Gender-Ausstellung im Jugendmuseum Schöneberg : Bunter als du denkst

Für die Ausstellung „All Included“ im Jugendmuseum Schöneberg haben sich Kinder und Jugendliche mit Gender, Geschlechterrollen und sexueller Identität beschäftigt.

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Respekt! Durch die Arbeit an der Ausstellung „All Included“ wurden sich manche Jugendliche überhaupt erst ihrer eigenen Vorurteile und Berührungsängste bewusst.
Respekt! Durch die Arbeit an der Ausstellung „All Included“ wurden sich manche Jugendliche überhaupt erst ihrer eigenen Vorurteile...Foto: Jugend Museum

„Das Mädchen strippt, das seh’ ich an der Stange! Die Jungs sind Siegertypen. Das ist krass, guckt euch das an“, steht auf einem Pappschild neben zwei Duschgel-Flaschen. Auf der blauen Flasche rennen zwei strahlende Jungen hinter einem Fußball her. Auf der rosafarbenen reckt sich ein kleines Mädchen im Badeanzug, mit einer Hand scheint sie sich an einer Stange festzuhalten, von der man sich tatsächlich fragt, was die da zu suchen hat.

„Als der Jugendliche aus meiner Arbeitsgruppe das sagte, dachte ich erst: Übertreib’ nicht so. Aber je länger ich hinschaue, desto mehr denke ich: Der hat recht!“, sagt Museumspädagogin Ellen Roters vom Jugendmuseum Schöneberg. Gender Marketing, mit dem Jungs und Mädchen, Männer und Frauen gezielt angesprochen werden sollen, ist eins von elf Themen der Werkschau „All Included“. Es geht darin um Gender und Geschlechtszuschreibungen.

„Eine Ausstellung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt kann man nicht für Kinder und Jugendliche machen, sondern nur mit ihnen“, sagt Kuratorin Petra Zwaka. Ein Jahr lang beschäftigten sich 14 Klassen der Stufen vier bis zehn von sieben Schulen, vorwiegend aus Schöneberg, mit Geschlechterrollen und den dazugehörigen gesellschaftlichen Erwartungen: Sie forschten unter anderem zu queerem Leben, Biografien von Menschen, die sich nicht an sexuelle Zuschreibungen und Geschlechterrollen halten.

"Ich wusste nicht, dass schwul sein früher verboten war"

Die Kinder und Jugendlichen erforschten Terrain, das ihnen zum Teil völlig neu war. „Ich habe gelernt, was Homosexualität in echt bedeutet“ – „Ich wusste nicht, dass schwul sein früher verboten war“ – „Ich wusste nicht, dass zwei Männer ein Kind haben können“, so lauten einige Zitate an den Ausstellungsstationen.

Die Jüngsten, die Klasse 4c der Teltowschule, sahen ein Theaterstück, in dem schwule Senioren Szenen aus ihrer eigenen Geschichte spielten, und erfanden anschließend mit Papierfiguren eigene Regenbogenfamilien. Eine achte und neunte Klasse der Georg-von-Giesche-Schule bekam einen Dokumentarfilm zu sehen, in dem türkische Eltern in Istanbul um Rechte für ihre schwulen, lesbischen, bi- oder transsexuellen Kinder kämpfen. Danach ging es daran, Stellung zu beziehen und einen Rap zu texten. „Müssen wir jetzt was zu schwul und lesbisch machen?“, lautete die skeptische Frage – aber der Bezug zu Themen, die einem am Herzen liegen, war hergestellt.

Eine reichhaltige und facettenreiche Schau

Das Jugendmuseum Schöneberg gestaltet seit fast 15 Jahren interaktive Ausstellungen, in denen sich junge Menschen mit der kulturellen und ethnischen Vielfalt in unserer Gesellschaft auseinandersetzen können. „Der Umgang mit geschlechtlichen Identitäten, die von der heterosexuellen Norm abweichen, ist noch lange nicht selbstverständlich“, sagt Petra Zwaka. Im bundesweiten Wettbewerb „Demokratie leben!“ gewann das Museum für „All Included“ eine fünfjährige Förderung durch das Familienministerium. Die aktuelle Werkschau ist eine Art Zwischenbericht, für 2017 ist eine noch umfangreichere Ausstellung geplant.

Dabei ist schon die jetzige Schau reichhaltig und facettenreich. Die Kinder und Jugendlichen haben Trickfilme hergestellt, Werbespots aufgenommen, Fotoporträts zum Thema Rollentausch gemacht, Interviews geführt, Theater gespielt, Feldforschung im schwulen Kiez um den Nollendorfplatz betrieben, queere Mode entworfen. An manchen Stationen kann man die Ergebnisse ihrer Arbeit sehen, an anderen selbst aktiv werden.

Selbst der Handwerker macht eine Fortbildung zu sexueller Vielfalt

Das Team des Jugendmuseums hat sich auf dieses Projekt sorgfältig vorbereitet: „Bevor es losging, haben wir alle, auch der Handwerker und die Sekretärin, eine Fortbildung zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt gemacht“, sagt Petra Zwaka. Die Kinder und Jugendlichen haben das gemerkt, eine „große Ernsthaftigkeit“ bescheinigt Ellen Roters ihnen. „So ein Workshop kann ein Tropfen auf den heißen Stein sein“, sagt sie. „Wenn das weitergetragen wird, kann er aber auch viel bewirken.“

- Am Donnerstag um 19 Uhr wird „All Included“ für das Publikum eröffnet. Interessant ist die Ausstellung für Schulklassen, Gruppen und Einzelbesucher ab der 5. Klassenstufe – Eltern inklusive. „All Included“, Jugendmuseum Schöneberg, Hauptstr. 40/41. Bis 31. Juli, Mo–Do 14–18 Uhr, Fr 9–14 Uhr, Sa + So 14–18 Uhr. Eintritt frei. Weitere Informationen unter www.all-included.jugendmuseum.de

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