelt, dass es ohne Solidarität und zähen Kampf nicht geht. Dass der US-Supreme Court im letzten Sommer zugunsten der Ehe für alle entschied – dazu haben nicht zuletzt Fälle wie der von Laurel Hester beigetragen.

Auch Ellen Page, die lange dachte, ein Outing bedeute ihr Karriereende, hat ihren Schritt nicht bereut. „Ich bin sehr viel glücklicher jetzt“, sagt sie. Auf roten Teppichen zeigt sie sich nun gern Hand in Hand mit ihrer Freundin, sie setzt sich für queere Rechte ein und ist Moderatorin der Reisedoku „Gaycation“. Über ausbleibende Rollenangebote kann sie sich ebenfalls nicht beschweren. Sogar als Lesbe ist sie wieder besetzt worden.

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